UNGARNS NATIONALER ATLAS
Hochwertige kartographische Arbeit mit Verleugnung der Geschichte
Von Patrik Schwarcz-Kiefer
Für jemanden wie mich sind Karten von besonderem Interesse. Man kann viel und oft noch mehr aus den grafischen Darstellungen von Raum, Verteilung und Entwicklung ablesen. Wenn es um demographische Karten geht, schlägt mein Herz noch höher. Ungarns Nationaler Atlas ist in dieser Hinsicht ein Volltreffer. Aus Sicht eines Ungarndeutschen jedoch ist es eine Enttäuschung. Kritische Anmerkungen sind daher unumgänglich.
Wo sind die Deutschen verschwunden?
Das in vielerlei Hinsicht lückenfüllende Werk bietet neben aktuellen Statistiken auch einen historischen Überblick zur Bevölkerungsentwicklung im Karpatenbecken. Der Verfasser des Kapitels „ Ungarn und die Madjaren“, Károly Kocsis, schildert die tausendjährige Geschichte der Madjaren aus einer eindeutig madjarischen Perspektive.
Es ist problematisch, dass Herr Kocsis die Assimilationsprozesse im ungarischen Landesteil als natürlichen Prozess beschreibt. Er betont, der liberale ungarische Staat sei gar nicht in der Lage gewesen, eine Zwangsassimilierung durchzuführen. Natürlich darf man historische Entwicklungen nicht ausschließlich mit heutigen Maßstäben beurteilen, die Standards jener Zeit waren andere. Im Vergleich zu zentralistischeren Staaten wie Frankreich mag diese Behauptung in Teilen zutreffen, aber es ist schlicht nicht wahr, dass es keine systematische Assimilation gegeben habe.
Noch auffälliger ist das Schweigen über das Ungarndeutschtum in der Zwischenkriegszeit. Es wird lediglich festgestellt, dass der Anteil der Madjaren zugenommen habe – kein einziges Wort über die Ursachen, über politische Strategien oder gesellschaftlichen Druck.
Die deutschsprachigen Inseln zwischen Identitätsverlust und Stillschweigen
Was der Atlas ebenfalls ausspart, ist der gewaltsame Umbau der ethnischen Landkarte nach 1945 – nicht nur in den Städten, sondern auch in ländlichen Gebieten. Während detailliert beschrieben wird, wie sich die magyarische Bevölkerung zwischen 1780 und 1910 durch Binnenwanderung, Geburtenüberschuss und Assimilation ausbreitete, bleibt unerwähnt, dass dieselben Territorien zeitgleich von einer massiven Reduktion der deutschsprachigen Gemeinden betroffen waren.
Besonders irreführend ist die Darstellung der Nachkriegszeit. Die Vertreibung der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien wird zwar angesprochen, Ungarn jedoch bleibt in dieser Aufzählung auffällig ungenannt. Das ist kein bloßes Versäumnis, sondern ein systematisches Verschweigen. Die ethnische Landkarte wurde durch staatlich gelenkte Umsiedlungen und Vertreibungen neu gezeichnet: Es verschwanden gelbe Flecken, die für nichtmadjarische Gebiete standen und wurden ersetzt durch rote, die für madjarische Dominanz stehen. Diese kartographische Symbolik zieht sich durch das Werk- ohne jegliche Erklärung.
Eine vertane Chance auf mehrstimmige Darstellung
Das Werk zeigt ein beeindruckendes kartographisches Niveau und erhebt den Anspruch, ein umfassendes geographisches Verständnis des Karpatenbeckens zu vermitteln. Umso notwendiger wäre es gewesen, auch die Perspektiven der nichtmadjarischen Bevölkerung ernsthaft einzubeziehen – nicht nur als statistisch erfasste Minderheiten, sondern als historische Akteure, deren Schicksale, Leistungen und Verluste untrennbar zur Geschichte Ungarns gehören.
WIE WIR EINST NOCH ZU EINEM STAMM WERDEN KÖNNTEN
Von Robert Becker
Von den Begriffen „ Hochkultur“ und „ Stammeskultur“ halte ich ehrlich gesagt in einer nicht gleichrangig betrachteten Einstufung nicht viel. Auch die einfachste Möglichkeit, die sichert, in gegenseitiger Achtung zusammenzuleben, betrachte ich als legitim und anerkennenswert. Es handelt sich ja um gleichrangige kulturelle Standards.
In diesem Sinne schaue ich mir zum Beispiel Aufnahmen Leni Riefenstahls von dem afrikanischen Stamm der Nuba in gewisser Regelmäßigkeit an. Ich möchte erleben, wie sie bei einer professionellen Betrachtung mithilfe der Technik- in einem nicht ungleichen Verhältnis ihres steinzeitlichen Entwicklungsstandes- vor einem interessierten Publikum erscheinen.
In den Besitz der Vorzüge moderner Zeit gelangt, löst sich alles auf, was in einer bestimmten Harmonie frühzeitlicher
Entwicklung steht: zum Beispiel der Besitz von Handys, Motorrädern oder auch nur westlicher Kleidung.
Wir, Deutsche in Ungarn, sind auf unsere Art auch ein Stamm, der versucht, zeitgemäß zu wirken, weil er sich alles ausreden lässt, was ihn von der Sprache bis zum Inhalt des Kochtopfs von je her ausgemacht hat.
Worüber ich nun schreiben möchte, wird als eine Erfahrung nicht von allen unter uns geteilt werden können, aber das ist gerade gut so. Als ich in meinem Umfeld gemerkt habe, dass immer mehr Menschen, ja ganze Familien aus deutschen Landen erscheinen, um hier einen einigermaßen festen Wohnsitz zu nehmen, da sah ich eine Möglichkeit, unsere kleine Volksgruppe mit neuem Leben zu erfüllen.
Ich habe gedacht, man sei gegenseitig daran interessiert,
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