Bei dem Interview machen Sedat*, Kamal*, Halim*
und Djamal* einen sehr glücklichen, freundlichen
Eindruck. Sie bewirten uns mit süßem, fantastisch
schmeckendem Tee. Man sieht ihnen das große
Leid, das sie ertragen mussten, nicht sofort an. Nur
als Halim erzählt, er sei 45 Jahre alt, sind wir für
einen Moment sprachlos. Man hätte ihn auf gut 60
Jahre geschätzt.
Das Ziel aller Flüchtlinge ist der Norden, Deutschland oder Skandinavien, dort gibt es die besten
Asylsysteme, die beste Zukunft. Im Süden, wie
zum Beispiel Italien, will keiner von ihnen Asyl.
Dort gibt es unglaublich schlechte Bedingungen
für Asylanten, wie auch von vielen Zeitungen bestätigt wird. Es ist so gut wie unmöglich hier ein
normales Leben zu führen. Doch das Gesetz sagt,
dass man in dem EU-Land Asyl beantragen muss,
das man zuerst betritt. Und das ist eben meistens
Italien. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, aber
kein lustiges.
Die vier Männer beginnen nun ihre Geschichten zu
erzählen. Wir brauchen kein Entsetzen vorzutäuschen. Dabei können Worte in dem Fall nur relativ
wenig sagen. Oft begannen unsere Herzen zu flattern… Wut, Verzweiflung. Aber fühlen, verstehen,
wie all das wirklich ist, können wir nicht einmal im
Ansatz, glaube ich.
Sedat ist 31 Jahre alt und stammt aus Latakia.
Wenn er durch sein Fenster nach draußen schaute,
sah er das Meer. Dort verbrachte er den Großteil
seines Lebens. Auf der Jagd nach Fischen schwamm
er täglich bis zu 5 km. Tauchend, ca. 1 m unter
der Wasseroberfläche, jagte er die Fische mit einer
Harpune. Besonders hatte er es auf Oktopusse und
Calamari abgesehen – sie brachten am meisten
Geld. Außerdem war er Seefahrer, 2. Offizier, der
drittmächtigste Mann an Bord.
Während des Gesprächs merkte man, wie sehr ihm
das Wasser fehlte. Ständig fragte er, ob wir auch
schwimmen gehen und betonte, wie gerne er doch
schwamm.
Über den Libanon gelangte Sedat nach Kairo, von
wo er mit einem Schiff nach Italien übersetzte. Er
zeigte uns auf seinem Handy ein paar Bilder von
diesem Schiff. Bilder wie sie jeder kennt. Bilder wie
aus den Nachrichten. Von Italien aus kam Sedat
nach Österreich, wo er