WAHLNACHLESE
WAHLNACHLESE
ÜBER DEN WERT EINES MANDATS
Von Richard Guth Die diesjährigen Parlamentswahlen stellen für die deutsche Gemeinschaft womöglich eine Zäsur dar – oder auch nicht. Was man vorneherein gespürt, befürchtet, vermutet hat, trat ein: Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Wahlen wurde diese Kür kein Selbstläufer für die Deutsche Liste. Selbst diese Aussage bedürfte einer gründlichen Prüfung, denn Wahlen sind nie ein Selbstläufer, sie erfordern viel Engagement und Herzblut.
Daran hat es unter dem neuen Spitzenkandidaten Gregor Gallai auch nicht gefehlt. Seine Wahlkampftournee als neues Format bot die Möglichkeit, den Kandidaten und das Programm der LdU vor Ort kennen zu lernen und mit den Vertretern der Deutschen Liste ins Gespräch zu kommen. Als Gallai seine Tournee begann, rollte bereits eine Welle durchs Land, an deren Ende die Deutsche Liste über 8000 Registrierungen einbüßte. Nichts half, um dieser Bewegung, die auch von politischen Akteuren beiderseits angefeuert wurde, Einhalt zu gebieten.
Auch sonst war wohl dieser Kampf kaum zu gewinnen. Es formierten sich zwei Blöcke, die das Gefühl von alles oder nichts ausstrahlten. Da war kaum Platz für einen dritten( oder vielmehr vierten) Akteur. Die politische Überzeugung wurde gegen das Bekenntnis zur eigenen ethnisch-kulturellen Identität aufgewogen – und Ersteres gewann. Da ist den Wahlbürgern eigentlich kein Vorwurf zu machen, das System ist es, das sie vor diese schwierige Wahl stellt( auch wenn es gar nicht so einfach wäre / ist, ein besseres System auszuarbeiten). Dennoch haben Kritiker nicht
DEUTSCHE LISTE OHNE MANDAT – GEMEINSCHAFTSWILLE BLEIBT STARK
Von Ibolya Englender Hock, Vorsitzende der LdU
ganz unrecht, die behaupten, dass die paar tausend Stimmen für die Parteien und das Gesamtergebnis nichts, für die deutsche Gemeinschaft alles bedeutet hätten. In einer politisch aufgeheizten Stimmung zählen aber rationale Argumente wenig, vor allem wenn das Ziel für viele ein politischer Wechsel ist- oder eben das Verhindern dessen.
Was hat man durch die Nichtwahl eines vollwertigen Abgeordneten Gregor Gallai verloren? Wahrscheinlich nicht viel. Selbst Vorgänger Emmerich Ritters Stimme war nie das vielbeschworene Zünglein an der Waage – bei 141-Tisza-Stimmen wäre Gallais Stimme es noch weniger geworden. Somit hatte Ritters Parlamentssitz mehr eine symbolische als eine praktische Bedeutung – sein Abstimmungsverhalten hat dagegen für viel Wirbel gesorgt und womöglich die Abmeldebewegung mit angestoßen. Ritters Bilanz ist durchwachsen: Bei mehr finanziellem Spielraum gelang es ihm nicht, das System, dessen Grundlagen in den 2010er Jahren gelegt wurden, weiterzuentwickeln.
Diese Aufgabe obliegt nun Nachfolger Gregor Gallai – ob es ihm gelingt, wird sich nicht am Mandat liegen, sondern seinem Verhandlungsgeschick, im Verbund mit anderen Sprechern. Seine parteipolitische Zurückhaltung als kluger Taktiker wird sich womöglich auszahlen. Und TISZAs Volksfrontcharakter ist womöglich ein Garant dafür, dass Wünsche und fortschrittliche Ideen fernab vom Geldsegen nach dem Gießkannenprinzip bei den neuen Machthabern Gehör finden.
Die endgültigen Ergebnisse der Parlamentswahl 2026 liegen nun vor: Die von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen( LdU) aufgestellte deutsche Nationalitätenliste hat kein Vorzugsmandat errungen. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass innerhalb der ungarndeutschen Gemeinschaft weiterhin ein starker Wille zur eigenen parlamentarischen Vertretung besteht.
Am Wahltag waren rund 22.900 Wahlberechtigte im ungarndeutschen Wählerverzeichnis eingetragen, von denen etwa 19.600 ihre Stimme abgaben. Dies entspricht einer Wahlbeteiligung von rund 85,5 %. Insgesamt 18.501 gültige Stimmen wurden auf die deutsche Liste abgegeben. Die Zahl der ungültigen Stimmen liegt nach den endgültigen Angaben des Landeswahlleiters bei lediglich etwas über 1.000 – frühere, deutlich höhere Zahlen beruhten auf einem Missverständnis, da ungültige und nicht abgegebene Stimmen zusammengezählt worden waren.
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