Identität wurden die meisten bestärkt. Nur etwa ein Drittel gab an, dass sie das nicht beeinflusste. „ Ich bin stolz darauf, Ungarndeutsche zu sein – ich muss mich dafür nicht schämen“ – solche und ähnliche Aussagen aus den Interviews lassen darauf schließen, dass die historischen Ereignisse immer noch Auswirkungen haben: Vor allem ältere Jahrgänge mussten teilweise ihre deutsche Herkunft früher leugnen. Es war also für sie alles andere als normal, sich zu ihrer Herkunft zu bekennen, was sich aber in einigen Fällen durch die genannten Erfahrungen in der Pflege änderte. Viele berichteten, dass deutsche und österreichische Familien gar nicht wussten, dass es in Ungarn eine deutsche Minderheit gibt – diese Begegnungen waren also auch kulturell sehr aufschlussreich für beide Parteien. Durch die gemeinsame Sprache konnten sie außerdem ein Vertrauensverhältnis zu ihren Kommunikationspartnern aufbauen und es wurde mit ihnen auf Augenhöhe kommuniziert.
SB: Welches Potenzial steckt noch in Ihrer Dissertation?
GS: Es gibt noch sehr viel Spielraum. Insbesondere die Sprachkontaktsituationen, in denen sich die ungarndeutschen Frauen aus Südungarn auf dem deutschen Sprachgebiet durch ihre Arbeit als Pflegerinnen zurechtfinden müssen, sind durchaus spannend. Es sind in ihrer Art auch einzigartige Sprachkontaktsituation unter deutschsprachigen Sprechern mit unterschiedlichen Sprachvarietäten. Es würde sich anbieten, bei einer weiteren Untersuchung Gesprächssituationen zwischen ungarndeutschen Pflegerinnen und ihren deutschen Betreuten – d. h. von der Seite der Empfänger – aufzuzeichnen. Dabei könnten die Pflegerinnen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der ungarndeutschen Ortsdialekte zu ihrer eigenen Varietät anhand ihrer individuellen Wahrnehmung erläutern. Interessant ist darüber hinaus der Umstand, dass Ungarndeutsche nicht nur in der häuslichen Pflege, sondern auch in der landwirtschaftlichen Saisonarbeit tätig waren. Es würde sich daher anbieten, auch die saisonale Arbeitsmigration in der Landwirtschaft wie u. a. Spargelstechen oder Obsternte im deutschen Sprachraum als Migrationsvorgang zu untersuchen. Dies wäre anhand derselben sprachwissenschaftlichen Fragestellungen möglich wie in der vorliegenden Arbeit. Auch eine Folgeuntersuchung mit Informantinnen der jetzigen Untersuchung in einigen Jahren trägt noch Potenzial in sich. Man könnte auch ermessen, ob es Langzeiterfahrungen gibt und welche sich tatsächlich mit etwas Zeitabstand festigten. Es geht ja auch nicht nur um den Sprachkontakt, sondern eigentlich auch um Kulturtransfer. Das Thema ist für mich immer noch sehr spannend, ich plane noch damit weiterzumachen.
SB: Wie weit kommt man also mit einem ungarndeutschen Dialekt im deutschsprachigen Raum?
GS: Es hängt in erster Linie davon ab, wo man ist. Es gibt in unseren Dialekten viele Elemente, die denen im oberdeutschen Sprachraum ähnlich oder gleich sind. Denken wir aber zum Beispiel nur an die Austriazismen, diese sind in anderen, nördlicher liegenden Regionen weitestgehend unbekannt. Anhand der Interviews kann ich sagen, dass man mit der Standardvarietät gut aufgestellt ist- mit etwas dominanteren Dialektmerkmalen vielleicht etwas weniger. Es zeigte sich aber anhand der gewonnenen Erkenntnisse, dass die meisten Pflegerinnen mit einer Mischung aus ihrem ungarndeutschen Ortsdialekt und der Standardsprache am besten zurechtkamen. Es half ihnen auch viel in der Kommunikation, wenn sie sich bestimmte regionaltypische Ausdrücke merkten und mit der Zeit auch einsetzen konnten. Die Wortschatzerweiterung ist eigentlich unvermeidbar, wenn man in einer rein deutschen sprachlichen Umgebung arbeitet, egal ob in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Einige Pflegerinnen berichteten mir auch, dass ihnen gar nicht die deutschen Elemente, sondern eher die englischen Wörter Schwierigkeiten bereiteten, weil diese mittlerweile in der Kommunikation vor allem in Deutschland sehr präsent sind. Was unsere ungarndeutschen Dialekte anbelangt, kann ich sagen, dass ich momentan anhand der Daten davon ausgehe, dass die gute bis sehr gute aktive Dialektkompetenz der eventuellen Neueinsteigerinnen unter den ungarndeutschen Pflegerinnen kontinuierlich abnehmen wird. Das zeigen die Tendenzen des Dialektschwundes in der ungarndeutschen Sprachgemeinschaft. Außerdem ist anhand der Aussagen davon auszugehen, dass auch zahlenmäßig deutlich weniger ungarndeutsche Frauen als Pflegerinnen im deutschen Sprachraum arbeiten möchten als in den Jahrzehnten davor. Als Lebenserfahrung für diejenigen, die jetzt an der Pflege beteiligt sind oder es seit der Wende waren, ist das Leben im deutschen Sprachraum durchaus wichtig, egal ob wir die Sprache oder die ungarndeutsche Identität betrachten.
SB: Und zuletzt kommen wir zum Otto- Heinek-Preis. Sie haben den Preis im Januar 2026 erhalten. Was bedeutet für Sie eine Preisträgerin zu sein?
GS: Ich denke, dass es äußerst wichtig ist, dass der Landesverband die ungarndeutsche Forschung unterstützt, denn die Möglichkeiten junger ungarndeutscher Nachwuchsforscher sind begrenzt. Es gibt übrigens auch jährlich eine Otto-Heinek-Gedenkkonferenz mit einem Tagungsband, das ist ebenfalls sehr begrüßenswert, da war ich bisher auch schon einmal dabei. Der Heinek-Preis ist für mich ein Ausdruck der Anerkennung meiner Arbeit von unserer Gemeinschaft und dafür bin ich sehr dankbar, es ist ein schönes Gefühl, seiner Gemeinschaft in dieser Form etwas von sich zurückzugeben, vielleicht denken die einen oder anderen gar nicht daran, wie sehr doch Aufenthalte im deutschen Sprachraum sich auf unsere Gegenwart als Ungarndeutsche auswirken.
SB: Vielen Dank für das Interview und ich wünsche Ihnen alles Gute bei Ihrer weiteren wissenschaftlichen Arbeit.
Mit Gabriella Sós sprach Ibolya Lengyel-Rauh.
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