FahrRad 1/2014 | Page 43

Radreise gleiche Frage. Sie fangen an zu lachen ­ über mich!!! So geht es weiter. Ich be­ komme endlich heraus, wo es auf dem Flughafen in Rostow am Don einen Stadtplan gibt. Doch leider hat das Ge­ schäft schon geschlossen. Lesen kann ich nichts – die kyrillische Schrift habe ich mir nicht so unterschiedlich von unseren lateinischen Buchstaben vorgestellt. Rückblick Als ich 1991 zum ersten Mal nach War­ schau mit dem Fahrrad fuhr und in Frank­ furt/Oder an der Grenze ohne Visum stand, war ich voller Abenteuerlust. An der Grenze wurde mir ruck­zuck ein Vi­ sum ausgestellt gegen Zahlung von 20 DM und schon war ich in Polen. Mein Ent­ deckergeist ließ mich alle Befürchtungen und Ängste vergessen. Gleich nach der Grenze ließ ich einen Jungen auf meinem Fahrrad mitfahren und halbwegs konnten wir uns verständigen – er konnte etwas Englisch. So schlug ich mich bis War­ schau durch und fuhr von dort mit der Ei­ senbahn wieder zurück nach Dortmund mit dem Moskau – Paris –Express. Als ich 1998 mit dem Auto von Unna nach Graz in Österreich fuhr, um von dort nach Sarajewo im ehemaligen Jugosla­ wien – heute in Bosnien­Herzegowina – zu radeln, war ich voller Tatendrang. Von Graz ging es nach Maribor in Slowenien, nach Zagreb, nach Bihac in Bosnien und über Bosanski­Brod nach Sarajevo und so weiter. Überall war „unsere DM“ gerne gesehen und viele sprachen Deutsch oder Englisch – ich kam mir fast vor wie zu Hause. Einmal fand ich kein Hotel und so habe mich an den Rand eines kleinen Dörf­ chens in meinen Schlafsack gelegt. Als ich nach vier Stunden Schlaf morgens aufwachte, schaute ich in die Gesichter von besorgt dreinblickenden moslemi­ schen Frauen mit Kopftüchern, die mich besorgt und verwundert anblickten. „Gu­ ten Morgen“ sagte ich – und ein breites Grinsen ging über die Gesichter der mich anblickenden Frauen. „Nimsci (Deut­ scher)!“, riefen die Frauen und: „Guten Morgen, mein Herr!“ Sie waren als Bür­ gerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien An­ fang der 90er Jahre in Deutschland unter­ gekommen und gut behandelt worden – sie brachten mir etwas zu essen und zu trinken! So war das damals und so war es eigentlich auf allen meinen Touren! Zurück zum Dienstag, 6. August 2013. Taxifahrer wittern ein Geschäft. Sie stür­ zen auf mich zu : „Taxi, Taxi!“ verstehe ich und dass sie mich zu einem Hotel fahren wollen. Sie hängen wie Kletten an mir! Aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich will mit einem Autobus in die Stadt fahren, um dem Land und den Menschen etwas nä­ her zu kommen und fange an, nach der „Busstation“ zu fragen – mit Händen und Füßen. Nach etwa einer halben Stunde habe ich endlich die 1 Kilometer vom Flughafen entfernt liegende Busstation entdeckt – warum spricht keiner Eng­ lisch? Wie soll ich mir ein Fahrrad kaufen und dann von Rostow am Don nach Wolgo­ grad und von dort nach Astrachan am Kaspischen Meer kommen, wenn ich kei­ nen verstehe, mich keiner versteht und ich die russische Schrift auch nicht an­ satzweise lesen kann? Dem Busfahrer mache ich klar, dass ich zum Zentrum will. Er fragt: „Center?“ Ich nicke heftig – er hatte mich verstanden! und gibt mir zu verstehen, dass ich mich vorne hinsetzen soll – er will mir Bescheid geben, wenn wir im „Center“ angekommen sind. Endlich ist FahrRad Frühling 2014 43