+3 Magazin Februar 2021 - Page 6

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Felix Ekardt , Nachhaltigkeitsforscher
Lähmender Kreislauf
Das Pariser Klimaabkommen gibt rechtsverbindlich für alle Staaten die 1,5-Grad-Grenze vor . Das erfordert Nullemissionen bei Strom , Wärme , Mobilität , Agrar , Kunststoffen und Zement bis etwa zum Jahr 2035 . Das gelingt nur , wenn man bis dahin die fossilen Brennstoffe vollständig aus dem Markt nimmt und die Tierhaltung um drei Viertel reduziert – nicht durch einen Salat von Einzelverboten , sondern durch ein EU-Mengensteuerungssystem , also einen verbesserten Emissionshandel mit breiterem Ansatz und viel strengerem Ziel . Dann könnten verbleibende Agrar- und Industrie-Emissionen durch Aufforstung oder Moor-Wiedervernässung ausgeglichen werden . Damit Länder des globalen Südens bei solchen EU-Öko-Leitplanken mitmachen , muss ihnen die Armutsbekämpfung möglich bleiben . Etwa indem man ihnen die Einnahmen des Emissionshandels überlässt , um eine Rentenversicherung aufzubauen . Das ist auch zur Bekämpfung des Bevölkerungswachstums sinnvoll . Nötig sind ferner Öko-Zölle für Länder , die beim Klimaschutz nicht mitmachen
. Sonst wandern emissionsintensive Produktionen wie die von Stahl in die Klimasünder-Länder ab . Eigennutz , Normalitätsvorstellungen oder Emotionen wie Bequemlichkeit , Gewohnheit oder Verdrängung verhindern bisher den Wandel . Politik , Unternehmen , Wähler und Konsumenten hängen wie in Teufelskreisen voneinander ab . Echter Wandel gelingt nur im Wechselspiel der Akteure .
Eberhard Brandes , Geschäftsführender Vorstand WWF Deutschland
Wir entscheiden mit
Money matters – Geld spielt eine Rolle . Das ist beim Erreichen unserer Klimaziele nicht anders . Klima- und Naturschutz ist ohne ein Umdenken im Finanzsystem nicht möglich . Energie- und Wärmewende , Verkehrsoder Agrarwende – auf dem Weg zum 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens liegen einige Herausforderungen vor uns . Unsere Art des Wirtschaftens müssen wir so erneuern , dass sie innerhalb der planetaren Belastungsgrenzen floriert . Das Finanzsystem ist ein wirksamer Hebel , mit dem wir unsere Wirtschaft fitmachen für die Pariser Ziele . Klimafreundliche
USA
Japan
Deutschland
Großbritannien
Belgien
Januar-November 2018
EXPORTEURE
Stahlindustrie aus grünem Wasserstoff , Ladeinfrastruktur für E-Mobilität oder Kreislaufwirtschaften , die Ressourcen schonen und keinen Müll produzieren : Der nachhaltige Umbau unserer Wirtschaft verlangt zielgerichtete Investitionen und Finanzierungen . Dafür müssen Finanzakteure wie Banken und Fondsanbieter Klima- und Umweltrisiken in ihre Strategien , Prozesse und Produkte einbeziehen . Die Veränderungen vollziehen sich aber nur langsam . Deutlich mehr
6,9 %
GLOBALE HANDELSSTRÖME
9,5 %
12,7 %
15,3 %
16,2 %
Quelle : Greenpeace
Anstrengungen sind nötig , um unseren Planeten vor der Klimakatastrophe zu bewahren . Wir alle sollten einen Blick auf unsere Geld- und Sparanlagen werfen . Was macht die Bank mit meinem Geld ? Welche Unternehmen werden finanziert ? Investiert die Bank mein Geld in Kohlekraftwerke ? Oder fördert sie nachhaltige Geschäftsmodelle und zahlt damit doppelt auf die Zukunft ein ? Wir sind als Verbraucher mächtige Entscheider zum Erreichen der Klimaziele .
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KLIMANEUTRALE GASINFRASTRUKTUR IST MACHBAR

Interview mit Dr . Timm Kehler , Vorstand Zukunft Gas
Wie erreichen wir unsere Klimaziele und das mit Erdgas ? Für viele Kritiker ist das ein Widerspruch in sich , Erdgas und Klimaschutz . Hat Erdgas noch Zukunft ?
Auf jeden Fall . Vor allem dann , wenn wir über die Infrastruktur und über klimaneutrale Gase reden . Sicher wird sich der Energieträger ändern , der in den Pipelines fließt . Was heute Erdgas ist , wird morgen Wasserstoff oder Biomethan sein . Hier steht die Branche vor einer großen Transformation , bei uns gibt es aber keinen , der sagt , das Ziel Klimaneutralität ignorieren wir . In der nahen Zukunft , in den kommenden 20 Jahren , gehen wir von einem mindestens konstanten Erdgasbedarf aus . Und zwar nicht trotz , sondern wegen der Klimaschutzmaßnahmen . Denn der Wechsel von Braunkohle zu Erdgas in der Stromerzeugung führt zu einer CO 2 -Einsparung von bis zu 70 Prozent .
Der Ausbau der erneuerbaren Energien schreitet aber rasch voran , zu rasch für die Gasbranche ?
Nein , eher nicht rasch genug . Die Erneuerbaren werden bislang fast ausschließlich im Strommarkt eingesetzt . Besonders hier wird aber ein steigender Bedarf von Erdgas prognostiziert . Denn mit dem Ausstieg aus der Kohle- und Atomkraft sowie dem Ausbau der erneuerbaren Energien braucht es Gaskraftwerke , die emissionsarm und flexibel Strom während einer Dunkelflaute erzeugen können . Der Zuwachs von Erdgas im Strommarkt lässt sich mit Zahlen aufzeigen : Lag der Anteil im Jahre 2015 noch bei neun Prozent , so erzeugen Gaskraftwerke fünf Jahre später bereits 16 Prozent des Stroms . Elektrizität macht aber nur ein Fünftel des deutschen Energiesystems aus . Die Hälfte der Deutschen heizt mit Gas und der Markt wächst stetig . In der Ablösung von 5,5 Millionen Ölheizungen schlummert ein riesiges Potenzial für den Klimaschutz .
Immer wieder heißt es , die bestehende Erdgas- Infrastruktur sei nicht für Wasserstoff nutzbar . Wie realistisch ist also ein Einsatz von Wasserstoff im Wärmemarkt ?
Deutschland ist ohne Zweifel in der Lage , die Gasinfrastruktur umzubauen und klimaneutral zu machen . Schon heute gibt es viele ermutigende Beispiele , dass den Netzen ein Wasserstoff-Anteil von 20 bis 30 Prozent beigemischt werden kann . Berlin hat schon Erfahrungen mit einem Anteil von 50 Prozent Wasserstoff im Stadtgas .
Weite Teile der Politik wollen aber nur grünen Wasserstoff im Einsatz sehen , also Wasserstoff , der mithilfe von Ökostrom erzeugt wird .
Wir wehren uns ausdrücklich dagegen , Wasserstoff als den „ Champagner der Energiewende “ zu sehen . Das ist Quatsch . Wollen wir eine breite und sozialverträgliche Dekarbonisierung für alle , brauchen wir eine klimaneutrale Volksenergie . Wasserstoff hat da das Potenzial dafür . Deswegen setzen wir uns auch für andere Wasserstoffproduktionsmethoden ein , solange sie klimaneutral sind . Norwegen zum Beispiel hat das Projekt „ Long Ship “ auf den Weg gebracht , um blauen Wasserstoff aus Erdgas herzustellen . Das bei der Erzeugung anfallende CO 2 wird abgeschieden und dann im norwegischen Kontinentalschelf drei Kilometer unter dem Meeresboden gespeichert .
Mehr Informationen unter : gas . info