Pjöngjang
Beeindruckende Graphik Novel von Guy Delisle
I
Text von Esther Klung, Foto vom Verlag
m Auftrag einer französischen Trickfilmproduktion
wurde Guy Delisle 2001 nach Nordkorea geschickt
um einheimische Zeichner anzuleiten. In einem
Land, in dem Filme einzig Propagandazwecken
dienen, bezahlen westliche Firmen für die Gestaltung
ihres Vorabendprogramms. Da China vielen zu teuer
geworden ist, werden die Studios nach Nordkorea
verlegt. Studios sind dort kleine Büros, in denen per
Hand jedes Bild einzeln gezeichnet wird und das,
wenn es sein muss, immer und immer wieder. Die
Arbeiter sind dankbar, ihren Dörfern zu entkommen
und ihren Familien ein etwas besseres Leben bieten zu
können. Doch was ist besser in einem diktatorischen
Niemandsland wie Nordkorea?
Der Aufenthalt des kanadischen Comiczeichners
endete nach zwei Monaten mit nachhaltigen Eindrücken,
die er in seiner 176 Seiten starken Graphik-Novel mit
grau tristen, aber durchweg eindringlichen Bildern
verarbeitet. Der Comic selbst schließt mit einem Bild
von einem Papierflieger, den Delisle aus dem Fenster
wirft, in der Hoffnung, dass er den Fluss erreicht. „Los.
Du schaffst es“ sind die letzten Worte, die man liest,
bevor man das Buch zuklappt. Man kann die Szene
stehen lassen ohne sie zu bewerten, doch gleichzeitig
bietet sie genug für Interpretation.
Pjöngjang, wie wir es durch die Augen des
Zeichners sehen, ist leer, präzise, monumental. Die
Bauten sollen beeindrucken und einschüchtern.
24
Überall werden Ruhm und Leistungen des Führers,
Kim Jong-Il, gepriesen. Delisle muss sich natürlich
die wichtigsten Monumente ansehen, am seltsamsten
erscheint einem dabei das „Museum der Freundschaft“,
in denen Geschenke internationaler Gäste für das
Staatsoberhaupt ausgestellt werden. Gezeigt werden
neben Flachbildschirmen, ausgestopften Tieren und
Aschenbechern auch russische Autos. Die Straße, auf
der Delisle und sein ständiger Begleiter, Dolmetscher
und Aufpasser, das Museum erreichen, wurde nur zu
eben diesem Zweck erbaut und bleibt bis auf das Auto,
in dem sie sitzen, leer.
Überhaupt ist Pjöngjang die Stadt der Leere.
Autos gibt es kaum, Menschen spärlich. Sie schweigen,
dürfen nicht mit den Ausländern reden. Es gibt keine
Orte, an denen man sich treffen kann, um Spaß zu haben.
Das Hotel, in dem die internationalen Gäste wohnen,
befindet sich auf einer Insel und es ist untersagt diese
ohne Begleitung zu verlassen. Delisle tut es trotzdem,
doch begreift schnell, dass er mit solchen Alleingängen
vor allem dem Mann schadet, der angewiesen ist, ihn zu
bewachen. Drei Restaurants gibt es in dem Hotel, mit
winziger Speisekarte und nur dann wirklich frischen
Speisen, wenn wichtige, ausländische Delegationen
erwartet werden. Es gibt ein Kaufhaus ohne Licht und
ohne funktionierende Rolltreppen, einen einzigen Ort,
an dem man Eiscreme kaufen kann und eine Partyzone
für Ausländer, die sich im Gebäude der NGOs befindet.