Sonntagsblatt 4/2025 | Page 39

Reihe an renommierten Wissenschaftlern mit ungarndeutschen Forschungsbereichen unterschiedlicher Disziplinen für uns als Berater gewinnen konnten. Diese sind national und auch international tätig, somit freut uns diese Unterstützung natürlich sehr. Außerdem ernten wir auch reichlich Anerkennung von Privatpersonen, die uns ihre Familienfotos anvertrauen oder spontan alte Haushaltsgegenstände vorbeibringen- die sonst vielleicht im schlimmsten Fall irgendwann einmal auf dem Sperrmüll landen würden. Es finden uns außerdem auch Menschen aus Deutschland, überwiegend online, die auf der Suche nach ihren ungarndeutschen Wurzeln in unserer Region sind. Aber auch Nachkommen von Heimatvertriebenen teilen ihre Familiengeschichten mit uns. Solche Momente bestärken uns- glaube ich- am meisten darin, dass sich diese Arbeit lohnt und wie wichtig die eine oder andere Information für jemanden sein kann, die wir unserer Datenbank entnehmen können. Es ist auch für uns eine große Freude, wenn wir helfen können.
SB: Warum wurde Nadasch als Standort gewählt?
AK: Für eine geographisch so stark geteilte Nationalität wie das Deutschtum in Ungarn sind zentrale Kulturstandorte keine Lösung. Man muss mindestens auf regionaler Ebene oder an manchen Stellen auf Bezirksebene tätig sein. Zum Beispiel war das Zentrum in Budapest eine sehr tolle Initiative mit viel Potenzial. Der Tätigkeitsbereich wurde aber leider nicht erweitert und die Gründung regionaler Standorte wurde auch nicht verfolgt. Die Idee war also, dass wir eine kulturelle Organisation erschaffen, die für Interessenten aus der Schomodei, Branau und Tolnau in erreichbarer Nähe ist und die sich mit dieser Region beschäftigt. Da dies alles in Bonnhard entstand, war es natürlich, dass wir in Sachen Immobilie zuerst da nachfragten. Obwohl es die zweitgrößte deutsche Siedlung in Südungarn ist, kam zu unserer Gründungszeit kein Angebot. Mit Hilfe der örtlichen und deutschen Selbstverwaltung im benachbarten Nadasch bot sich aber die Gelegenheit, unser erstes Büro zu eröffnen. Die Gemeinde liegt inmitten des einstigen deutschen Siedlungsgebiets- halbwegs zwischen Seksard und Fünfkirchen- und ist genauso wie Bonnhard über die Bundesstraße 6 leicht erreichbar. Die Frage des langfristigen Standortes hängt natürlich von einer geeigneten Immobilie ab, die Stiftung sollte aber weiterhin auf dem Grenzgebiet der Komitate Branau und Tolnau bleiben.
SB: Was genau sammelt und dokumentiert das Institut?
AK: Vorrangig Fotos und Schriftgut! In den letzten Jahren fokussierten wir uns auf unser hauptsächliches Sammelgebiet Südwestungarn. Es kommt aber immer mehr Material von außerhalb- auch aus Deutschland und Österreich. Das erfreut mich persönlich sehr, denn wir möchten einen lebendigen Kontakt mit diesen Ländern pflegen. Neben den Spenden und dem Ankauf solcher Objekte digitalisieren wir weiterhin ausgeliehene Dokumente von deutschstämmigen Familien- zurzeit um die 9.000 Artikel oder 30 % der Sammlung.
GS: Ich würde noch erwähnen, dass diese Dokumente ein breites Spektrum der Gesellschaft abdecken- von Bauern und Handwerkern bis zum Adel. Neben dem Archiv streben wir auch die Anlegung einer Bibliothek an. Neulich bekamen wir eine große Bücherspende von den Familien Dietrich und Netzasek aus Budapest- ein wundervolles Material. Ich persönlich bin übrigens verantwortlich für den Ausbau einer sakralen Sammlung, die auf meiner Privatsammlung von deutschsprachigen Gebetbüchern aus dem 19. Jh. aus der Branau basiert. Die Übernahme von Gebrauchsgegenständen ist leider wegen Platzmangel sehr eingeschränkt. Gegenwärtig nehmen wir aber noch alles auf, was in unsere Sammlung passt. Unser leitender Historiker Dr. Zsolt Vitári erkundigt sich zurzeit über die Beschaffungsmöglichkeiten von Diplomarbeiten mit ungarndeutschen Themen von der Universität Fünfkirchen. Das wird ebenfalls eine große Bereicherung für uns und alle Forscher und Interessenten sein.
SB: Wie finanziert sich die Stiftung?
AK: Trotz kontinuierlicher Nachfrage blieb unsere Sache in den letzten knapp vier Jahren ohne politische Vertretung. So wurde die Unternehmung zu 90 % von uns selbst finanziert. Wir reden hier von über 10 Millionen Forint( 26.000 Euro). In Anbetracht dessen, dass die Kuratoriumsvorsitzende und ich seit fast zwei Jahren kein festes Einkommen haben, muss das jetzt Beweis genug sein, dass wir es ernst meinen.
GS: Damit es die Leser verstehen: Für ein Institut unserer jetzigen Größenordnung werden jährlich um die 30- 40 Millionen Forint( 78.000-104.000 Euro) benötigt. So eine Summe kann von Privatpersonen nicht verlangt werden. Da unsere Arbeit jedoch gemeinnützig ist, sind wir auf die Hilfe unserer Gemeinschaft angewiesen. Spenden kann man jetzt schon auf unser Bankkonto. Wir werden natürlich potenzielle Partner im Ausland kontaktieren und möchten auch Förderer aus dem Kreis der Unternehmen ansprechen.
SB: Wo sehen Sie die Stiftung in fünf Jahren?
AK: Ich glaube, dass wir in den kommenden Jahren hauptsächlich weiterhin mit der Dokumentation vorangehen, da dieser Bereich den jetzigen Beteiligten entgegenkommt. Hoffentlich können wir unser Archiv verdoppeln und eine Webseite aufbauen, wo man zumindest in einem Register nachschauen kann, was alles bei uns zu finden ist. Das Wichtigste ist aber die Finanzierung und ich hoffe, dass wir in der nächsten Legislaturperiode mehr Unterstützung bekommen. In fünf Jahren sollten wir mindestens vier bezahlte Mitarbeiter haben und eine Immobilie, die unserem Wachstum standhalten kann- also in der Größenordnung von 100 m ².
GS: Pläne sollten natürlich immer mit den gegebenen Möglichkeiten im Einklang stehen. Wir haben das meiste bisher aus eigener Tasche finanziert, deshalb hoffen wir auf viele gleichgesinnte Unterstützer- auch auf höheren Ebenen. Es wäre auch schön, Diskussionen über wirklich relevante Themen führen zu können- wie etwa über die Abwanderung des wissenschaftlichen Nachwuchses oder über Zukunftsperspektiven von jungen Ungarndeutschen hier in Ungarn. Es wäre meiner Meinung nach auch wünschenswert, dass es generell mehr deutsche Inhalte über uns Ungarndeutsche gibt, denn das Angebot aktuell deckt sich meiner Ansicht nach nicht zwingend mit der Nachfrage- und das möchten wir ändern.
SB: Vielen Dank für das Gespräch!
Mit den beiden Stiftungsvertretern sprach Ibolya Lengyel-Rauh.
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