Jula ihr Zentrum hat. Die Veränderung, dass also nur diejenigen
ungarischen Staatsbürger die deutsche Liste in ihrer Ortschaft
wählen durften, die sich schriftlich vor der Wahl zur deutschen
Minderheit bekannten und um ihre Aufnahme in die deutsche
Wählerliste baten, sorgte zuerst zu einiger Unruhe, da wegen der
erwähnten historischen Erfahrung der Vertreibung diese Art von
Registrierung nicht unumstritten war. Während den Wahlen 2006
und 2010 funktionierte allerdings dieses System im Großen und
Ganzen zufriedenstellend. Das neue Gesetz über die Rechte der
Nationalitäten aus dem Jahre 2011 veränderte das System nicht
maßgeblich, obwohl über das Funktionieren dieser neuen Rege -
lung noch keine langfristigen Erfahrungen vorliegen. Eine negati-
ve Erscheinung ist der Entzug ders Mitbestimmungsrechts der
Nationalitätenselbstverwaltungen bei der Bestimmung des päda-
gogischen Programms. Zur Zeit sind im Lande 423 örtliche deut-
sche Minderheitenselbstverwaltungen aktiv, auch auf der mittle-
ren Komitatsebene sind seit der Wahl 2006 die Körperschaften
entstanden. Der Landesrat der ungarndeutschen Chöre, Ka -
pel len und Tanzgruppen e.V. repräsentiert einen Großteil der
über 500 Kulturgruppen in Ungarn, die Bezüge zur deutschen
Minderheit haben. Dies bildet die Basis der kulturellen Auto -
nomie der Deutschen in Ungarn, das Gesamtbild wird aber von
weniger erfreulichen politischen, sprachlich–kulturellen Tenden -
zen beeinflusst.
2.3. Entwicklung im Bildungswesen
Kehren wir zur Ausgangssituation in der Wendezeit zurück, damit
die aktuellen Geschehnisse richtig gedeutet werden können. Wie
oben angeführt, entwickelte sich das Schulwesen der deutschen
Minderheit in Ungarn seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts
zwar unter besseren Rahmenbedingungen, aber es fehlten die kla-
ren gesetzlichen und fachlichen Fundierungen bezüglich des
Minderheitenunterrichts. Die chaotische Situation ist z.T. bis
heu te noch vorhanden, sogar im Bereich der Terminologie. Be -
griffe wie Nationalitätenunterricht, Minderheitenunterricht,
Sprachunterricht, zweisprachiger Unterricht usf. wurden
sowohl beim Unterrichtsministerium als auch bei den betroffenen
Institutionen bzw. bei den Gemeinde- und Stadträten, die als
Institutionsträger funktionieren, unterschiedlich verwendet und
ausgelegt. Hinter den anmutenden statistischen Zahlen des
Unterrichtsministeriums über die Anzahl der Schüler, die an
einem deutschen Minderheitenunterricht teilnehmen, steckt eine
kunterbunte Realität, wobei die meisten Kinder von Angehörigen
der deutschen Minderheit keine Schule oder keinen Kindergarten
besuchen, die ihren spezifischen Ansprüchen entsprechen wür-
den. Der typische Fall v.a. in kleineren Ortschaften – und be -
kanntlich leben die meisten Ungarndeutschen in solchen Ort -
schaften – ist, dass in der Grundschule (die sich stolz Natio nali -
tätenschule nennt) de facto Deutsch als Fremdsprache unterrich-
tet wird. Vielerorts ist dies auch nur in einem Klassenzug der Fall,
und alle anderen Stunden bzw. die außerschulischen Aktivitäten
laufen natürlich (?!) in ungarischer Sprache.
Seit einigen Jahren muss dieser sog. Sprachunterrichtstyp der
Minderheitenschulen in Deutsch mindestens 5 Wochenstunden
anbieten. Dies ist eine große Errungenschaft, wenn wir folgende
Zahlen berücksichtigen: Aus einer Umfrage des Kultusminis te -
riums, die in 209 Schulen mit einem Minderheitenunterricht (ent-
weder Sprachunterricht oder zweisprachiger Unterricht) im Jahre
1992 durchgeführt wurde, geht hervor, dass damals in 10 befragten
Schulen 6 Wochenstunden Deutschunterricht stattgefunden hat,
in 3 Schulen waren es 5 Wochenstunden, in 5 Schulen 4 Wochen -
stunden und in nur zwei Schulen drei Stunden pro Woche. In den
restlichen Schulen gab es dementsprechend in einer oder zwei
Wochenstunden Deutschunterricht... So ist es nicht verwunder-
lich, dass 5 Wochenstunden als große Entwicklung empfunden
wird, aber im Vergleich zu den quasi einsprachig deutschen
Minderheitenschulen in Rumänien für die schon größtenteils aus-
gewanderte deutsche Bevölkerung oder zu den mehr als 100 eben-
falls einsprachigen privaten Schulen der etwa 20 000 Personen
umfassenden deutschen Minderheit in Dänemark, ist die Lage
mehr als kritisch zu betrachten. In den vergangenen Jahren haben
die sog. Minderheitenselbstverwaltungen zwar viele positive
Impulse bewirkt in Kreisen der Ungarndeutschen, aber im
Unterrichtswesen sind in den letzten Jahren Warnsignale erschie-
nen. In den Institutionen, wo auch Angehörige der deutschen
Minderheit einen gesteuerten Weg des Lernens erreichen können,
herrscht nach wie vor ein recht unterschiedliches Bild, was die
Qualität der Erziehung und des Unterrichts anbelangt. Die Über-
legung, dass sich in den nächsten Jahren die gesamte Zukunft des
Minderheitenunterrichts und höchstwahrscheinlich auch die
Zukunft der deutschen Minderheit in Ungarn im Allgemeinen
ent scheidet, ist nicht neu. Zweisprachige Klassenzüge werden auf-
gelöst, der allgemeine Rückgang der Kinderzahlen führt zur
Schließung von Schulen, der notorische Mangel an gut ausgebilde-
ten Deutschlehrern, das vollkommene Fehlen einer deutschspra-
chigen Ausbildung für Fachlehrer, die immer noch andauernde
Prob lematik der entsprechenden Lehrwerke im Minderheiten -
unterricht usw. sind Signale dieser negativen Richtung.
Die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) regis-
trierte diese negativen Tendenzen und beschloss, dass als Ver -
wirklichung der kulturellen Autonomie die LdU als Trägerin von
wichtigen schulischen und kulturellen Institutionen funktionieren
sollte. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wurden wichtige
Schulzentren in eigene Trägerschaft der deutschen Minderheit
übernommen. Seit 2004 funktioniert in dieser Form die Valeria
Koch Mittelschule, Grundschule, Kindergarten und Schüler -
wohnheim in Fünfkirchen/Pécs (Südungarn) und das Fried -
rich-Schiller-Gymnasium, Berufliches Gymnasium und Schü -
lerwohnheim in Werischwar/Pilisvörösvár bei Budapest. Das
Ungarndeutsche Bildungszentrum in der Stadt Baja, wird von
einer Stiftung getragen, hier nimmt die LdU ebenfalls an der
gemeinsamen Trägerschaft teil. Die Deutsche Bühne Ungarn
(DBU) in der Stadt Szekszárd funktioniert bereits seit 25 Jahren
als deutschsprachiges Theater, aktuell in der gemeinsamen Trä -
gerschaft des Komitates Tolnau/Tolna und der LdU. Weitere wich-
tige Institutionen zum Ausbau der kulturellen Autonomie wurden
in diesen Jahren ebenfalls gegründet, so das Ungarndeutsche Pä -
da gogische Institut und das Ungarndeutsche Kultur- und
Informationszentrum (www.zentrum.hu).
Die LdU hat das Ziel, dieses System von selbst getragenen
Minderheiteninstitutionen aus- und aufzubauen, weil ansonsten
die oben angeführten negativen Tendenzen immer stärker die
gesamte Situation mitprägen würden. Diese fatale Entwicklung
könnte aus der Sicht der Deutschen in Ungarn perspektivisch exis-
tenzgefährdend eingestuft werden, da der normale Prozess der
Weitergabe der Sprache in den Familien kaum mehr möglich ist,
aus den angeführten Gründen sind zwei–drei (?) Generationen
auf gewachsen, die sich dadurch auszeichnen, dass unter den
Angehörigen der deutschen Minderheit prozentual gesehen rela-
tiv wenige eine deutsche sprachliche Varietät authentisch beherr-
schen. Das bedeutet, dass es hier auch darum geht, im Falle einer
überintegrierten Minderheit, die sich sprachlich weitgehend assi-
miliert hat, den Versuch zu starten, den Prozess des Sprach -
wechsels in Richtung Ungarisch zu unterbrechen. Falls dieser
Versuch mit Hilfe eines gut ausgebauten zweisprachigen und lang-
fristig auch z.T. einsprachigen Unterrichtswesens nicht gelingt,
führt dies zur vollkommenen Assimilation der Deutschen in
(Fortsetzung auf Seite 6)
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