schaften zu überwinden. Noor erwog sogar die Herausgabe einer eigenen Zeitung für Kinder, die sie „ The New Age“ nennen wollte – eine geradezu prophetische Vorwegnahme jenes Begriffes, der später zu einem Schlüsselwort der Moderne werden sollte!
Wer hätte je gedacht, dass jenes blasse, scheue Mädchen, das einst den ersten Preis für Kameradschaftlichkeit erhielt, und zwar von eben jenen Mitschülerinnen, die sie zunächst wegen ihrer olivfarbenen Haut verachtet und ausgeschlossen hatten und deren Herzen sie dann doch erobern konnte, dass jenes Mädchen eine Kriegsheldin werden würde, die der brutalen Gestapo so lange mutig und klug die Stirn bieten sollte, bis sie von einem vermeintlichen Freund verraten wurde?
Mit der Nachricht vom Tode unseres Vaters verdüsterte sich unsere Welt. Unsere Mutter, so sanftmütig, so liebevoll und so fragil, brach zusammen und blieb für elf Jahre ans Bett gefesselt, und dann erreichten uns die bösen Vorzeichen des Krieges. Noor war in dieser Zeit unsere kleine Mutter, sie sorgte für alle unsere Bedürfnisse, verarztete unsere Erkältungen und stand uns bei in unseren geheimen kindlichen Nöten und Bedrängnissen. Als wir heranwuchsen, wurden unsere gequälten Herzen durch die Gnade der Musik gerettet. Unser ganzes Haus vibrierte von Musik. Noor spielte Harfe, Claire Klavier, Hidayat Violine und ich Cello. Wir engagierten einen genialen fünfzehnjährigen Violinisten, Janski, 1 von dem die Professoren des Konservatoriums und der École Normale de Musique übereinstimmend erklärten, sie könnten ihm nichts mehr beibringen. Wir studierten unter Nadia Boulanger, Stravinski, Prokofiev, Paul Dukas, Wanda Landowska und Thibaud. Noor und ich begleiteten 1935 meinen Cello-Lehrer Maurice Eisenberg auf einer Reise zu Pablo Casals nach San Vicente, einem Seebad an der Costa Brava. Zur Überbrückung einer schwierigen Lebensphase verbrachte ich auch einige Zeit mit ihr in Champéry, in den Schweizer Alpen.
Dann zogen bereits wie Sturmwolken die dunklen Vorboten jener Ereignisse auf, die unser Leben zerstören sollten. Im Radio hörten wir die brutal-hysterische Stimme Hitlers: „ Meine Geduld ist am Ende“ – hätte er doch nur erkannt, dass er selbst die Geduld von Millionen Menschen über alle Maßen strapazierte und deren Träume von einer besseren Welt missbrauchte, um sich damit zu schmücken! Wir hofften
1 Janski Szegeti, Neffe des Violinisten Joseph Szegeti
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