HARVARD BUSINESS MANAGER MAGAZINE Harvard_Business_Manager__Juli_2017 | Página 54
STRATEGIEN TRANSFORMATION
Das Management orientierte sich an typischen
Steuergrößen wie „Umsatz pro Mitarbeiter“. Fol-
gerichtig beschäftigt Infosys, wie auch andere
indische IT-Dienstleister, mehr als 100 000 Mit -
arbeiter. Im Jahr 2000 verfielen jedoch die Preise
im herkömmlichen IT-Outsourcing. Für Infosys
war diese Entwicklung der Anlass, sich in Rich-
tung Produkt geschäftsmodell zu entwickeln. Dar-
aus entstand das Softwareprodukt „Finacle“ für
Banken, ein wichtiger Schritt hin zum nicht linea-
ren Wachstum.
Frontend: Neue und bessere
Standardangebote entwickeln
Auf Massenproduktion umzustellen ist nicht
genug, um sich gegen etablierte Anbieter durch -
zusetzen. Das neue Angebot muss die bestehen-
den Produkte und Services im Markt mit einem
überlegenen Wertversprechen und einer besseren
prozentualen Abdeckung aller relevanten Varian-
ten für die Kunden übertreffen. Dazu muss das
Unternehmen einen standardisierten und teil -
automatisierten Vertriebsansatz entwickeln, da-
mit den Kunden sowohl über physische als
auch digitale Kanäle immer dieselbe Marken -
erfahrung geliefert wird. Kunden mit speziel-
len Anforderungen müssen auf andere An -
gebote verwiesen werden, um die geforderte
durchschnittliche Kundenprofitabilität nicht zu
gefährden. Meist ist auch eine starke Marke nötig,
die als Kompass für die Kaufentscheidungen der
Kunden im Volumenmarkt und bei digitalen Inter-
aktionen dient.
Infosys nutzte für den Aufbau eines eigenen
Softwareprodukts ein Projekt für eine indische
Bank. Auf Basis von deren Kundenbedürfnissen
entwickelten die Mitarbeiter ein zentrales IT-
System für die Bankenbranche. Im Juli 2000 führ -
te Infosys das neue Produkt unter der Marke
„Finacle“ ein; im Zeitraum 2001 bis 2003 erzielte
es mit einem indirekten Partnervertriebsansatz
Wachstumsraten von 50 bis 100 Prozent pro Jahr.
Heute ist Finacle Marktführer für zentrale Bank-
systeme in Asien und Afrika. Die Software ist in
84 Ländern und bei 183 Banken installiert.
Backend: Mithilfe wiederverwertbarer In halte
aus einer flexiblen Servicewertschöpfungs-
struktur eine skalierbare Produktions- oder
Realisierungsstruktur entwickeln
Prozesse müssen in diesem Fall von Menschen
auf Maschinen übertragen werden. In einer digita-
len Welt wird dazu immer mehr der Einsatz von
Algorithmen mit künstlicher Intelligenz erforder-
lich. Automatisierung ist auch ein Thema in der
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Zusammenarbeit mit Zulieferern und Partnern,
nicht nur im Sinne einer engen physischen Ver-
zahnung wie bei Just-in-Time-Lieferkontrakten,
sondern auch durch den Aufbau digitaler Zuliefer-
netzwerke und -marktplätze. Das einzigartige
Wissen des Unternehmens muss für den Aufbau
eines Produkts in wiederholbare Bausteine oder
Module übertragen werden. Auf dieses „produkti-
sierte Wissen“ muss innerhalb der Organisation
schnell und effizient zugegriffen werden können.
Dazu sind eine Kultur des Teilens, das Schaffen
von Wissensmärkten mit geeigneten Anreizsyste-
men und das Management von geistigem Eigen-
tum nötig.
Infosys löste diese Aufgabe, indem sich das
Management auf drei Aspekte konzentrierte: die
Dokumentation des Softwareentwicklungsprozes-
ses, um die Produktivität zu steigern; den Aufbau
eines Wissensmanagements sowie eines automa-
tisierten Anforderungsmanagements. Damit sich
das neue Produkt beim Kunden besser anpassen
und implementieren lässt, erneuerte Infosys seine
Softwarearchitektur. Weitere, komplementäre
Softwaremodule kamen durch Akquisitionen
hinzu, und 2015 wurde die gesamte Infosys-Bank-
lösung von der Analystenfirma Forrester als „Lea-
der“ eingestuft.
Ertragsmechanik: Von einem nachfrage -
orientierten zu einem kostenorientierten
Preismodell wechseln
Statt über Individualisierung die Zahlungsbereit-
schaft einzelner Kunden abzuschöpfen, muss das
Unternehmen lernen, sich durch aktives Fixkos-
tenmanagement mit einem wettbewerbsfähigen
Preis im wesentlich transparenteren Volumen-
markt durchzusetzen. Beim Übergang müssen die
Verantwortlichen außerdem strategische Make-
or-buy-Entscheidungen treffen, da sie selbst unter
Umständen nicht mehr die gesamte Wertschöp-
fung profitabel erbringen können.
Infosys entschloss sich, Finacle so im Wett -
bewerb zu positionieren, dass Beratungs-, Imple-
mentierungs- und Wartungsservices mit ange -
boten werden konnten. Die Kosten minimierte
das Management mithilfe eines globalen Liefer-
modells, Teile des Angebotspakets werden nun
von Offshore-Zentren mit höherem Automatisie-
rungsgrad als früher übernommen. Als Infosys die
Finacle-Anwendungen in die Cloud verlagerte,
stellte das Management die Ertragsmechanik er-
neut um – auf ein Abopreismodell.
Die Infosys-Transformation ist noch nicht abge-
schlossen. Derzeit arbeitet das Unternehmen un-
ter der Leitung des neuen CEOs Vishal Sikka am
BUCHTIPP
Radical Business
Model Transformation.
Gaining the
Competitive Edge in a
Disruptive World
Carsten Linz, Günter
Müller-Stewens,
Alexander Zimmermann
Kogan Page, 2017
260 Seiten, 27,99 Euro
Die Autoren zeigen,
warum Unternehmen
zum Wandel des
Geschäfts modells
gezwungen werden, und
illustrieren die mög -
lichen Transformations-
wege. Ein Kapitel enthält
außerdem Fälle von
Unternehmen, die
mehrere Transformatio-
nen vollzogen haben,
wie Knorr-Bremse oder
Brose.