142 | 143
K U LT U R & M E D I E N
THEMA
WELTOFFENE POSITIONEN
In der auf Pluralismus basierenden Gesell-
spiegelt und in vielen Städten, vor allem aber
schaft Deutschlands kann es den einen alle
in Berlin sichtbar ist. Millionen Deutsche mit
anderen dominierenden kulturellen Trend
Migrationshintergrund leben in zweiter, drit-
ebenso wenig geben wie die eine alle übrigen
ter Generation im Land, sie erzählen über sich
in den Schatten stellende Metropole. Ver-
und das Leben ihrer Eltern und Großeltern
stärkt durch die föderale Struktur gibt es in
andere Geschichten als die seit Jahrhunder-
Deutschland eine Gleichzeitigkeit des Un-
ten in Deutschland lebenden Bürger. Sie sind,
gleichzeitigen, existieren unterschiedlichste,
ob in Deutschland geboren oder nicht, in der
mitunter gegensätzliche und miteinander
Regel durch keine konkrete Migrationsge-
konkurrierende Strömungen in Theater,
schichte geprägt, aber durch die Erfahrung
Film, Musik, Bildender Kunst und Literatur.
kultureller Hybridität. Dieses Leben in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen
Einen deutlichen Trend gibt es im Theater:
bringt neue Formen der künstlerischen Aus-
Die Zahl der Uraufführungen zeitgenössi-
einandersetzung mit der Gesellschaft hervor
scher Autoren ist steil gestiegen. Sie zeigen
und bildet die aktuellen Konfliktlinien, die
die Bandbreite der gegenwärtigen Darstel-
Aushandlung von Rechten, von Zugehörig-
lungsformen, in denen sich traditionelles
keit, von Teilhabe ab. Es entstehen neue Nar-
Sprechtheater mit Pantomime, Tanz, Video,
Laiendarstellung und Musik häufig zu einem
performanceähnlichen,
postdramatischen
INFO
Bühnengeschehen verdichtet. Die Vielfalt,
wie sie jährlich das im Mai stattfindende Berliner Theatertreffen zeigt, ist vielstimmige
Antwort auf die Fragestellungen einer komplexen Wirklichkeit.
Neben diesem von einer gesellschaftlichen
Mitte getragenen kulturellen Mainstream
entsteht etwas Neues, das zunehmend aus
den randständigen Milieus in die freie, aber
auch in die etablierte Theaterkultur vordringt und sie befruchtet. „Postmigrantisch“
ist das Schlagwort für dieses Phänomen, das
Deutschland als Einwanderungsgesellschaft
Adelbert-von-Chamisso-Preis Dieser
Literaturpreis wird seit 1985 von der
Robert-Bosch-Stiftung verliehen. Ausgezeichnet werden deutschsprachige,
bereits veröffentlichte Werke von Autoren nichtdeutscher Muttersprache. Die
Preisträger 2015 waren Sherko Fatah,
ein deutscher Schriftsteller mit irakischen Wurzeln (für sein Gesamtwerk),
die in Baku/Aserbaidschan geborene
Autorin Olga Grjasnova („Die juristische
Unschärfe einer Ehe“) und Martin Kordic („Wie ich mir das Glück vorstelle“),
dessen Vater aus Kroatien stammt.
→ bosch-stiftung.de