Tracht war nie etwas völlig Einheitliches, das einem starren Kanon entsprach. Natürlich gab es Kanons, aber das gesamte System war dynamisch, mit Variationen, die sich von Dorf zu Dorf und von Familie zu Familie unterscheideten, mit überraschend häufigen individuellen Neuerungen.
So etwas passt jedoch nicht in die politische Kommunikation, die schon immer stark vereinfacht war. Die Ausstellung präsentiert die Aquarellserie der in Wien geborenen, begeisterten Nazi-Malerin Erna Piffé, die die Volkstrachten deutscher Dörfer in Ungarn darstellte und dabei nach Elementen suchte, die sich nach ihrem Verständnis im Geiste der Nazi-Ideologie als reine, altdeutsche Motive darstellten. Noch interessanter ist jedoch der Block, der die Geschichte erzählt, wie junge Paare ihre Hochzeitsgäste baten, nicht in der Tracht zu kommen, die sie zumindest jedes Wochenende trugen, sondern in der „ offiziellen“, nachdem die vor Hunderten von Jahren aus ihrer Heimat ausgewanderten Donauschwaben in den 1930er und 40er Jahren dank der Nazi-Propaganda die quasi offiziell kanonisierte „ echte“ deutsche Volkstracht kennen lernten.
Ein weiterer kluger Schachzug der Ausstellung ist anhand konkreter Familiengeschichten die Erzählung dessen, wie schrecklich die Deportation der Schwaben aus Ungarn im Jahr 1947 die Vertriebenen traf. Obwohl mich das Thema emotional berührt, habe selbst ich es für mich bisher so aufgefasst, dass es nicht okay ist, dass ihnen alles geraubt wurde und sie aus ihrem Geburtsort vertrieben wurden, aber dafür sind sie dem Kommunismus entkommen und können das Ganze in ein paar Jahren vielleicht als glückliche Fügung betrachten.
Hier können wir anhand konkreter Geschichten erleben, wie die Donauschwaben, die mit einem Pferdewagen voller Hab und Gut von ihrem über Generationen angehäuften Reichtum flohen oder mit ein paar Koffern in einen Waggon gesetzt wurden, in ein zerbombtes, fast völlig zerstörtes, bettelarmes Land kamen, wo viele sie nicht als Volksbrüder betrachteten, sondern als Konkurrenten, die mit unverständlichem Akzent sprachen.
Ich habe mir zum Beispiel nie vor Augen geführt, dass nicht nur die 200.000 aus Ungarn deportierten Schwaben, sondern auch alle Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten – rund 15 Millionen Menschen – gleichzeitig ins Mutterland strömten.
Es kam mir nie in den Sinn, dass etwa ein Viertel der aus Ungarn Deportierten, 50.000 Menschen, gar nicht in den Westen, sondern in die DDR gebracht wurden, also vom Regen in die Traufe. Darüber hinaus erholte sich ein erheblicher Teil der betroffenen donauschwäbischen Familien bis zur Vertreibung nicht einmal von dem emotionalen Schock, weil die Sowjets sie nach Kriegsende zu Zehntausenden zur Zwangsarbeit deportiert hatten.
Hier ist zum Beispiel die Geschichte der Familie Märcz oder die des grünen Blumenkleids der Elisabeth Märcz. Die 19-jährige Besitzerin des Kleides wurde am Ende des Krieges von den Sowjets deportiert und kurz darauf ermordet. Die Familie erholte sich noch kaum von dem Schlag, als die überlebenden Mitglieder 1947 vom ungarischen Staat in die sowjetische Besatzungszone, die spätere DDR, deportiert wurden. Sie nahmen auch das Kleid des toten Mädchens mit. Ihre jüngere Schwester Kathari-
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