Deutsche Spuren in der Geschichte und Kultur Armeniens
auf dem Prerauer Friedhof bestattet, die übrigen Opfer wurden im Krematorium in Olmütz eingeäschert. Die Asche wurde in zwei Zink-Kisten mit einer Größe von 90 x 60 x 50 cm gefüllt und am 29. Oktober 1947 auf dem Olmützer Friedhof im Grab der Gruppe XXIII- Nr. 191 beigesetzt.
Gedenkstätte erinnert an die Tragödie
An die Tragödie erinnert auf dem Prerauer Friedhof eine 1993 von der „ Drexlerhauer Gemeinschaft e. V.” errichtete Gedenkstätte. Sie befindet sich an dem Ort, wo die exhumierten 71 Männer 1947 beigesetzt wurden. Anlässlich des 70. Jahrestages dieses Massa- kers bereitet der Bürgermeister der Stadt Prerau Vladimir Pu- chalsky mit Frantsek Hybl eine Reihe von würdigen Veran stal- tungen vor.
Auf dem Friedhof im Olmützer Stadtteil Neietin ist der größte Teil der Opfer begraben. Dort erinnerte bis 16. Juni 2016 nichts an die ermordeten Karpatendeutschen. Die Stadt Olmütz hat sich aus eigener Initiative entschlossen dies zu ändern. An die Wand des Friedhofes unweit des Ortes, wo die Asche der Karpaten- deutschen beigesetzt ist, wurde am 16. Juni um 15 Uhr eine Gedenktafel mit der Inschrift „ Kto chráni vinniky sám se dopouti viny!”( Wer die Schuldigen schützt, macht sich selbst schuldig!) angebracht.
In der Ansprache des Bürgermeisters von Olmütz Antonik Stanék und seines Stellvertreters wurde gesagt: „ Es ist schwer verständlich, dass über das Massaker bei Prerau fast ein halbes Jahrhundert nicht gesprochen wurde.”
An der feierlichen Enthüllung nahmen auch der Bürgermeister und der Pfarrer aus Dobschau, Vertreter unseres Vereins und des Bergmannsvereins teil. Im Namen aller Karpatendeutschen bedanken wir uns bei der Stadt Olmütz für diese Gedenktafel. Sie beweist, dass das Schicksal der unschuldigen Opfer für die Ol- mützer Stadtväter nicht unbedeutend ist. Großen Respekt und Anerkennung für diese Haltung! Die Worte auf der Gedenktafel werden hoffentlich für alle ein Memento sein und eine Warnung für weitere Generationen.
Ondrej Pöss
Deutsche Spuren in der Geschichte und Kultur Armeniens
Aufbruch zum heiligen Berg Ararat vor 200 Jahren
Von Heide Rieck
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Was wissen wir von den Spuren, die deutsche Kaiser, Bischöfe, Forscher, Künstler, Bauern und Bergsteiger seit dem frühen Mittelalter in Arme- nien hinterlassen haben?
Dieser Frage spürte der armenische Historiker, Vorsitzender des Armenisch-Akademischen Vereins 1860 e. V., Azat Ordukhanyan am 12. März 2016 in der Volkshochschule Bochum im Gespräch mit der deutschen Autorin Heide Rieck exemplarisch nach. Bilder auf der Leinwand veranschaulichten den Vortrag im dicht besetzten Saal. Die Geschichte der Deutschen in Armenien hat zwei große historische Zweige: der erste führte zur Zeit der Kreuzzüge über Kilikien( in der heutigen Türkei), der zweite im 19. Jahrhundert von Ulm aus über die Donau ans Schwarze Meer und weiter über Odessa auf dem Landweg Richtung Kaukasus in das Gebiet der heutigen Republik Armenien.
Exemplarisch für viele deutsche Adlige und Kirchenfürsten, die im Mittelalter auf ihren Kreuzzügen nach Jerusalem das Ar- menische Königreich Kilikien( 1080 – 1375) durchquerten, stellte
Ordukhanyan die Verbundenheit des Deutsch – Römischen Kai- sers Friedrich I., genannt Barbarossa( Rotbart), mit dem ar me ni- schen Adel vor.
1190 trug Barbarossa auf seinem Kreuzzug nach Jerusalem eine Krone im Gepäck, um den armenischen Fürsten Lewon II. zum König von Kilikien zu krönen.
Am Vorabend der Feierlichkeiten wollte sich der deutsche Kaiser im Wasser des munter fließenden Flusses Kalykadnos( Se- leucia) erfrischen. Nie aber kehrte er ins Haus seines Gastgebers zurück. Wer kann sich ausmalen, in welchen Seelen- zustand der armenische Fürsten Lewon II. verfiel, als er erfuhr, dass sein ho- her Gast aus Deutschland ertrunken war? Nun gab es keine heiteren Krönungsfeierlichkeiten. Eine To- tenfeier.
Das Herz des Deutsch – Römischen Kaisers Friedrich I. wurde einbalsamiert und in der armenischen Kathedrale St. Sophia von Tarsus bestattet, seine Gebeine wurden Richtung Jerusalem geschickt – mussten aber aus Kriegsgründen nach Tyrus( im heutigen Libanon) gebracht werden. Diese armenische Kathedrale ist aber heute nicht mehr armenisch. Sie wurde in eine türkische Moschee umgebaut.
Barbarossas Sohn Heinrich VI. löst das Versprechen seines Va- ters ein, indem er acht Jahre später einen Stellvertreter ins Arme- nische Reich schickte.
Im Jahr 1198 krönte der Kardinal von Mainz Konrad von Wit- tels bach als päpstlicher Legat und Beauftragter des deutschen Kaisers Heinrich VI.( stellvertretend für den Kanzler Konrad von Querfurt) in der Kathedrale St. Sophia zu Tarsus den armenischen Fürsten Lewon II. zum König, Lewon I. von Kilikien( 1187 – 1219), auch Leo I. genannt oder „ Löwe von den Bergen”. Die heilige Salbung vollzog der armenische Katholikos Grigor Abirad.
Alexander Yaskorski und sein Sohn Rudolf Yaskorski hielten in dem Buch „ Die Schwaben an der Schwarzmeerküste und im Kaukasus” den Auszug der „ Bruderschaft der Christuskinder” aus Schwaben, Hessen, Luxemburg und Bayern – zum Ararat – fest. Eine Christengemeinde von weit über 8000 jungen und alten Frau en und Männern hatte vor zwei Jahrhunderten ein weit entferntes und doch so nahes, weil klares Ziel: der heilige Berg Ararat.
Anfang des 19. Jahrhunderts glaubten diese frommen Christen daran, dass bald eine zweite Sintflut die Erde überschwemmen würde. Auf dem Gipfel des heiligen Bergs Ararat würden sie gerettet sein und könnten im Vertrauen auf Gott überleben; denn es war ihnen geweissagt worden, dass Jesus 1836 zurück auf die Erde kehren würde.
Deshalb bat man in einem Brief an den russischen Zar Alexan- der I. um die Erlaubnis zur Durchreise durch einen Teil des Zarenreichs. Ohne Schwierigkeiten wurde die Reise genehmigt; denn die Mutter des Zaren war eine Deutsche, Sophia Dorothea Augusta von Württemberg( rus. Maria Fjöderowna).
So begaben sich im Sommer 1816 vierzig Familien mit Sack und Pack von Ulm aus auf die Reise – über die Donau und das Schwarze Meer. In Odessa rasteten sie. Im Februar 1817 gab ihnen der General der russisch – kaukasischen Armee Jermolow die Erlaubnis, sich 35 km von Tiflis niederzulassen, und bereits im September 1817 war das Dorf „ Ma- rien feld” so gut und bewohnbar errichtet, dass im Frühjahr 1818 verschiedene Briefe in die Heimat geschickt werden konnten: „ Ihr könnt kommen”
Sogleich machten sich 1500 Familien mit 5000 Kindern und Jugendlichen auf den Weg über die Donau gen Osten – in 14 Ko- lonnen etwa 8000 Menschen, darunter Alte und Kranke. Unter- wegs starben 3000, und viele Menschen waren so erschöpft, dass sie nicht mehr weiterzogen und sich in Odessa ansiedelten.
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