Sonntagsblatt 1/2026 | Page 14

den mussten. Wir sehen es auch im Online-Raum, wo es gerade die Jugend ist, die mit neuen Ideen und Formaten hervorrückt. Das ist lobenswert und gut so, denn es zeugt vom Lebenswillen der deutschen Gemeinschaft.
Die Kritiker haben insofern Recht, dass sich die Jugend im ständigen Wandel befindet: Man fühlt, denkt und kommuniziert anders als frühere Jugendgenerationen, nicht zuletzt, weil sich die Lebensumstände verändert haben. Zerstreuung, Zerfall der dörflichen Strukturen, viele Mischehen und die sprachliche, teilweise kulturelle Assimillierung haben Spuren hinterlassen. Auf der anderen Seite – wenn wir beim Kernfeld Sprache bleiben – haben sich die Möglichkeiten des schulischen Spracherwerbs im Vergleich zu früher spürbar verbessert( auch wenn der Ausbau des zwei- und einsprachigen Unterrichts stockt). Wo sind die Zeiten, als Mitglieder der heutigen Großelterngeneration in den 1950er Jahren die Sprache dank der deutschsprachigen Sendung von Radio Free Europe( Freies Europa) erlernt haben- reichten doch zwei Randstunden Deutschunterricht nicht aus?!
Trotz all dem scheint das Ungarische auch in unserer Gemeinschaft tiefe Wurzeln geschlagen zu haben – was wiederum seltsame Blüten treibt: Diesbezüglich hatte ich neulich mit jungen und engagierten Vertretern unserer Volksgruppe einen Disput in den sozialen Medien geführt. Apropos war ein Reel- also ein kurzer Videobeitrag- zu den bevorstehenden Wahlen. Zwar war der Begleittext zweisprachig, aber das Reel nur in Ungarisch verfügbar, was mich dazu verleitete nachzufragen. Die Antwort kam prompt und klang sehr von der eigenen Sache überzeugt.
Man habe sich für Ungarisch entschieden – Punkt- zumal man sich ehrenamtlich engagiere. Dennoch könne ich die Truppe unterstützen, dem „ gemeinsamen Ziel beitragen” und die Übersetzung in die Kommentarsektion schreiben – dies mit einem freundlichen Smiley versehen.
Das Erstaunliche war, dass ich auf meinen deutschsprachigen Kommentar eine fehlerfreie deutschsprachige Antwort erhalten habe( auch das ist keine Selbstverständlichkeit). Also an mangelnden Deutschkenntnissen liegt diese Entscheidung zugunsten der einsprachig ungarischen Kommunikation wohl nicht. Woran dann? Gewohnheit? Bequemlichkeit? Zeitmangel? Auf meine diesbezüglichen Fragen habe ich erst nach mehrmaliger Nachfrage eine Antwort bekommen: Man habe sich für Ungarisch entschieden, um keinen auszuschließen, denn nicht jeder habe das Glück gehabt, die Sprache zu erlernen. Man wolle dabei auf weniger aktive Mitglieder der Gemeinschaft fokussieren und das könne man- so die Überzeugung der Jugendlichen- am besten auf Ungarisch. Zudem habe man keine Zeit, Beiträge doppelt, d. h. auch auf Deutsch anzufertigen. Mein Einwand, dass man dadurch kein gutes Bild abgebe, kommunizierten Jugendvertreter slowakei- oder rumänienmadjarischer Gemeinschaften vordergründig auf Ungarisch, wurde als Einzelmeinung abgetan. Harter Tobak.
Denn wie heißt es so schön? Steh’ dazu! Das identitätsstiftende Grundmerkmal( Ur-)( Groß-) Muttersprache scheint leider nicht dazuzugehören.

„ DEUTSCHESTE“ ORTSCHAFTEN UNGARNS:( 1.3) SAGETAL

Von Ibolya Lengyel-Rauh
Der / die Leser / in erhält in diesem Folgebeitrag die Geschichte von Sagatel( Sagetal)/ Szakadát in den Jahren nach dem Urbarium( 1767) bis zum Ersten Weltkrieg.
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Die finanzielle Lage der Sagetal und deren Berufe
In meinem vorherigen Beitrag schrieb ich über die Erbschaft in den ungarndeutschen Familien. In der Regel erbte immer der älteste Sohn das Vermögen und die weiteren Geschwister waren aus dem Erbe ausgeschlossen, die sich die Tatsache meistens nicht gefallen lassen konnten. Es kam oft zu erbitterten Prozessen zwischen den Familienmitgliedern. Da die ländlichen Gegebenheiten das sichere Einkommen der Familien nicht sicherten, ergänzten die Dorfbewohner die aus der engen Dorfflur stammenden Einkünfte mit Tabakbau. Man begann damit bereits zehn Jahre nach der Ansiedlung. 1788 betrug die Tabakproduktion 34 Zentner, vier Jahrzehnte später waren es schon 400 Zentner. Für einen Zentner bekamen sie 9 Ft. Das Tabakeinkommen war dreimal höher als das aus dem Ackerbau und zehnmal höher als das aus dem Weinbau. Die landwirtschaftliche Tätigkeit konnte trotzdem nur einem Teil der Bevölkerung den Lebensunterhalt sichern. Aus den vom Erben Ausgeschlossenen wurden Kleinhäusler( ung. zsellér). Sie waren gezwungen, sich einen anderen Erwerbszweig zu suchen. Die Pfarrer trugen den Beruf der Einzelnen in das Kirchenbuch ein, so lässt sich feststellen, wie viele Leute sich von der Landwirtschaft getrennt haben. Zwischen 1833-1867 gab es 259 Menschen, die nicht als Bauern tätig waren. Unter ihnen waren 29 Hirten, 21 Tagelöhner, 16 Weber, 13 Zimmerleute, 13 Müller, 8 Schmiede, 8 Schneider, 8 Musikanten usw.
Die zahlenmäßig größte Gruppe bildeten die Maurer mit 107 Personen. Warum war dieses Handwerk so volkstümlich? Das liegt daran, dass der Maurer keine Werkstatt einrichten musste. Es war also ein billiger, für die armen Kleinhäusler erreichbarer Beruf. Der andere Grund war, dass sie nicht an einen Ort gebunden waren. 100 Maurer hätten nämlich im Dorf und in der Gegend gleichzeitig keine Arbeit gefunden. So machten sie sich im Frühling auf den Weg, um Arbeit zu suchen. Sie arbeiteten in größeren ungarischen Städten, in Wien, in Deutschland, um die Jahrhundertwende kamen sie auch nach Amerika. Sie wa-