Chemie & Petrochemie Nachhaltigkeit wird zum Treiber für den Chemieanlagenbau
Es sind die Geburtswehen eines neuen Wirtschaftens : Die steigende Nachfrage nach Produkten der Chemie beschert der Branche Wachstum , gleichzeitig hat diese die notwendige Transformation hin zur Klimaneutralität zu stemmen . Für den Chemieanlagenbau bedeutet beides für die kommenden Jahre viel Arbeit – neben enormen Herausforderungen warten riesige Chancen .
Ein Gastartikel von Armin Scheuermann , für ACHEMA
Chemienationen und globale Chemiekonzerne arbeiten längst am Ziel „ Net Zero “ und wollen den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2070 ( Indien ), 2060 ( China und Russland ) oder bereits bis 2050 ( alle anderen Chemienationen ) beenden . Allein in Europa wird die Chemieindustrie nach Schätzungen der Beratungsunternehmen Accenture und Nexant ECA 1 Billion Euro dafür investieren müssen . 400 bis 600 Milliarden Euro entfallen dabei auf die Modifikation und den Neubau von Produktionsanlagen für die acht wichtigsten Chemikalien Ammoniak , Ethen , Propen , Salpetersäure , Ruß , Caprolactam , Soda und Fluorchemikalien . In den USA und China werden die Investitionen noch deutlich höher ausfallen . Dem Chemieanlagenbau kommt dabei eine Schlüsselrolle zu : Die Mammutaufgabe besteht darin , neue Technologien in kürzester Zeit in den großtechnischen Maßstab zu skalieren – eigentlich die Paradedisziplin der Branche .
Dekarbonisierung nimmt Fahrt auf Schon seit mehreren Jahren registrieren die Unternehmen des Anlagenbaus ein steigendes Interesse ihrer Kunden an Lösungen zur Dekarbonisierung der Chemie-Wertschöpfungsketten . Angesichts hoher Preise für Erdgas und andere Energieträger hat die Entwicklung im Jahr 2022 deutlich an Fahrt aufgenommen . Durch die Bank berichten die globalen Anbieter im Chemieanlagenbau in ihren aktuellen Geschäftsberichten von einem steigenden Anteil an Aufträgen für nachhaltige Lösungen . Gestiegene Preise für Rohöl und Erdgas haben 2022 zu einer Wiederbelebung der Upstream-Aktivitäten geführt . Mit Projekten im Wert von über 2 Billionen US-Dollar erreichten die Investitionen der Öl- und Gasindustrie im Jahr 2022 ein neues Rekordhoch . Und weil die größten Unternehmen des Chemieanlagenbaus in der Regel auch ein Standbein im Öl- und Gasgeschäft haben , werden die Anlagenbau-Kapazitäten knapp . Verschärft wird die Nachfrage nach Lösungen des Anlagenbaus zudem von der Politik : So wird geschätzt , dass allein der 2022 von der US-Regierung beschlossene Inflation Reduction Act ( IRA ) bis 2030 im Bereich Energiesicherheit und
Das INEOS-Pier- und Chemiewerk in Antwerpen , Belgien , wo das Unternehmen einen Ethancracker baut , der 50 % weniger Treibhausgase ausstoßen wird als die bisher effizientesten Anlagen dieser Art . Foto : Dreamstime
Die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid ( Carbon Capture and Storage , CCS ) wird in Zukunft eine Schlüsselrolle in der chemischen Industrie spielen . Foto : Technip Energies .
Klimaneutralität zu Investitionen in Höhe von 369 Milliarden US-Dollar führen kann . In ähnlicher Größenordnung plant die EU-Kommission mit ihrem Programm REPowerEU und auch Japan will im Rahmen des Programms Green Transformation massiv investieren . Multinationale Anbieter wie Fluor , Worley , Technip oder Samsung Engineering berichteten zuletzt nicht nur über deutlich gestiegene Auftragseingänge , sondern auch über spektakuläre Dekarbonisierungsprojekte ihrer Kunden . Für Aufsehen sorgte im Dezember beispielsweise der Baubeginn für einen neuen Steamcracker im Hafen von Antwerpen : Der britische Petrochemiekonzern Ineos errichtet dort unter dem Titel „ Project One “ einen Ethan-Cracker , der nach der Inbetriebnahme im Jahr 2026 rund 50 Prozent weniger Treibhausgas emittieren soll als die bislang effizientesten Anlagen dieser Art . Mit 3,5 Mrd . Euro sei es das größte Investitionsprojekt der europäischen Chemie in den vergangenen 25 Jahren . Den Auftrag für die Technologielizenz und das Front-End- Engineering and Design ( FEED ) hat sich Technip Energies gesichert .
Intensive Kooperationen zwischen Chemie und Anlagenbau Nahezu alle Chemieunternehmen , die Steamcracker betreiben , arbeiten inzwischen an klimafreundlichen Lösungen für die Spaltöfen – denn Ethen ist der Ausgangspunkt für viele Kunststoffe und Basischemikalien und pro Tonne Ethen entstehen bislang fast 700 Kilogramm Kohlendioxid . Das Vorhaben ist so gewaltig , dass dafür neue Kooperationen zwischen Anlagenbau und Betreibern notwendig sind – und sogar wettbewerbsübergreifend : So entwickeln aktuell BASF , Sabic und Linde gemeinsam einen elektrisch beheizten Spaltofen . Parallel treiben Dow und Shell zusammen mit Forschern der niederländischen TNO die Elektrifizierung von Steamcrackern voran . Gemeinsam mit dem Anlagenbauer Fluor will Dow im kanadischen Fort Saskatchewan einen Steamcracker mit Netto-Null- CO 2 -Emissionen bauen . Der brasilianische Chemiekonzern Braskem will seine Cracker in Kooperation mit dem finnischen Technologie- und Anlagenbau-Unternehmen Coolbrook elektrifizieren . Und die Zeit drängt : Weil vor allem Großanlagen in der Chemie über mehrere Jahrzehnte betrieben werden , müssen heute geplante Projekte mit Blick auf 2050 Netto-Null-fähig sein . Vielversprechende neue Verfahren wie die Methanpyrolyse oder die Methanolsynthese aus Biomasse bzw . Elektrolysewasserstoff stehen aktuell noch nicht für den Großmaßstab zur Verfügung . Sobald die Verfahren im Labor entwickelt sind , kommt dem Anlagenbau die Aufgabe zu , diese „ Firstof-a-kind “ -Lösungen aus dem
edelstahl aktuell | Ausgabe 3 | mai 2024 29