POLITIK
Es gibt wenige Länder die ein so ausgeprägtes
Verständnis von ihrer Rolle als Großmacht haben
wie Brasilien. Interne Reformen und externe Entwicklungen seit Ende der 1970er- Jahre wie das
Ende des Kalten Krieges haben Brasiliens Aufstieg zur Führungsmacht erheblich erleichtert. Dazu gehörten vor allem eine ganze Reihe wichtiger wirtschafts- und sozialpolitischer Reformen
unter den letzten drei Präsidenten, Fernando
Henrique Cardoso (1995-2002), Lula da Silva
(2003-2010) und Dilma Rousseff (seit 2011). Vor
allem aber der Erfolg eines demokratisch verankerten Entwicklungsmodells, sowie auch die
ständig wachsenden Energiereserven, eine drastisch veränderte geopolitische Situation in Lateinamerika und politisch wie wirtschaftlich ständig
intensivere Süd-Süd-Beziehungen auf Grund Brasiliens ungewöhnlich erfolgreicher Diplomatie.
Seit Goldman Sachs 2003 das BRIC Konzept der 4
aufstrebenden Wirtschaftsmächte (Brasilien,
Russland, Indien und China) vorstellte, ist Brasiliens Aufsteigerrolle aus der internationalen Diskussion nicht mehr wegzudenken.
Brasiliens Außenpolitik beruht vor allem auf vier
Grundvorstellungen, die ideologisch durchaus
unterschiedliche Regierungen den jeweiligen
internationalen Rahmenbedingungen anzupassen wussten:
Die Vorstellung von einem großen Land, dessen
Ressourcen nicht nur eine Grundlage für die eigene Entwicklung, sondern auch für seinen internationalen Einfluss bieten.
Die Teilnahme an den Entscheidungen aller
wichtigen internationalen Organisationen
Die Anerkennung durch die Führungsmächte
USA, EU, Russland, China und Indien als gleichberechtigter Partner in einer multipolaren Weltordnung
Die Akzeptanz als regionale Führungsmacht in
Südamerika
Die Aufnahme des Landes als ständiges Mitglied
in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
(VN)
Die beiden letzten Prasidenten Brasiliens – besonders Lula da Silva – sind in ihren Bemuhungen um
diese Ziele sehr aktiv gewesen und haben dabei
gegenuber den Nachbarstaaten und anderen
außenpolitischen Partnern vor allem auf Konsens
gesetzt und sich außerdem bei verschiedenen internationalen Konflikten auch als Vermittler
bewahrt. Der internationale Aufstieg Brasiliens
hat nicht nur zum nationalen Stolz beigetragen,
sondern auch interne und externe Kosten verursacht, die in Zukunft noch zunehmen durften, weil
die zentrale Entscheidung Brasiliens, sich gegebenenfalls um die Aufnahme in die "Erste Welt" –
etwa durch den OECD-Beitritt – zu bemuhen oder
aber seine Rolle als eine Fuhrungsmacht des
Sudens auszubauen, immer noch aussteht.
Interne Voraussetzungen fur den
internationalen Aufstieg
Außenpolitik ist in Brasilien traditionell Staatsaufga Die Vorstellung von einer multirassischen tropis- be und war bis zu Beginn dieses Jahrhunderts kaum
chen Kultur, die in der Lage ist, die Gegensätze innenpolitischen Diskussionen ausgesetzt. Brasiliens
zwischen schwarz und weiß, arm und reich, enDiplomaten gelten weltweit als besonders kompetwickelt und unterentwickelt zu überwinden.
tent und einflussreich und spielen bei zahlreichen
Die Vorstellung vom langfristigen Erfolg eines
multilateralen Verhandlungen eine herausragende
marktwirtschaftlichen Entwicklungsmodells mit
Rolle. Unter Lula da Silvas Präsidentschaft wurden
einer bedeutenden staatlichen Komponente, die
vor allem für den sozialen Fortschritt verantwor- insgesamt 36 neue diplomatische Vertretungen
tlich ist.
eröffnet, die meisten davon in Afrika. Präsident Lula
da Silva betonte dabei die historische Verpflichtung
Die Vorstellung von einem pragmatischen NatioBrasiliens mit seinen 76 Millionen Einwohnern afrinalismus, der nur an den jeweiligen nationalen
politischen Interessen orientiert ist.
kanischer Herkunft, die vorranginge Beziehungen
Diese Selbsteinschätzung lässt sich auch an den vier mit Afrika nach sich zögen.Unter seiner Präsidenderzeitigen Zielvorstellungen der brasilianischen
tschaft hat allerdings auch der parteipolitische EinAußenpolitik ablesen:
fluss auf die Außenpolitik erheblich zugenommen
MUNDANO
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