Sonntagsblatt 2/2026 | Page 36

DIE VERGESSENEN DEUTSCHEN NAMEN VON FÜNFKIRCHEN

Von Aron August Hohmann
Wer heute durch die Innenstadt von Fünfkirchen spaziert, liest ungarische Straßennamen wie Király utca, Jókai tér, Váradi Antal utca. Vertraute Namen, fest verankert im Alltag der Stadt. Doch wer ein wenig tiefer gräbt, stößt auf eine andere Welt: eine Welt, in der dieselben Straßen Ofnergasse, Fischmarkt und Franciscaner Klostergasse hießen, in der Schmiede, Seiler und Bäcker den Straßen ihren Namen gaben. Dort war das Deutsche nicht Fremdsprache, sondern Muttersprache eines großen Teils der Stadtbevölkerung.
Die Stadt, die wir kennen, ist eine von vielen Schichten. Eine dieser Schichten klingt, wenn man genau hinhört, nach Bayern und Schwaben, nach Handwerk und Kirchenglocken, nach einer Gemeinschaft, die Fünfkirchen zu dem gemacht hat, was es heute ist.
Diese Namen verschwanden, weil eine ganze Gemeinschaft assimiliert wurde. Dies geschah langsam, über Generationen- bis die Sprache verstummte und die Straßen neue Namen bekamen. Was blieb, sind die Dokumente: ein Grundbuch aus dem Jahr 1723 und Ratsprotokolle. Dazu gibt es noch eine fast vergessene akademische Arbeit eines Historikers aus dem Jahr 1933, die all diese Namen sorgfältig aufgezeichnet hat, bevor auch die Erinnerung daran verblasste.
Dieser Artikel ist eine Einladung, diesen Teil des
36 deutschen Erbes von Fünfkirchen zu entdecken. Die Deutschen in Fünfkirchen: Woher sie kamen, was sie geleistet haben
Fünfkirchen war nach der Vertreibung der Türken( Osmanen, Red.) im Jahr 1686 eine leere Stadt. Nicht im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich: Die erste Volkszählung nach der Rückeroberung verzeichnete gerade einmal 180 Familien innerhalb der Stadtmauern, ein Gemisch aus Ungarn( Madjaren, Red.) und Kroaten, die die Jahrzehnte der osmanischen Herrschaft irgendwie überdauert hatten. Die Gassen lagen Großteils in Trümmern, ganze Straßenzüge waren unbewohnt.
Die kaiserliche Hofkammer, die die Stadt nun verwaltete, hatte bei der Neubesiedelung zwei klare Ziele: wirtschaftlichen Ertrag und politische Verlässlichkeit. Für beides fand sie in den deutschen Handwerkern und Gewerbetreibenden die geeignetsten Kandidaten. Sie kamen aus Schwaben, Bayern, Franken, Böhmen, Österreich, aus der Steiermark und aus Schlesien. Sie waren Schlosser und Zimmerleute, Bierbrauer und Fuhrleute, Ärzte und Bäcker. Kaiser Leopold I. erleichterte ihre Ansiedlung mit konkreten Vergünstigungen: Deutsche Siedler mussten für ihre Hausgrundstücke nur ein Drittel des Schätzwertes zahlen.