Antoine de Saint Exupery-Der kleine prinz Antoine de Saint Exupery - Der kleine Prinz | Page 79
Langsam hob ich den Kübel bis zum Brunnenrand. Ich stellte ihn
dort schön aufrecht. In meinen Ohren war noch immer der Gesang der
Zugwinde, und im Wasser, das noch zitterte, sah ich die Sonne zittern.
»Ich habe Durst nach diesem Wasser«, sagte der kleine Prinz, »gib
mir zu trinken …«
Und ich verstand, was er gesucht hatte.
Ich hob den Kübel an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen
Augen. Das war süß wie ein Fest. Dieses Wasser war etwas ganz
anderes als ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter
den Sternen, aus dem Gesang der Rolle, aus der Mühe meiner Arme.
Es war gut fürs Herz, wie ein Geschenk. Genau so machten, als ich
ein Knabe war, die Lichter des Christbaums, die Musik der Weih-
nachtsmette, die Sanmut des Lächelns den eigentlichen Glanz der
Geschenke aus, die ich erhielt.
»Die Menschen bei dir zu Hause«, sagte der kleine Prinz, »züchten
fünausend Rosen in ein und demselben Garten … und doch fin-
den sie dort nicht, was sie suchen …«
»Sie finden es nicht«, antwortete ich …
»Und dabei kann man das, was sie suchen, in einer einzigen Rose
oder in ein bißchen Wasser finden …«
»Ganz gewiß«, antwortete ich.
Und der kleine Prinz fügte hinzu:
»Aber die Augen sind blind. Man muß mit dem Herzen suchen.«
Ich hatte getrunken. Es atmete sich wieder gut. Der Sand hat bei
Tagesanbruch die Farbe des Honigs. Auch über diese Honigfarbe
war ich glücklich. Warum mußte ich Kummer haben …
»Du mußt dein Versprechen halten«, sagte san der kleine Prinz,
der sich wieder zu mir gesetzt hatte.