Sonntagsblatt 3/2025 | Page 21

eigenschaft entlassen wurde. Das ist jedoch nicht vollständig, da nicht sicher ist, ob alle legal gekommen sind oder ob sie vielleicht bei Nacht und Nebel einfach weggegangen sind, ohne es der Herrschaft mitzuteilen.
Es ist also die Kunst der Familienforschung, festzustellen, ob die in Deutschland gesuchte Person mit der in Ungarn gefundenen Person identisch ist.
SB: Gibt es auch besonders problematische Bereiche der Forschung? Die Sprache zum Beispiel?
KP: Oh ja. Die katholischen Matriken wurden zum Beispiel lateinisch geführt. In Ungarn sind sie ab den 1830er Jahren auf Ungarisch geführt. In Deutschland sind sie oft in deutscher Sprache geführt oder gemischt mit Latein, oft schon in der alten deutschen Schrift. Das ist für Anfänger besonders schwer zu lesen. Und das ist Handschrift. Da muss ich die Handschrift eines mir fremden Menschen lesen können, und nicht alle Priester haben schön geschrieben.
Ein Problem ist für viele, festzustellen, ob der Name identisch ist, denn wir sprechen von deutschen Namen. Es gab keine einheitliche Rechtschreibung. Man schrieb alles so, wie man dachte. Warum könnten wir von fremden Menschen erwarten, dass sie den Namen anderer richtig schreiben, wenn wir nicht einmal wissen, wie er richtig geschrieben wird? Bei einem Namen können es also zehn verschiedene Varianten geben.
Wir müssen auch damit rechnen, dass sich die Handschriften im Laufe der Zeit geändert haben. Ich kann Handschriften aus dem 17. und 18. Jahrhundert gut lesen, aber ein Dokument aus den 1500er Jahren kann ich nicht entziffern.
Ein Beispiel sind Vornamen. In Ungarn waren die Rufnamen als Vornamen eingetragen. Da stand nicht Elisabeth, sondern Örzse oder Rézi. Denn die Person, die zur Taufe oder Hochzeit kam, hat ihren Namen so gesagt. Wenn das Kirchenbuch schon lateinisch geführt wurde, war das eine Frage für den Pfarrer, wie dieser Name zu schreiben sei. Hätte sich die Braut als Leni vorgestellt, wäre sie dann Magdalena oder Helena gewesen? Eugen und Edmund, ungarisch Jenő und Ödön, wurden oft verwechselt.
SB: Haben Sie vielleicht auch überraschende Entdeckungen gemacht,?
KP: Ja, es ist immer interessant, wenn in einem einfachen Eintrag mehr Informationen stehen als sonst. Das kommt vor allem bei den Sterbeeintragungen vor. Wenn nicht an einer Krankheit, sondern durch Mord gestorben wurde, ein Unfall erlitten wurde oder sogar historische Ereignisse zurückgespiegelt werden. In einem Eintrag aus den 1630er Jahren stand, dass eine Person im Kinderbett durch die Tyrannei feindlicher Soldaten verstarb. Das heißt, wir waren im Dreißigjährigen Krieg. Es waren die gefürchteten Schweden damals dort. Wahrscheinlich war sie hochschwanger und es wurde etwas mit ihr gemacht. Oder jemand wurde auf dem Heimweg in seine frühere Heimat von Räubern im Wald ermordet. Solche Geschichten kann man nur so finden.
Mein erster Pencz-Ahn lebte 1799 bereits in Waschkut. Im Archiv habe ich Urkunden über seine Ehetrennung gefunden. Und darin sind einige sehr interessante Dokumente enthalten: Zeugenvernehmungen, Briefe, also eine ganze Akte. Ich will nicht die ganze Geschichte erzählen, das ist nicht so interessant, aber man erfährt, was für ein Mensch er war, wie er lebte, welche Probleme er hatte und was die Nachbarn über ihn gesagt haben. All das kommt mir sehr nah, obwohl er vor über 200 Jahren lebte. Ja, Geschichte wird dadurch lebendig.
SB: Das ist tatsächlich so: Geschichte wird lebendig. Vielen Dank für das Gespräch!
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