Festschrift Jubiläum 25 Jahre | Page 15

Bei dem Interview machen Sedat*, Kamal*, Halim* und Djamal* einen sehr glücklichen, freundlichen Eindruck. Sie bewirten uns mit süßem, fantastisch schmeckendem Tee. Man sieht ihnen das große Leid, das sie ertragen mussten, nicht sofort an. Nur als Halim erzählt, er sei 45 Jahre alt, sind wir für einen Moment sprachlos. Man hätte ihn auf gut 60 Jahre geschätzt. Das Ziel aller Flüchtlinge ist der Norden, Deutschland oder Skandinavien, dort gibt es die besten Asylsysteme, die beste Zukunft. Im Süden, wie zum Beispiel Italien, will keiner von ihnen Asyl. Dort gibt es unglaublich schlechte Bedingungen für Asylanten, wie auch von vielen Zeitungen bestätigt wird. Es ist so gut wie unmöglich hier ein normales Leben zu führen. Doch das Gesetz sagt, dass man in dem EU-Land Asyl beantragen muss, das man zuerst betritt. Und das ist eben meistens Italien. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, aber kein lustiges. Die vier Männer beginnen nun ihre Geschichten zu erzählen. Wir brauchen kein Entsetzen vorzutäuschen. Dabei können Worte in dem Fall nur relativ wenig sagen. Oft begannen unsere Herzen zu flattern… Wut, Verzweiflung. Aber fühlen, verstehen, wie all das wirklich ist, können wir nicht einmal im Ansatz, glaube ich. Sedat ist 31 Jahre alt und stammt aus Latakia. Wenn er durch sein Fenster nach draußen schaute, sah er das Meer. Dort verbrachte er den Großteil seines Lebens. Auf der Jagd nach Fischen schwamm er täglich bis zu 5 km. Tauchend, ca. 1 m unter der Wasseroberfläche, jagte er die Fische mit einer Harpune. Besonders hatte er es auf Oktopusse und Calamari abgesehen – sie brachten am meisten Geld. Außerdem war er Seefahrer, 2. Offizier, der drittmächtigste Mann an Bord. Während des Gesprächs merkte man, wie sehr ihm das Wasser fehlte. Ständig fragte er, ob wir auch schwimmen gehen und betonte, wie gerne er doch schwamm. Über den Libanon gelangte Sedat nach Kairo, von wo er mit einem Schiff nach Italien übersetzte. Er zeigte uns auf seinem Handy ein paar Bilder von diesem Schiff. Bilder wie sie jeder kennt. Bilder wie aus den Nachrichten. Von Italien aus kam Sedat nach Österreich, wo er