Sonntagsblatt 3/2026 | Page 2

UNGARNDEUTSCHTUM AM WENDEPUNKT

Von Patrik Schwarcz-Kiefer
Ungarn hat am 12. April ein neues Parlament gewählt, dessen Mehrheit mit dem Versprechen eines tiefgreifenden Systemwechsels in das Hohe Haus eingezogen ist. Wie jede erdbebenähnliche politische Veränderung betrifft auch dieser Wandel alle Bereiche der Gesellschaft – und damit selbstverständlich auch die Nationalitäten des Landes.
Diese Situation zwingt die ungarndeutschen Intellektuellen, Amtsträger und letztendlich die gesamte ungarndeutsche Gemeinschaft zum Nachdenken: Wie wird unsere Zukunft aussehen? Welche Rolle wollen wir in einem neuen Ungarn spielen? Welche Ziele setzen wir uns für das 21. Jahrhundert?
Man hört und versteht, dass in den ersten Monaten der neuen Regierung eine gewisse strategische Ruhe herrscht. Abwarten, beobachten, analysieren – das kann in einer Übergangsphase sinnvoll sein. Doch diese strategische Ruhe darf nicht zu einer dauerhaften Haltung werden. Die kommenden Monate und Jahre können entscheidend für die Zukunft unserer Gemeinschaft sein. Vor uns stehen zwei mögliche Drehbücher.
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Ewige strategische Ruhe
Die ewige strategische Ruhe bedeutet nichts anderes als die Fortsetzung der bisherigen Politik: Wir warten auf die Ideen der Regierung und geben einige friedenssuchende Impulse. Wir bitten gelegentlich um Verbesserungen in einzelnen Bereichen und meiden die wirklich tiefgehenden Fragen.
Doch gerade diese Fragen müssen endlich offen diskutiert werden: das Wahlrecht, das Selbstverwaltungssystem, die tatsächliche Durchsetzung der Sprachenrechte, die Zukunft der ungarndeutschen Bildung und die langfristige Wirksamkeit unserer Institutionen.
Diese Strategie wäre im Grunde die Bewahrung des Status quo.
Wie bei einem Unternehmen ist es auch für eine Minderheit überlebenswichtig, ständig nach Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen und für Verbesserungen zu kämpfen. Man darf sich niemals dauerhaft mit dem Erreichten zufriedengeben, denn Stillstand bedeutet langfristig Rückschritt.
Unsere Situation ähnelt dabei immer mehr der bekannten Geschichte vom gekochten Frosch: Wenn sich die Bedingungen langsam verschlechtern und wir nichts unternehmen- wenn wir kein frisches, kaltes Wasser hinzufügen, merken wir vielleicht zu spät, dass die Gefahr bereits Realität geworden ist. Übertragen bedeutet das: Eine Minderheit, die nicht aktiv für ihre Zukunft arbeitet, läuft Gefahr, schrittweise ihre Sprache, ihre Identität und ihre gesellschaftliche Bedeutung zu verlieren.
Diese passive Strategie scheint daher keine zukunftsfähige Lösung zu sein. Unabhängig davon, ob man den politischen Wandel begrüßt oder kritisch betrachtet: Ein neues Ungarn entsteht. Man kann nicht so tun, als wäre diese Tatsache eine Fata Morgana.
Aufstehen, Ziele setzen und handeln
Dieser historische Moment bietet auch eine große Chance für uns. Man könnte sich an die gesellschaftliche Aufbruchsstimmung des Systemwechsels von 1989 erinnern: Damals entstanden neue Ideen, neue Organisation( sform) en und neue Formate gesellschaftlicher Beteiligung. Die Regierung hat Offenheit für gesellschaftliche Diskussionen und neue Impulse versprochen. Wäre es nicht im Interesse der ungarndeutschen Gemeinschaft, diese Möglichkeit aktiv zu nutzen?
Dafür brauchen wir jedoch zuerst ein klares Zukunftsbild: Wohin wollen wir? Wie stellen wir uns das Ungarndeutschtum des 21. Jahrhunderts vor? Welche Institutionen brauchen wir? Wie können wir unsere Sprache, Kultur und Identität nicht nur bewahren, sondern lebendig weiterentwickeln?
Jetzt besteht die Möglichkeit, nicht nur darüber nachzudenken, sondern konkrete Schritte einzuleiten. Dies kann jedoch kein einzelnes Gremium und keine einzelne Person allein schaffen. Dafür braucht es einen breiten gesellschaftlichen Austausch: zwischen den Generationen, zwischen den Gemeinden, zwischen den Institutionen und innerhalb unserer gesamten Gemeinschaft.
Wir sollten nicht darauf warten, was die Regierung uns anbietet und gewähren möchte. Wir sollten selbst formulieren, was wir von der Regierung erwarten.
Die Frage der Glaubwürdigkeit
In diesem Zusammenhang muss auch ein schwieriges Thema angesprochen werden. Die ungarndeutsche Gesellschaft ist durch die parlamentarische Tätigkeit von Emmerich Ritter und die politische Strategie der vergangenen Jahre teilweise gespalten worden. Ritter und diejenigen, die ihn 2022 zum Spitzenkandidaten machten, haben das Ungarndeutschtum sehr stark in die große Politik eingebunden.