Sonntagsblatt 4/2025 | Page 15

WAS FÜR UNS NOCH BLEIBEN DARF

Von Robert Becker
Etwa 1300 Jahre bevor sich unsere Vorfahren auf den Weg in ihre neue Heimat im damaligen Königreich Ungarn machten- im Jahr 429- setzten die Vandalen unter der Führung ihres Königs Geiserich nach Afrika über. Auf den Ruinen von Karthago richteten sie ihre neue Hauptstadt ein. Auf den Spuren Roms nahmen sie die von dem einstigen Großreich geprägte und hinterlassene mediterrane Kultur an. Durch ihre eigenen Sitten gefärbt und bereichert pflegten sie diese Kultur weiter.
Ihrem sprichwörtlichen( nicht besonders guten) Ruf wurden sie teils gerecht, aber die Vandalen zerstörten nicht nur, sondern bauten auch. Dieses Erbe fand nach knapp hundert Jahren- im Jahr 534- durch die prompte Eroberung durch Belisar ein jähes Ende. Dieser war der oströmische Heermeister des Kaisers Justinian.
Wenn infolge dieser Eroberung Karthagos Spuren auch nicht zum zweiten Mal mit Salz bestreut worden sind, wurde der unter römischem Baustil errichtete Regierungspalast der Vandalen bald dem Verfall preisgegeben. Vom baulichen Erbe der Vandalen blieben sonst auch kaum überlieferte Überreste- außer den heute Teil des UNESCO-Welterbes bildenden Antoninus-Pius-Thermen. Sie sind ebenfalls in Karthago in Tunesien zu finden und waren mit einer Ausdehnung von 200 Metern Länge die größte Thermenanlage der afrikanischen Provinzen Roms. Diese Thermenanlage wurde von den Vandalen während ihrer Herrschaftszeit neu errichtet und umgebaut. Dazu kommen noch die Kirchenruinen in Bani Mousa.
Diesen Bogen habe ich nur geschlagen, um schließlich bei uns hier anzugelangen- im heutigen Ungarn, wo wir als Deutsche immer weniger aufscheinen. Einst gab es ganze Landstriche mit unseren Ortschaften. Sie waren durch ihre Erscheinung, die Baustruktur, die Gestaltung, die Farben der Fassaden und so weiter geprägt. Damit wurde signalisiert, dass wir hier zu Hause sind. Dazu kamen noch unsere Sprache, die wir in aller Öffentlichkeit auf die Gassen getragen haben, damit wir uns verständigen, sowie auch die Trachten, die uns in aller Welt charakterisiert haben.
Die Trachten und unsere Sprache sind aus der Öffentlichkeit verschwunden, geblieben ist noch in Spuren unser bauliches Erbe. Dazu zähle ich auch die Friedhöfe, die Funeralkultur, die Grabsteine, die auch in ihren kurzen Texten teils bis heute noch offensichtlich darstellen, dass es unter denen, die für dieses Land einst gelebt und gearbeitet haben, zeitweilen auch Deutsche gab.
Wie auch Stonehenge bezeugt, können Steine Jahrhunderten, ja Jahrtausenden sich ändernder Mode und neuer Bevölkerung trotzen. Sie stellen in jedem Fall unter Beweis, dass dort einst andere Kulturen ebenfalls an einer Heimat gebaut haben.
Mich macht es unheimlich traurig, wenn ich in unserem
Land zum Beispiel serbisch- orthodoxe Kirchen ihrem Verfall preisgegeben sehe oder evangelische Kirchen, um die sich heute kaum ein Mensch mehr kümmert. Es fehlt die Gemeinde und die heutigen Bewohner dieser Orte stehen diesem Erbe resistent und gleichgültig gegenüber. Es besteht dort die Hoffnung, dass mit dem sichtbaren Verfall alles, was aus dem Blickfeld verschwindet, auch aus dem Sinn ausgeblendet werden kann. So kann man sich auch recht zufrieden zeigen.
Nun, ja, das ist wohl im Allgemeinen auch der Fall. Die Menschen, die die Bevölkerung ausmachen, leben in ihrer ewigen Gegenwart. Was man in Historien und Ortsgeschichten über eine verlebte, abgetane Vergangenheit noch festhält, wird in der Zukunft vielleicht noch Stoff für manche Konferenzen liefern oder ein Thema für Diplomarbeiten und Dissertationen darbieten – sonst nicht viel mehr.
Wenn ich durch Ortschaften der Deutschen in Ungarn fahre oder zu Fuß mir vertraute Ecken besuchen will, sehe ich, wie das bauliche Erbe immer mehr sporadisch nur noch ins Auge scheint. Auch Friedhöfe werden teils aufgelöst, teils neu strukturiert und einer Ordnung neuer Ansprüche gerecht. Ich werde mehr und mehr enttäuscht davon, was ich erlebe.
Es ist natürlich klar, dass die Zeit nicht stehen bleibt, wobei man bauliches Erbe nicht einfach konserviert tradieren und weitergeben kann. Jeder Anspruch zu wohnen, ändert sich. Wären wir nicht aus unseren Ortschaften vertrieben worden, hätte sich wahrscheinlich nicht weniger Änderung vollzogen. Nur wäre das weitergewachsen, was durch das Anlegen unserer Hände einst begonnen hat. Dann stünde alles in jener Kontinuität, die Entwicklung heißt- je nach den Vorzügen der Mode und der Zeit.
Trotz aller durch historische Tatsachen geschaffenen Umstände möchte man doch gerne unter Beweis gestellt sehen, dass man sich auf eine Vergangenheit berufen kann, in der unsere Ahnen hier nicht wenig geschaffen und geleistet haben. Deshalb macht mich Verschwinden vom baulichen Erbe meiner Vorfahren traurig.
Es geht hier nicht( alleine) um ein „ erworbenes“ Anrecht auf das bei der Vertreibung zehntausendfach einkassierte Vermögen, denn darin hat man sich ja bereits befriedet( wenn auch nicht aus den Gründen der sogenannten Wiedergutmachung nach dem Systemwechsel). Man erhebt aber allgemein einen Anspruch auf sein Erbe, das man trotz aller widerwirkender Zeitfragen und Hindernisse noch fortleben und davon gerne so viel wie nur möglich behalten möchte. Wenn man um sich blickt, möchte man auftanken, um durch sichtbare Wurzeln in guter Hoffnung Kräfte zu sammeln und so durch einen Trieb in eine Zukunft hineinzuwachsen.
Wir Deutsche im Ungarn unserer Zeit, sollten es uns wert sein, dafür einzutreten, Gebäude, Wegkreuze und Friedhö-
15