Sonntagsblatt 3/2025 | Page 34

na, damals 15 Jahre alt, wuchs schnell heran, sodass ihre Eltern ihr erlaubten, manchmal das coole Festtagskleid ihrer Schwester zu tragen. Sie war unglaublich stolz auf das schöne, farbenfrohe Outfit, doch die verarmten Einheimischen sahen sie an, als wäre sie eine Außerirdische und zeigten mit dem Finger auf sie. Katharina wollte dazugehören und begann ihre Mutter anzuflehen, das Kleid in etwas Moderneres umzugestalten. Die trauernde Mutter weigerte sich zunächst, doch Anfang der 1960er Jahre ließ sie sich die Taille abschneiden. Da die Familie jedoch inzwischen in den Westen nach Bayern gezogen war, wurde aus der traditionellen Kleidung im Zuge der Integration schließlich ein modernes Dirndl.
Die Ausstellung erzählt viele ähnliche Geschichten. Eine persönliche Geschichte veranschaulicht beispielsweise, wie leicht eine grundlegende Trachtenreform das Werk einer alleinerziehenden, gutherzigen Mutter sein kann und wie lange die Tracht unter den Deutschen in kleinen Dörfern eine lebendige Tradition war. In Kreuzstätten / Cruceni / Temeskeresztes, einer Gemeinde im Partium mit 500 bis 600 Einwohnern, kleidete sich beispielsweise in den 1950er Jahren noch die Hälfte der Einwohner im traditionellen schwäbischen Kleidungsstil, während die Neuerer dem alternativen Stil des Gentry(„ úri“) folgten.
Die Traditionalisten schworen, wie ihre Eltern und Großeltern, in Schwarz die ewige Treue, die Modernen in Weiß.
Doch schon vor ihrer Hochzeit 1955 entschied Anna Rémy, dass sie eine traditionelle schwäbische Hochzeit wollte, allerdings nicht in Schwarz, sondern in Weiß. Ein Punk-Girl braucht eine Punk-Mutter: Die Verantwortlichen erlaubten es ihr, und die beiden kreierten ein revolutionäres Fusion- Stück im traditionellen Stil, aber in Weiß.
Die Ausstellung bietet noch viel Spannendes, angefangen bei upgecycelter, also mit zeitgenössischen Elementen veredelter, original donauschwäbischer Kleidung. Das Ganze hat einen gesunden Maßstab: Auf den ersten Blick wirkt die Ausstellung fast klein, doch es gibt so viele persönliche Geschichten, die unterhalten oder mitreißen, dass diejenigen, die sich darauf einlassen, erst nach Stunden fertig sind.
Direktor Szalay erzählte mir unter anderem, dass die alte donauschwäbische Kultur im alltäglichen Essen weiterlebt. Zwar trug meine Großmutter keine schwäbischen Kleider mit Unterröcken, da ihr Vater kein Bauer, sondern Hausarzt war, und sie sprach in meiner Gegenwart kaum Deutsch, abgesehen von ein paar fallengelassenen „ nicht vor den Kindern“, aber sie kochte schwäbische Gerichte mit geheimnisvollen Namen wie „ zauresz“( Saures), „ fánekuhni“( Fahnekuchen) und „ héfekléss“( Hefekleß / Hefeklösse). Daher stürzte ich am Ende der Führung, völlig bewegt von der Ausstellung, auf Henrike Hamper als offizielle Schwäbin, um mein Lieblingsgericht aus Schwäbisch zu identifizieren: den gekochten Bohneneintopf, gebacken in einem Eisentopf, mit einer sauerteigkuchenartigen Füllung in der Mitte, den meine Großmutter „ héfekléss“( Hefekleß) nannte. Ich war sofort froh, dass sie ihn nicht kannte, aber wir fanden heraus, dass der Name des Gerichts Hefeknödel bedeutet.
Auch für alle, die noch nie Hefeteig gegessen haben, wird die Ausstellung ein tolles Erlebnis sein, wobei es in der aktuellen Situation vielleicht genügt zu sagen, dass die Klimaanlage im Völkerkundemuseum perfekt funktioniert.
Die Ausstellung steht noch bis zum 25. Januar 2026 für Interessierte offen.
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