EIN MITTELOSTEUROPÄI- SCHER LEBENSWEG
ZUM GEDENKEN AN JURIJ LAPŠIN( GEORG ARNOLD) – 1948 – 2026
Von Vinzenz Szűcs-Cilli
Am 17. März 2026 verstarb in Oktjabrski( Baschkirien-Russland) eine Persönlichkeit, deren Lebensgeschichte wie ein Spiegelbild der tragischen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts wirkt: Jurij Lapšin( Georg / György Arnold). Sein Tod markiert nicht nur das Ende eines individuellen Lebensweges, sondern auch den Verlust eines Zeitzeugen, der als Kind einer „ verbotenen Lagerliebe“ geboren wurde. Zeitlebens pendelte er zwischen den Kulturen, Identitäten und dem tiefen Schmerz der Trennung.
Das Netzwerk der GULAG- und GUPVI-Lager erstreckte sich vom Karpatenbecken bis in die entlegenen Regionen von Baschkirien, Kasachstan und den Bergen Aserbaidschans. Es zwang die Deportierten unter unmenschlichen Bedingungen zur Zwangsarbeit. Diese Ära, die in Ungarn als „ Malenkij Robot“ bekannt ist, zerriss unzählige Familien und hinterließ Wunden im kollektiven Gedächtnis. Die Geschichte von Jurij Lapšin begann unter den widrigsten Umständen. Er wurde am 20. Juni 1948 in Oktjabrski geboren. Sein Vater- der ungarische Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit Johann( János) Arnold- war einer jener Männer aus dem ungarischen Komitat Branau, die ab 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt wurden. Dort lernte er seine spätere Partnerin kennen, die aus Estland stammende Russlanddeutsche Ludmilla Sooms.
Ihr gemeinsames Glück war jedoch von einer gnadenlosen Bürokratie bedroht. Ein stalinistisches Dekret vom 15. Februar 1947 untersagte Eheschließungen zwischen sowjetischen Bürgern und Ausländern. Als Johann Arnold nach seiner Freilassung in die Heimat zurückkehren wollte, verwehrten ihm die Behörden das Recht, seine Familie mitzunehmen. Er musste also seine Frau und seinen neugeborenen Sohn in der Sowjetunion zurücklassen. Der kleine Jurij wurde offiziell unter dem Namen seiner Mutter registriert. Das war eine bürokratische Entscheidung, die die Familie über Jahrzehnte hinweg trennte.
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Ein Kapitel der europäischen Tragödie Das Schicksal von Vater und Sohn war kein Einzelfall, sondern Teil eines systematischen Unterdrückungsmechanismus. Historische Aufarbeitungen, wie das Werk von György Dupka „ Magyar GULÁG-GUPVI-Rabok Eurázsiában“( Ungarische GULAG-GUPVI-Verschleppte in Eurasien), verdeutlichen dessen Ausmaß. Die Deportationen basierten häufig auf dem streng geheimen Befehl Nr. 0060, der die „ Malenkij Robot“ nicht nur als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, sondern als gezieltes politisches Instru- ment zur Schwächung der Gesellschaft Ungarns nutzte. Für die Betroffenen bedeutete dies oft den totalen Verlust ihrer Identität.
Die im Buch dokumentierten Schicksale zeigen, wie der „ Eiserne Vorhang“ nicht nur Länder, sondern auch Familien in den Abgrund riss. Die 1947 erlassenen Verbote für Ehen mit Ausländern dienten dazu, die Zwangsarbeiter dauerhaft zu isolieren oder ihre Rückkehr unmöglich zu machen. Jurij Lapšin wuchs in diesem Spannungsfeld auf, als Sohn eines deportierten Ungarndeutschen und einer estnisch-deutschen Mutter, geprägt von den Entbehrungen eines Lagers, das für ihn zur Heimat wurde.
Trotz seiner traumatischen Herkunft baute sich Jurij Lapšin in Oktjabrski ein erfülltes Leben auf. Er absolvierte ein Ingenieursstudium, war journalistisch tätig und widmete sich als bildender Künstler, Bühnenbildner und Puppenspieler der Kultur. Sein Talent betrachtete er als Erbe seines Vaters. Das brachte ihm Anerkennung ein. Doch die Sehnsucht nach seinen Wurzeln ließ ihn nie los. Er bewahrte eine „ dreifache Identität“: Er fühlte sich als Ungar, Deutscher und Russe. Erst im Jahr 2016, dank der Forschungsarbeit des Fünfkirchner Deutschen Kreises schloss sich der Kreis. Jurij begegnete seiner ungarischen Cousine, Maria Harsányi-Rothweiler. Dieser Moment der Versöhnung- 64 Jahre nach der gewaltsamen Trennung der Familie- war ein historischer und emotionaler Meilenstein.
Letzter Wunsch Bis zuletzt blieb die Verbindung zu Ungarn bestehen. Als Zeichen seiner tiefen Verbundenheit bat er darum, dass nach seinem Tod ein wenig ungarische Erde in seinen Sarg gelegt werde, damit er in der „ Welt der Schatten“ mit seinen Eltern vereint sein könne. Er hinterlässt nicht nur ein reiches künstlerisches Werk, sondern auch die Mahnung an kommende Generationen, die menschliche Dimension der Geschichte niemals zu vergessen.
Dass wir heute die Details dieses Weges kennen, verdanken wir György Dupka – dem Leiter des Ungarischen Kulturinstituts der Karpatoukraine. Seine historische Forschungsarbeit dokumentiert in ihren Bänden das Schicksal der Verschleppten. Hier werden solche vergessenen Schicksale wieder ans Licht gebracht.