CEWE OnTour 4/2017 | Page 55

E inmal im Hot Pot sitzen. Einmal bis zu den Schultern im 40 Grad heißen Wasser versin- ken, den Blick entspannt gen Himmel ge- richtet. Welch erhabenes Gefühl! Sitzt man einmal drin, will man nie mehr raus. Die runden Hot Pots sind beliebte Treffpunkte in Reykjavík. Wie das Freibad Vesturbæjarlaug, in dem man sich fühlt wie in einem dampfenden Café. Hier trifft sich die Nachbarschaft, zu der auch prominente Schauspieler und Musiker zählen. Allerdings wird ihre Berühmtheit auf der Insel nicht so ernst genommen. Was auch die damalige Präsidentin Vigdís Finnbogadóttir erfahren musste: Eines Morgens saß sie hier im Hot Pot neben einem amerikanischen Touristen. „Was ma- chen Sie beruflich?“, fragte er. „Ich bin Präsi- dentin“, antwortete sie. „Aha, und von welcher Firma?“ – „Von Island.“ Der Amerikaner lief knallrot an und war sprach-los. Heute relaxen hier ein isländischer Fernsehstar, ein Mitglied der Band Sigur Rós und zwei ältere Herren, die in ihrem Le- ben sicherlich etliche Bestleistungen erzielt haben. Leidenschaftlich diskutieren sie über das Wetter. Vorhin prasselten noch Regentropfen nieder, jetzt, zehn Minuten später, strahlt die Sonne. Es nützt nichts: Irgendwann muss man raus aus dem Hot Pot und hinein in die Stadt. Nach „101“. So heißt Reykjavíks Stadtzentrum, benannt nach seiner Postleitzahl. Weithin sichtbar thront über dem Viertel die markante, 75 Meter hohe Hall- grímskirkja, die mit ihren weißen, stufenartigen Säulen an einen Gletscher erinnert. In den Straßen ringsum reihen sich wellblechverkleidete und far- benfroh gestrichene Holzhäuser aneinander, in der Flaniermeile Laugavegur zahlreiche Cafés, Restau- rants und Shops. Am Ufer des flachen Sees Tjörnin liegt das Rathaus, nur wenige Schritte weiter das Parlament. Das „Alþingishúsið“ stammt aus dem Jahr 1881, beherbergte schon die Natio- nalbibliothek und war bis 1973 Amtssitz des Präsidenten. Ähnlich facettenreich ist auch der Wer- degang von Óttarr Proppé: Der 48-Jährige war Buchhändler, ist Sänger der legendär- en Punkband HAM und seit Januar 2017 Gesundheitsminister von Island. In die Politik kam Óttarr im Herbst 2009, als Freunde und er die Spaßpartei „Besti flokkurinn“ gründeten, die „Beste Partei“. Sie versprachen kostenlose Handtü- cher im Schwimmbad, nur sich und ihre Freunde zu fördern und offen korrupt zu sein. Die Bürger, nach dem Finanzcrash 2008 von den etablierten Parteien enttäuscht, gaben den Politneulingen eine Chance. Sie wählten den Komiker und beken- nenden Anarchisten Jón Gnarr zum Bürgermeister und Óttarr in den Stadtrat. „Ich sehe die Arbeit hier als Servicejob“, sagt er heute. Und fügt mit Bedacht hinzu: „Der Beruf des Politikers sollte keine Karriere sein.“ An diesem Sommerabend Die Hot Pots sind beliebte Treffpunkte in Reykjavík . Farbige Pracht: Die bunten Fassaden der Holzhäuser schmücken das alte Stadtzentrum. Der neue Gral der isländischen Kunst­ szene: das Konzert­ haus Harpa im Hafen von Reykjavík. 55