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inmal im Hot Pot sitzen. Einmal bis zu den
Schultern im 40 Grad heißen Wasser versin-
ken, den Blick entspannt gen Himmel ge-
richtet. Welch erhabenes Gefühl! Sitzt man einmal
drin, will man nie mehr raus.
Die runden Hot Pots sind beliebte Treffpunkte
in Reykjavík. Wie das Freibad Vesturbæjarlaug, in
dem man sich fühlt wie in einem dampfenden
Café. Hier trifft sich die Nachbarschaft, zu der
auch prominente Schauspieler und Musiker
zählen. Allerdings wird ihre Berühmtheit
auf der Insel nicht so ernst genommen.
Was auch die damalige Präsidentin Vigdís
Finnbogadóttir erfahren musste: Eines
Morgens saß sie hier im Hot Pot neben
einem amerikanischen Touristen. „Was ma-
chen Sie beruflich?“, fragte er. „Ich bin Präsi-
dentin“, antwortete sie. „Aha, und von welcher
Firma?“ – „Von Island.“ Der Amerikaner lief
knallrot an und war sprach-los. Heute relaxen hier
ein isländischer Fernsehstar, ein Mitglied der Band
Sigur Rós und zwei ältere Herren, die in ihrem Le-
ben sicherlich etliche Bestleistungen erzielt haben.
Leidenschaftlich diskutieren sie über das Wetter.
Vorhin prasselten noch Regentropfen nieder, jetzt,
zehn Minuten später, strahlt die Sonne.
Es nützt nichts: Irgendwann muss man raus aus
dem Hot Pot und hinein in die Stadt. Nach „101“.
So heißt Reykjavíks Stadtzentrum, benannt nach
seiner Postleitzahl. Weithin sichtbar thront über
dem Viertel die markante, 75 Meter hohe Hall-
grímskirkja, die mit ihren weißen, stufenartigen
Säulen an einen Gletscher erinnert. In den Straßen
ringsum reihen sich wellblechverkleidete und far-
benfroh gestrichene Holzhäuser aneinander, in der
Flaniermeile Laugavegur zahlreiche Cafés, Restau-
rants und Shops. Am Ufer des flachen Sees Tjörnin
liegt das Rathaus, nur wenige Schritte weiter das
Parlament. Das „Alþingishúsið“ stammt aus
dem Jahr 1881, beherbergte schon die Natio-
nalbibliothek und war bis 1973 Amtssitz des
Präsidenten.
Ähnlich facettenreich ist auch der Wer-
degang von Óttarr Proppé: Der 48-Jährige
war Buchhändler, ist Sänger der legendär-
en Punkband HAM und seit Januar 2017
Gesundheitsminister von Island. In die Politik
kam Óttarr im Herbst 2009, als Freunde und er
die Spaßpartei „Besti flokkurinn“ gründeten, die
„Beste Partei“. Sie versprachen kostenlose Handtü-
cher im Schwimmbad, nur sich und ihre Freunde
zu fördern und offen korrupt zu sein. Die Bürger,
nach dem Finanzcrash 2008 von den etablierten
Parteien enttäuscht, gaben den Politneulingen
eine Chance. Sie wählten den Komiker und beken-
nenden Anarchisten Jón Gnarr zum Bürgermeister
und Óttarr in den Stadtrat. „Ich sehe die Arbeit
hier als Servicejob“, sagt er heute. Und fügt mit
Bedacht hinzu: „Der Beruf des Politikers sollte
keine Karriere sein.“ An diesem Sommerabend
Die Hot Pots sind
beliebte Treffpunkte
in Reykjavík .
Farbige Pracht:
Die bunten Fassaden
der Holzhäuser
schmücken das alte
Stadtzentrum.
Der neue Gral der
isländischen Kunst
szene: das Konzert
haus Harpa im Hafen
von Reykjavík.
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