Tatsachen über Deutschland 2015 2015 | 页面 144

142 | 143 K U LT U R & M E D I E N THEMA WELTOFFENE POSITIONEN In der auf Pluralismus basierenden Gesell- spiegelt und in vielen Städten, vor allem aber schaft Deutschlands kann es den einen alle in Berlin sichtbar ist. Millionen Deutsche mit anderen dominierenden kulturellen Trend Migrationshintergrund leben in zweiter, drit- ebenso wenig geben wie die eine alle übrigen ter Generation im Land, sie erzählen über sich in den Schatten stellende Metropole. Ver- und das Leben ihrer Eltern und Großeltern stärkt durch die föderale Struktur gibt es in andere Geschichten als die seit Jahrhunder- Deutschland eine Gleichzeitigkeit des Un- ten in Deutschland lebenden Bürger. Sie sind, gleichzeitigen, existieren unterschiedlichste, ob in Deutschland geboren oder nicht, in der mitunter gegensätzliche und miteinander Regel durch keine konkrete Migrationsge- konkurrierende Strömungen in Theater, schichte geprägt, aber durch die Erfahrung Film, Musik, Bildender Kunst und Literatur. kultureller Hybridität. Dieses Leben in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen Einen deutlichen Trend gibt es im Theater: bringt neue Formen der künstlerischen Aus- Die Zahl der Uraufführungen zeitgenössi- einandersetzung mit der Gesellschaft hervor scher Autoren ist steil gestiegen. Sie zeigen und bildet die aktuellen Konfliktlinien, die die Bandbreite der gegenwärtigen Darstel- Aushandlung von Rechten, von Zugehörig- lungsformen, in denen sich traditionelles keit, von Teilhabe ab. Es entstehen neue Nar- Sprechtheater mit Pantomime, Tanz, Video, Laiendarstellung und Musik häufig zu einem performanceähnlichen, postdramatischen INFO Bühnengeschehen verdichtet. Die Vielfalt, wie sie jährlich das im Mai stattfindende Berliner Theatertreffen zeigt, ist vielstimmige Antwort auf die Fragestellungen einer komplexen Wirklichkeit. Neben diesem von einer gesellschaftlichen Mitte getragenen kulturellen Mainstream entsteht etwas Neues, das zunehmend aus den randständigen Milieus in die freie, aber auch in die etablierte Theaterkultur vordringt und sie befruchtet. „Postmigrantisch“ ist das Schlagwort für dieses Phänomen, das Deutschland als Einwanderungsgesellschaft Adelbert-von-Chamisso-Preis Dieser Literaturpreis wird seit 1985 von der Robert-Bosch-Stiftung verliehen. Ausgezeichnet werden deutschsprachige, bereits veröffentlichte Werke von Autoren nichtdeutscher Muttersprache. Die Preisträger 2015 waren Sherko Fatah, ein deutscher Schriftsteller mit irakischen Wurzeln (für sein Gesamtwerk), die in Baku/Aserbaidschan geborene Autorin Olga Grjasnova („Die juristische Unschärfe einer Ehe“) und Martin Kordic („Wie ich mir das Glück vorstelle“), dessen Vater aus Kroatien stammt. → bosch-stiftung.de