Bücher über Interreligiöse Spiritualität, Meditation und Universaler Sufismus Die Seele der Blumen - Heilende Pflanzen-Essenzen | Page 12

Was sind Pflanzen?
Vielleicht gehören Sie so wie ich zu den Menschen, die überall und unter allen Umständen als erstes schauen, welche Pflanzen wachsen? Natürlich spielt das Elternhaus dabei eine Rolle. Auf den ausgedehnten Spaziergängen mit meinem Großvater zeigte er mir mit seinem Stock die verschiedenen Blumen und Bäume und nannte mir ihre Namen. Als ich mich für das Abitur vorbereiten musste, hatte ich den dringenden Impuls, den elterlichen Garten vollkommen um zu gestalten. Mit viel Freude widmete ich meine Zeit der neuen standortgerechten Anordnung der Pflanzen. Ich legte neue Beete an, Rasenflächen wurden verkleinert. Im Abitur bin ich dann durchgefallen. Viel später, als ich als Managementtrainer mit meinem Chef für eine wichtige Besprechung an der Firmen-Zentrale eines unseren Hauptkunden angekommen waren und wir zehn Minuten zu früh waren, schaute ich mir die Parkanlage an, während er sein Handy benutzte. Als er mich dann dabei erwischte, dass ich von manchen Pflanzen Samen in meine Tasche steckte, musste er schrecklich lachen. Er meinte, so was tut man normal nicht. Was würden unsere Kunden von uns denken, wenn sie zufällig aus dem Fenster schauten?
Mich in der Natur bewegen, die Natur bewundern und genießen, mich mit der Natur beschäftigen, das ist meine Leidenschaft. Gehören Sie auch zu dem Menschenschlag, der erst mal überhaupt nicht einsehen kann, warum man seine Augen schließen sollte, wenn man meditiert? Haben sie auch nie verstanden, warum man unbedingt still sitzen sollte, wenn man betet? Dann willkommen im Club! Vielleicht können Sie in dem Fall auch verstehen, welche Erleichterung ich empfand, als mein Sufi-Lehrer es ausdrücklich befürwortete, dass ich meine Wazifas( spirituelle Übungen der Sufis) auf dem Fahrrad im Wald praktizierte. Spiritualität heißt für mich, die Einheit mit dem Ganzen zu spüren. Nirgends erlebe ich das intensiver als in der Natur. Und bei den Sufis entdeckte ich, dass ich mit dieser Haltung in bester Gesellschaft bin.
Murshid Inayat Khan bezieht sich gerne auf die Aussage von Jesus „ In Ihm leben wir, bewegen wir uns und haben wir unser Wesen.“ Er erklärt dies folgendermaßen: „ Wir müssen uns bewegen, und wir bewegen uns, um unser Wesen in Gott zu schaffen. Ohne Bewegen leben wir nicht; wenn wir unser Wesen nicht schaffen, bewegen wir uns nicht, leben wir
nicht. Deswegen ist es dem Leben eigen, dass wenn wir leben, wir uns bewegen und fortschreiten, und den Seins-Zustand erreichen, wofür wir bestimmt sind. Wir sehen diese Neigung in jedem Wesen. Ein Pflänzchen, ein Bäumchen, wenn wir sein Wachstum unterdrücken, wenn wir einen Zaun drumherum errichten, wenn wir es mit Glas überdecken, wird es nicht blühen, wird es keine Blüten treiben; mit der Zeit wird es sterben. Warum ist dies so? Weil sein Leben sich nicht ausdrücken kann, wenn es überdeckt wird; es kann sich nicht zum Ausdruck bringen, wenn ein Zaun drumherum steht. Es ist ihm nicht genug, am Leben zu sein, denn Leben will nicht nur leben; um sich zu verwirklichen, muss das Leben in der Lage sein, Fortschritt zu machen, und Fortschritt wird nur gemacht, wenn freie Bewegung möglich ist.“
Murshid nimmt als Beispiel für Wachstum die Pflanzen. Er sagt, dass wir Menschen uns an den Pflanzen ein Beispiel nehmen sollten. Er stellt menschliches Wachstum dar als einen Prozess, vergleichbar mit dem der Pflanzen.
Ist der Vergleich eine nette Parabel? Ist das Gleichnis als poetisches oder symbolisches Bild zu verste-
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