Sonntagsblatt 1/2019 - Page 4

Ich bin in der glücklichen Situation, neben meinen zwei erwach- senen Töchtern drei kleine – heute vielleicht gar nicht mehr so kleine – Kinder zu haben, Gregor, 14 Jahre alt, meine Tochter Maria, 12, und Annerose, 10 Jahre, alt. Mit ihnen habe ich per- sönliche, lebendige Erfahrungen, was die Weitergabe der Natio- nalitäten-Muttersprache über die Familie betrifft und welche ich liebend gerne im Detail mit Ihnen teilen würde, jedoch bedürf- te dies eines längeren Vortrages. Auch meine Frau stammt aus einer langansässigen Wuderscher Schwabenfamilie, der Hau- ser-Familie, und ist Pädagogin in der ungarndeutschen Nationa- litätenbildung. Kurz gesagt: Wir haben alles darum getan, dass unsere Kinder mit deutscher Muttersprache aufwachsen. Nach einigen Jahren, als wir schon langsam begannen das Ziel aufzugeben, dass sie aktiv Deutsch sprechen werden, brach das Eis. Zuallererst bei der Kleinsten, Annerose, die, aus Deutschland zurückgekehrt, fortlaufend weiter Deutsch sprach. Daraufhin begann auch Maria wenige Wochen später durchgehend Deutsch zu sprechen und viel später schloss sich auch der Faulenzer Gregor an. Heute sprechen sie schon jahrelang Deutsch untereinander, spielen und lesen auf Deutsch. Heute also kann ich eindeutig behaup- ten, dass Deutsch für sie alle drei eine Muttersprache ist, zumin- dest neben dem Ungarischen. Ich bin sehr stolz auf sie und denke, wenn meine Frau und ich etwas richtig gemacht haben, dann dies, dass wir unsere Kinder zur deutschen Muttersprache erzogen haben. Und glücklicherweise sind wir nicht die Einzigen. Auch andere ziehen ihre Kinder in Ungarn zu deutschen Muttersprachlern auf. Gleichzeitig muss man aber sehen, dass sich für den Großteil der Kinder mit ungarndeutscher Abstammung nicht die Gelegen- heit ergibt, die deutsche Muttersprache von zuhause, aus der Familie mitzubringen. Womöglich weil der eine Elternteil nicht ungarndeutscher Ab- stammung ist, weil die Eltern oder Großeltern nicht mehr genü- gend gut Deutsch sprechen oder nur weil sie sich nicht mehr auf das Deutschsprechen einstellen können, keine Möglichkeit haben ihre Kinder in eine Umgebung zu bringen, wo Deutsch muttersprachlich gesprochen wird und so weiter. Was können wir also tun? Die Antwort ist eindeutig: Wir brau- chen eine genügende Anzahl und ein genügendes Niveau von deutschsprachigen Nationalitäten-Kinderkrippen, -Kindergärten und - Schulen - in einem Netzwerk verbunden, in welchem die- se Nationalitäteneinrichtungen den Kindern Deutsch als Mut- tersprache dort zurückgeben können, wo die Familie dies nicht mehr, noch nicht oder nur teilweise bereitstellen kann. Die erste Stufe der Nationalitäten-Bildung sind die Kindergärten. 2016 erstellten wir in allen 215 deutschen Nationlitäten-Kinder- gärten eine vollumfängliche Studie über die 5 vorhergehenden und die 5 folgenden Jahre. Ebenso taten wir dies an den 8 Uni- versitäten und Fachhochschulen, welche für die Ausbildung der Nationalitäten-Pädagogen verantwortlich sind. Auf der Grund- lage der Auswertung dieser Daten und der Entwicklungsmög- lichkeiten haben wir zum Ende April 2017 ein komplexes Bil- dungsprogramm für die deutschen Nationalitäten-Kindergärten ausgearbeitet. Darauf bauend wollten wir schon ab Januar 2018 stufenweise sowohl in der Quantität und vor allem die Qualität betreffend Ver- besserungen in der Ausbildung und der Erhaltung der Pädago- gen der deutschen Nationalitäten-Kindergärten erreichen. Das komplexe ungarndeutsche Kindergartenpädagogen-Pro- gramm erfuhr auch eine Vorzugsbehandlung im Gesetz über den Staatshaushalt 2018, welches die Bedürfnisse der nationalen Minderheiten beinhaltet, sowie im Staatshaushalt für das Jahr 4 2019, welcher schon im Juni 2018 angenommen wurde. Mit all diesem konnten wir folgende konkrete Maßnahmen erzielen: 1.) Innerhalb von zwei Jahren konnten wir die Gehaltszulagen der Nationalitäten-Pädagogen (wir sprechen von fast 3000 Perso- nen) von 10% auf 30% erhöhen. 2.) Mit dem 1. September 2018 haben wir für die Studierenden der Nationalitäten-Kindergartenpädagogik ein Stipendien-System eingeführt. Sie werden diese Stipendien nicht nur während der Ausbildung von 3-4 Jahren, sondern auch in den 3-4 Jahren des Berufseinstiegs erhalten. 3.) Im Januar 2019 werden die 8 Universitäten und Hochschulen, welche die Ausbildung von Nationalitäten-Kindergartenpädago- gen anbieten, eine besondere Förderung erhalten. 4.) Mit September 2019 werden die Kindergärten eine gezielte För- derung erhalten, welche Pädagogen in einem Nationalitäten-Auf- bauprogramm fortbilden, die über einen ungarischen Abschluss der Kindergartenpädagogik verfügen, aber selbst der ungarn- deutschen Nationalität angehören. Nach dem Kindergarten sind auf der nächsten Stufe die Nationa- litätenschulen und die Qualitätsverbesserung in der Ausbildung der Nationalitäten-Lehrer, daher: 1.) werden wir mit dem 1. September 2018 auch in der universitä- ren Nationalitäten-Lehrerbildung das Stipendiensystem für die Studierenden einführen sowie gezielte Förderungen der entspre- chenden Hochschulen und die Haushaltsförderungen der an- stellenden Schulen. 2.) werden wir mit dem 1. Januar 2020 die Gehaltszulagen der Na- tionalitäten-Lehrer um weitere 10% auf 40% erhöhen, diesen An- spruch auf alle Pädagogen ausweiten und ein Differenzialsystem einführen. Gleichzeitig werden wir auch die Nationalitäten-Ausbildung für Krippen-pädagogen in Gang setzen sowie ein ungarndeutsches Krippensystem ausbauen. Wir müssen der qualitativen Förderung der deutschen Sprach- kompetenzen in Bildung und Erziehung auf jedem Niveau eine außerorderntliche Bedeutung zukommen lassen. In dieser Qualitätsförderung kommt den Bildungs- und kulturel- len Einrichtungen, welche die Landes- und die lokalen Selbst- verwaltungen übernommen haben, eine Schlüsselrolle zu. Ihre Anzahl hat sich in den letzten 5 Jahren vervielfacht. Seit September 2018 unterhalten die Selbstverwaltungen in- zwischen 64 ungarndeutsche Kindergärten, Grundschulen und Gymnasien, und mit dem 30. Juni 2018 haben die Selbstverwal- tungen dazu alle Rechte der Vermögensverwaltung der Einrich- tungen erhalten. In diesen 64 Bildungseinrichtungen lernen jähr- lich nahezu 15.000 ungarndeutsche Kinder. Das Schicksal ihrer Nationalität liegt nunmehr – bildhaft und tatsächlich – in unseren Händen! Mit dem Betrag von 80 Millionen Forint, ca. 250.000 Euro, konn- ten wir diesen, von den deutschen Selbstverwaltungen über- nommenen Einrichtungen erstmals eine Sonderförderung im Jahr 2017 zukommen lassen. 2018 betrug diese bereits 270 SoNNTAGSBLATT