Sonntagsblatt 4/2019 - Page 19

te des Bonnhader katholischen Geistlichen Josef Bauer auf die Mitglieder des Volksbundes ersichtlich. Der Refrain des von ihm verfassten Marsches der Treuebewegung, der „Hymne der Be- wegung“, klingt so (S. 74 a.a.O.): „Ich bin ein Ungar und bleibe Krist Mein Führer Horthy Miklós ist, Ich bin ein Ungar und bleibe Krist Mein Führer Horthy Miklós ist.„ Der Versuch der nach Deutschland vertriebenen „Treuen“, die alliierten Siegermächte in der Bundesrepublik zu bewegen, sie möchten die Volksbundmitglieder der Entnazifizierungsprozedur unterwerfen, scheiterte kläglich. Die Alliierten weigerten sich, den Volksbund der Deutschen in Ungarn als eine Naziorganisa- tion einzustufen. Als Kriegsverbündeter des Dritten Reiches kämpften ungarische und deutsche Soldaten nebeneinander an der Ostfront. Am 24. Februar 1942 vereinbarten Deutschland und Ungarn, dass An- gehörige der deutschen Volksgruppe im Alter von 18 bis 30 Jah- ren zum Dienst in der Waffen-SS angeworben werben können. Dem folgte eine Vereinbarung vom 22. Mai 1943 über eine neue Werbeaktion für die Waffen-SS unter den Volksdeutschen der Jahrgänge 1908 bis 1925 und ihre Freistellung vom Dienst in der Honvéd ( = ungarisches Heer). Nach dem dritten Abkommen bei- der Staaten vom 14. April 1944 wurden alle Jahrgänge deutscher Volksangehöriger nach Vollendung des 17. Lebensjahres zur Waffen-SS eingezogen. Die Zahl der zur Waffen-SS einberufe- nen Ungarndeutschen soll bei ca. 120.000 Mann gelegen haben. Auch in Nadwar wurde gemustert und zur Waffen-SS eingezo- gen. Für Sicherheit und ordnungsmäßigen Ablauf der Musterung sorgte die ungarische Gendarmerie. Sie kontrollierte die Straßen und Wege, damit sich niemand der Musterung entziehen konnte. Die Musterung selbst wurde von deutschen Truppenärzten unter Beteiligung eines ungarischen Offiziers vorgenommen. Die Spannung unter der Nadwarer Bevölkerung erreichte ihren Höhepunkt, als Pfarrer Mehringer (später auf Mátrai magya- risiert) die Gläubigen vor dem Beitritt zum Volksbund warnte. Damit zerbrach auch der religiöse Frieden. Die es sich leisten konnten, gingen nach Hajosch oder in einen anderen Nachbarort in die Kirche, manche gar nicht. Marienmädchen durften ohne- hin keine Volksbundmitglieder sein. In dieser gespannten Lage dominierte die gegenseitige Hetze mit unerwünschten Folgen. Dass man sich gegen den eigenen Geistlichen gestellt hatte, von dem man Trost und Zuspruch erwartete, kostete eine außerge- wöhnliche Überwindung. Zwei Jahrhunderte lehrte auch die ka- tholische Kirche in Nadwar schon die Ehrfurcht zu den Eltern und feierte das Fest der Heiligen Familie mit folgenden Glaubenssät- zen (Sir 3, 2-6. 12-14): „Der Herr hat den Kindern befohlen, ihren Vater zu ehren, und die Söhne verpflichtet, das Recht ihrer Mutter zu achten. Wer den Vater ehrt, erlangt Verzeihung der Sünden, und wer sei- ne Mutter achtet, gleicht einem Menschen, der Schätze sammelt. Wer den Vater ehrt, wird Freude haben an den eigenen Kindern, und wenn er betet, wird er Erhörung finden. Wer den Vater achtet, wird lange leben, und wer seiner Mutter Ehre erweist, der erweist sie dem Herrn. Mein Sohn, wenn dein Vater alt ist, nimm dich seiner an, und betrübe ihn nicht, solange er lebt. Wenn sein Verstand abnimmt, sieh es ihm nach, und beschäme ihn nicht in deiner Vollkraft! Denn die Liebe zum Vater wird nicht vergessen, sie wird als Süh- ne für deine Sünden eingetragen.“ Für den überwiegenden Teil der Nadwarer Bevölkerung war es SoNNTAGSBLATT unvorstellbar, sich gegen die eigenen Eltern aufzubäumen. Die höchsten katholischen Würdenträger z.B. Fürstprimas Minds- zenty (früher Pehm=Böhm), Bischof Hamvas aus Csanád (früher Hirsch), Bischof Größ aus Kalocsa und Bischof Cserháti (früher Zepf) aus Fünfkirchen bekannten sich uneingeschränkt zum Ma- gyarentum, verleugneten ihre Herkunft und ihr Volkstum, wes- halb sie in den Augen der deutschen Bevölkerung die Bodenhaf- tung verloren hatten und unglaubwürdig wirkten. Die Haltung Pfarrer Mehringers in dieser Krisenzeit Die Mitglieder des Volksbundes erlebten ein neues deutsches Selbstbewusstsein, das den magyarisierten und magyarisie- rungsbereiten Volksbundgegnern zuwiderlief. Infolge der rigoro- sen Magyarisierungspolitik war die Bevölkerung schon Jahre vor der Gründung des Volksbundes tief gespalten. Pfarrer Mehringer soll durch sein intolerantes Verhalten und seine zeitweise jäh- zornige Art viel zur Verschärfung der Krise beigetragen haben. So soll er bei einer Taufe im Jahr 1942 ein neutrales „Mäschele“ (Stoffbändchen), also keine Hitler- oder Volksbundfahne, abrupt vom Taufkleid heruntergerissen haben, was die Taufpatin sehr irritiert hatte. Andere Personen berichteten, dass Pfarrer Meh- ringer gegen das neutrale „Mäschele“ nichts unternommen hatte. Feststeht, dass Pfarrer Mehringer nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Vertreibung war, sie als großes Unrecht brandmarkte und vielen Vertriebenen durch Ausstellung von Kirchenbuchaus- zügen bei der Eingliederung in Deutschland half. Die Neugeborenen wurden trotz aller bestehenden politischen Gegensätze nach dem schlichten alten Gebrauch fortan ohne „Mäschele“ in Nadwar getauft. Zur Entwicklung im Jahr 1942 schreibt Pfarrer Mehringer in der „Geschichte der Pfarrei“ (his- toria domus): 1942. „Ungarisches Militär ruhte sich in der Karwoche aus. Die Soldaten waren dabei, die von Jugoslawien besetzte Batschka zu befreien. Am Karfreitag haben sie die Batschka besetzt. Da- nach begann unter der deutschsprachigen Bevölkerung Ungarns die Entstehung des „Volksbunds“. Auch unter meinen Gläubigen! Das äußere Ziel war die vollkommene sprachliche und kulturelle Freiheit der deutschen Minderheit. Iin Wirklichkeit die begleiten- de Propaganda des Deutschen Reiches. Meine Gläubigen wur- den auseinandergerissen, der größere Teil wurde Mitglied des Volksbundes, der kleinere blieb dem Magyarenbund treu. Die Gegensätze und Reibereien waren an der Tagesordnung. Leider wandten sich Mitglieder des Volksbundes auch gegen die Reli- gion und das Priestertum. Auch ich hatte viele Unannehmlich- keiten mit dem Hitler-Bändchen bei der Taufe. Eheleute trennten sich, die Gegensätze zwischen Eltern und Kindern, Verwandten und Nachbarn, wuchsen.“ 1943. „Am Ostermontag werden die ersten Freiwilligen des Volksbundes zur deutschen Waffen-SS eingezogen. Großer Auf- trieb und Verabschiedung.“ 1943 Herbst. „Die Fenster der Pfarrei werden eingeschlagen, weil ich die dem Ungarntum treu gebliebene Bevölkerung organisiert habe und für stark halte. Ich gründete den Missions-Mutter-Ver- ein. Die Männer gruppieren sich im Landwirteverein und leisten dadurch Widerstand der deutschen und örtlichen Propaganda. Der unselige Zustand dauert an, obwohl Ungarn und Deutsche gegen den gemeinsamen Feind kämpfen. Verschiedene Samm- lungen für Krankenhäuser und an den Fronten kämpfenden Sol- daten werden durchgeführt. Meine Gläubigen sind spendenfreu- dig.“ 1944. „Am 19. März besetzen die Deutschen unser Land. Das hat die Volksbundmitglieder noch kühner gemacht. Doch bald kam die Ernüchterung. Ein hiesiger Soldat der Waffen-SS, Niko- laus Leirer, wollte an einem Sonntagabend in das Pfarreigebäu- de eindringen und mich erschießen. Doch seine Frau und Mutter (Fortsetzung auf Seite 20) 19