Sonntagsblatt 2/2025 | Page 23

man sich dafür entschieden, eine GmbH zu gründen: So sei die Finanzierung des Projekts „ Deutsches Haus“ gesichert gewesen. Das „ große Haus” sei 2014 bereits durch Fördergelder in Höhe von 225 Millionen Forint( damals in etwa 800.000 Euro) errichtet worden – im Obergeschoss mit einer volkskundlichen Sammlung.
Erika Takács betont während der Führung durch das Haus der Traditionen, dass auch viel durch Eigenleistung erbracht worden sei, was die Stärke der Gemeinschaft demonstriere, die einst aus 100 Familien bestanden habe und stark endogamisch geprägt gewesen sei. Die heute 120 Vereinsmitglieder, von denen gut die Hälfte sehr aktiv sei, trügen das Projekt „ deutsches Leben“ – dabei sei es immer schwieriger die Jugend anzusprechen. Diese Erfahrung beobachte Takács nach eigenen Angaben auch anderenorts im Land in anderen deutschen Gemeinden. Zudem leide die Stadt unter Abwanderung „ ins Komitat Pest, nach Transdanubien oder ins Ausland. Es ist dann nicht sichergestellt, dass eine Jugendliche, die in Budapest arbeitet, wegen einem Ball nach Hause kommt”, gibt Erika Takács zu bedenken. Dennoch liege ihr und den Frauen, die auf der Chorprobe mit einem bunten Repertoire an Liedern warten, sehr viel an der Pflege der Traditionen: deutsches Liedgut, Schweineschlachten, Ball am Martinstag oder das Festival Krodumprei( Kraut und Brei), das mit Unterstützung der Stadt( zwei Millionen Forint, 5000 Euro) Anfang April zum neunten Mal stattfand.
Interessant sei dabei zu beobachten, so die Geschäftsführerin, dass das Bewusstsein Deutsche( r) oder Deutschstämmige( r) zu sein- gerade mit Hilfe der Speisetraditionen überlebt habe. Hier in den Weiten der Tiefebene- weit weg von den traditionellen Siedlungsgebieten der deutschen Gemeinschaft.

KLARE KANTE

SB-Potrait über den ungarndeutschen Exbürgermeister von Sóskút, Franz König
Von Richard Guth
Das Jahr 2024 begann wahrlich turbulent. Ein Gnadenakt der ungarischen Staatspräsidentin führt zu deren Abdankung. Infolge dessen begann die Karriere eines Mannes namens Peter Magyar mit einem Interview beim regierungskritischen Portal „ Partizán”. Fast zeitgleich gab es ein anderes Interview, diesmal beim privaten Fernsehsender „ RTL Klub”, das im Nachgang als nicht minder bedeutsam erscheint. Der damalige und langjährige Bürgermeister von Sóskút Franz König schilderte darin ziemlich unverblümt, wie Regierungsentscheidungen bei Industrieansiedlungen ohne Mitbestimmung anderer Akteure getroffen würden. Vorangegangen war eine Protestwelle von zivilen Personen( aber mit Unterstützung oppositioneller Parteien) gegen die Ansiedlung einer Akkuwiederverwertungsanlage im Batteriedreieck Göd-Komorn-Iváncsa durch die slowenische Firma „ Andrada”. Das Projekt scheint auf Eis gelegt zu sein, suchte doch nach Königs Angaben die slowenische Geschäftsführung nach einem neuen Investor, der das Firmengelände übernehmen könnte( im Frühjahr kam wieder Bewegung in die Sache, Red.).
Wer ist dieser Mann, der binnen weniger Tage landesweite Bekanntheit erlangte? „ Reiser, Bürger, Spielmann, König – so heißen meine Vorfahren, also beiderseits bin ich Schwabe”, erzählt der 71-jährige Ex-Bürgermeister Franz König in seiner Heimatstadt Wiehall-Kleinturwall / Biatorbágy. Die Mutter selbst stammte aus dem benachbarten Edeck / Etyek, wo sie mit 13 Geschwistern aufwuchs.
Eine Oma stammte sogar aus Jeine / Budajenő. Der Vater aus dem Ortsteil Wiehall diente in der ungarischen Armee. Der Familie blieb die Verschleppung vor 80 Jahren erspart – nicht so die Vertreibung. Franz König hat so beiderseits heimatvertriebene Verwandtschaft im Großraum Stuttgart. Der Onkel soll dreimal zurückgekehrt sein, denn damals fand er im besetzten Deutschland ein verwüstetes Land mit Hungersnot vor. Mittlerweile seien alle nahen Verwandten aus der Erlebnisgeneration verstorben, wodurch die Intensität der Verwandtschaftsbesuche abgenommen habe.
Aber auch über die eigene Kernfamilie habe König bald die Kontakte zur BRD vertiefen können, obwohl er selbst der deutschen Sprache nicht mächtig sei: 1968 habe die Schwester politisches Asyl in der Bundesrepublik erhalten( woraufhin ihr in Ungarn der Prozess gemacht worden sei- mit Verurteilung und Vermögenskonfiszierung als Folge) und auch der Bruder sei dissidiert( kehrte aber wenig später zurück). Die Übersiedlung der Schwester habe gravierende Folgen für die Kernfamilie gehabt: So musste nach Königs Angaben die Mutter regelmäßig bei der Polizei vorstellig werden, Franz König selbst erhielt seinen ersten Reisepass erst mit 39 Jahren zwei Jahre nach der Wende im Jahre 1992. König galt als Arbeitsscheuer / Asozialer( ung. kmk, közveszélyes munkakerülő), obwohl er nach eigenem Bekunden arbeiten wollte, und konnte nur durch Protektion über einen KISZ( Kommunistischer Jugendverband)-Sekretär an der Universität für Agrarwissenschaften
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