Sonntagsblatt 4/2025 | Seite 10

uns viel Kraft, nicht zusammenzubrechen und mit harter Arbeit mit dem Bau unserer eigenen Häuser zu beginnen. Ich glaube, das war der Durchbruch. Nachdem die Deutschen gesehen hatten, dass wir niemanden belästigen und fleißig arbeiten, haben sie uns aufgenommen.“
Die Familie konnte ihre Kaltensteiner-Wurzeln- ihr geliebtes Haus- nie ganz loslassen. Nach dem Regimewechsel kauften sie es zurück. So kann János bácsi mit seiner Tochter jedes Jahr( heuer auch mit Enkelkind) mehrere Wochen in Kaltenstein verbringen.
SB: Wie würden Sie die Diskussion am Runden Tisch zusammenfassen?
EB: Wir reisten ein wenig in die Vergangenheit zurück und erhielten Einblicke in die Schrecken der Deportation. Geplant hätte ich die Dauer der Diskussion zwei bis zweieinhalb Stunden, doch die Überlebenden waren unermüdlich. Nach drei Stunden und 40 Minuten schloss ich die Diskussion mit den Gedanken von Maria Nitschinger, obwohl ich den Gästen anmerkte, dass sie noch weiter ihre Geschichten erzählen wollten und noch nicht aufhören wollten: „ Wir sind hier daheim, aber die richtige Heimat ist dort, wo man geboren ist. Alles kann man ersetzen, nur die Heimat nicht. Überall gibt es gute Menschen, doch Freunde, wie in Ungarn, findet man nicht. Heimweh hat ein jeder mal, geht ´ s ihm auch noch so gut. Ich bleib ´ Dir treu, mein Leben lang, geliebte Heimat mein.“
SB: Frau Burda, vielen Dank für das Gespräch! Das Gespräch führte Richard Guth.

SPRACHPRÜFUNGSSTATISTIKEN: DRAMATI- SCHER RÜCKGANG BEI DEUTSCHKENNTNISSEN IN UNGARN

Von Stefan Pleyer
Im Vorjahr 2024 sank die Zahl der Sprachprüfungskandidaten in Ungarn dramatisch. Laut den offiziellen Statistiken des Landesschulamtes( Oktatási Hivatal) versuchten nur 58.969 Personen, eine Sprachprüfung abzulegen, überwiegend auf B2-Niveau, mit insgesamt 46.649 bestandenen Sprachprüfungen, während diese Zahl 2019 noch bei etwa 124.500 lag, mit 82.369 erworbenen Zertifikaten. Dies bedeutet einen Rückgang um mehr als die Hälfte innerhalb von nur fünf Jahren.
Unter den gewählten Sprachen führt weiterhin Englisch die Liste an( Prüflinge: 49.109, erfolgreich abgelegt 39.229), gefolgt von Deutsch mit 7.760 Kandidaten, dann Spanisch und Französisch – dabei wurden 2024 nur 5.769(!) erfolgreiche Deutschprüfungen abgelegt, in den Niveaustufen A1 bis C2.
Die Anzahl der in Ungarn beworbenen und abgelegten deutschen Sprachprüfungen zeigt zwischen 2019 und 2024 unbestreitbar einen dramatischen Rückgang. Im Spiegel der veröffentlichten Daten liegt Folgendes vor: Im Jahr 2019 meldeten sich 21.926 Personen zur Deutschprüfung an, mit einer Erfolgssumme von 13.405. Im Vergleich zu 2024 bedeutet dies einen Rückgang um 65 und 57 %( Zahl der Prüfungsteilnehmer und der erfolgreich abgelegten Prüfungen), was angesichts der Entwicklung der letzten Jahre einen drastischen, stufenweisen Rückgang der Deutschkenntnisse im Lande darstellt. Noch auffälliger ist der alarmierende Trend, wenn man die fortgeschrittenen C1- bzw. C2-Sprachprüfungen betrachtet, die bereits kompetente Sprachkenntnisse belegen: Im Jahr 2024 wurden lediglich 1.044 Prüfungsteilnehmer auf diesem Niveau registriert, was im landesweiten Vergleich als eindeutig gering einzustufen ist. Der Sinkflug wurde nach 2016 mehr als deutlich, da 2016 landesweit noch 27.841 Prüflinge mit Deutsch als Prüfungssprache erfasst wurden. Also innerhalb von acht Jahren( 2016-2024) sage und schreibe 72 % weniger! Eine ähnliche, wenn auch etwas gemäßigtere Talfahrt ist in den Statistiken des Deutschabiturs zu beobachten: Im vergangenen Jahr fiel die Zahl derjenigen, die Deutsch als Prüfungsfach im Abitur wählten, erstmals
10 unter die 10 000er Marke- der niedrigste Wert seit vielen Jahren.
Zwei Fragen stellen sich im Zusammenhang mit dem allmählich erfahrenen „ Mundsterben“ des Deutschen in Ungarn. Erstens: Wie ist diese Tendenz zu erklären? Sicherlich ist jener Umstand zu beklagen, dass die ungarische Regierung im Jahr 2022 ankündigte, die zuvor eingeführte Sprachprüfungspflicht für den Erwerb eines Hochschuldiploms abzuschaffen. Damit entfiel einer der wichtigsten Motivationsfaktoren, was auch dadurch bestätigt wird, dass der Rückgang bei der Zahl der Sprachprüfungen besonders deutlich in der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen zu beobachten ist. Hinzukommt der zahlenmäßige Rückgang bei den jüngeren Altersgruppen in der ungarischen Gesellschaft. Dabei soll eine immer kleinere Gruppe mit immer weniger Motivation für das Sprachenlernen begeistert werden, vor dem Hintergrund von finanziellen und strukturellen Schwierigkeiten beim Zugang zum Sprachunterricht und bei der intensiven Suche nach alternativen Wegen und deren Nutzung, etwa über Online-Applikationen, die weniger formelles, sondern eher „ praxisorientiertes” Wissen vermitteln.
Dabei muss betont werden, dass der glaubwürdige Nachweis der Sprachkenntnisse nach wie vor die Sprachprüfung bzw. das Sprachzertifikat bleiben – worauf auch die Stufen und die schulischen Lehrpläne für den Sprachunterricht basieren-, die auf dem Arbeitsmarkt in vielen Bereichen als Voraussetzung gelten. Alles in allem zählen die Ungarn in Bezug auf Sprachkenntnisse in der Europäischen Union zum Schlusslicht, nur Bulgarien produziert schlechtere Werte: Laut einer Eurostat-Erhebung von 2022 sprechen 51,3 % der Ungarn im Alter von 25 bis 64 Jahren gar keine Fremdsprache.
Bezüglich der schwierigen Situation der deutschen Sprache in Ungarn lässt sich feststellen, dass dahinter in erster Linie die vollständige Dominanz der englischen Sprache an den ungarischen Schulen steht, und zweitens die Probleme beim Zugang zu qualitativ hochwertigem Deutschun-