Sonntagsblatt 3/2025 | Page 11

Kührer-Wielach plädiert für eine differenzierte Aufarbeitung ohne „ Opferkonkurrenz“
Florian Kührer-Wielach lieferte einen Abriss der neueren Geschichte der Verfolgung von Minderheiten in Mitteleuropa, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg etwa in Folge der Balkankriege mit der „ Wahnidee ethnonationaler Homogenität“ begonnen habe. In der Zwischenkriegszeit sei der Druck auf Minderheiten stetig gestiegen und schließlich etwa in der systematischen „ Umvolkung“ in Folge des Hitler-Stalin-Pakts kulminiert.
Die umfangreichen Umsiedelungen von Volksdeutschen „ Heim ins Reich“ hätten sich keineswegs immer freiwillig vollzogen. Nach 1945 habe die „ grausame Logik des Kollektivismus“ schließlich mit den Vertreibungen und der Deportation Deutschsprachiger erneut zugeschlagen, wie Kührer-Wielach erklärte. Bei den sogenannten „ Wilden Vertreibungen“ habe es sich um „ gewaltsamste Entladungen der Vergeltung“ unter den Augen der Sowjets gehandelt. So wie der Nationalsozialismus alle pauschal zur Volksgruppe zusammengefasst habe, seien sie nun auch pauschal bestraft worden. Dies habe etwa die Tschechoslowakei betroffen, aber auch Jugoslawien, wo Titos Partisanen alle Donauschwaben kollektiv zu „ Volksfeinden“ erklärt hätten. Schließlich habe mit der Flucht nach Österreich das „ zähe Ringen um Integration“ begonnen, erläuterte Kührer-Wielach, wobei es zunächst nur um „ blankes Überleben“ gegangen sei. In einer gesellschaftlichen „ Gemengelage aus politischem Unwillen und strategischem Verdrängen“ sei den Vertriebenen in Österreich auch viel Hass entgegengeschlagen. Erst ab den 1950er-Jahren habe ein schrittweiser Gleichstellungsprozess begonnen. Die Aufarbeitung des Schicksals der Vertriebenen sei noch lange vom politischen Wunsch getrieben gewesen, einen „ Schlussstrich“ zu ziehen, wie Kührer-Wielach anhand von Parlamentsreden illustrierte. Er plädierte jedoch für eine differenzierte Aufarbeitung des „ epochalen Kulturbruchs“ der Vertreibungen. Diese Aufarbeitung soll getragen sein von Empathie, Selbstreflexion und ohne in die „ Kollektivismus-Falle“ zu tappen. Dies sei die Aufgabe der nachfolgenden Generationen, so Kührer-Wielach. Für „ Opferkonkurrenz“ und ein „ gegeneinander Ausspielen der Katastrophen“ sei hingegen kein Platz.
Koschyk: Standortbestimmung Deutschland
Hartmut Koschyk erläuterte die Geschichte des Umgangs Deutschlands mit den Vertriebenen. Auch dort sei ihr Schicksal oftmals ausgeblendet worden. Dies gelte besonders für die sowjetische Besatzungszone und spätere DDR, wo anstatt von Vertriebenen von „ Umsiedlern“ gesprochen worden sei, um die „ sozialistischen Bruderstaaten nicht an ihre Untaten zu erinnern“ und damit zu brüskieren. Es habe ein „ klarer Assimilationszwang“ geherrscht und es seien kaum soziale oder wirtschaftliche Maßnahmen im Sinne der Vertriebenen gesetzt worden.
Anders habe sich die Situation in der Bundesrepublik Deutschland dargestellt, erklärte Koschyk. Auch im Vergleich zu Österreich habe hier die Politik allein aufgrund der hohen Zahl an Vertriebenen einen anderen Umgang pflegen müssen. Zu den 9 Millionen Vertriebenen bis 1950 seien noch 4,5 Millionen Aussiedler bis in die 2000er Jahre gekommen. Neben politischen Maßnahmen wie dem Bundesvertriebenengesetz und dem Lastenausgleichsgesetz hätten die Vertriebenen im Rahmen eines reichen Verbandswesens vor allem selbst für ihre Integration gesorgt, wie Koschyk ausführte. Eine Zäsur habe schließlich die Wiedervereinigung dargestellt, in deren Rahmen sich Gesamtdeutschland verpflichtet habe, auch das gesamte deutsche Kulturerbe zu wahren. Die Vertriebenen in der ehemaligen DDR hätten als „ moralische Geste“ nun auch den Lastenausgleich erhalten, der vorher nur in Westdeutschland ausgezahlt worden sei. Schließlich finde sich auch im aktuellen deutschen Koalitionsvertrag zwischen CDU / CSU und SPD ein „ klares Bekenntnis“ zur Bewahrung des Erbes der Vertriebenen, so Koschyk.
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