Sonntagsblatt 3/2025 | Seite 28

und des Bekanntenkreises: „ In der Familie hat sich jeder gefreut, vor allem väterlicherseits. Ein betagter Verwandter hat mich gefragt, ob er ab jetzt auch so genannt wird?! Natürlich nicht. Den meisten musste man das kurz erklären. Ich denke, jeder hat es verarbeitet. Viele meiner alten Freunde verwenden immer noch meinen alten ungarischen Namen beziehungsweise Kosenamen. Diejenigen, die ich in letzter Zeit kennen gelernt habe, verstehen wiederum meinen alten Namen nicht. Meine jüngere Schwester interessiert sich nicht so sehr dafür. Darüber hinaus stellen Name und Vorname eine Alliteration dar, deswegen will sie den alten deutschen Namen nicht zurück haben. Aber meine Tochter ist wie gesagt eine geborene Jäger!” Für Gabriel und seine Frau stellte das Vorhaben ein Dilemma dar: Die Familie der Ehefrau habe sich völlig der Sache verschlossen und thematisierte sie erst gar nicht, während Gabriels Familie die Namensänderung komisch und überflüssig fand. Aber insgesamt habe es keine negativen Reaktionen gegeben, so der 33-Jährige.
Und wie lief das ab mit der Namensänderung? Jäger musste nach eigenen Angaben Dokumente zusammensuchen- auch kirchliche-, die die Verbindung zu den Vorfahren belegten. Daraufhin musste man ein Formblatt ausfüllen und die Entscheidung kurz begründen. Thomas Jäger berief sich nach eigenen Angaben auf die Liebe und Ehrerbietung dem Großvater gegenüber. Die Behörden hätten anfangs auf die Regeln der ungarischen Rechtschreibung bestanden, wo es kein „ Ä“ gibt. So hätte er „ Jager“ oder

WER BIST DU EIGENTLICH?

Von Helmut Kurtz
Geboren in einem Land, die dich nicht versteht, denn du bist der Landessprache nicht mächtig, auch deine Kultur ist fremd für deine Nachbarn und gehst Tag für Tag am Haus deiner Ahnen vorbei, die von Fremden angeeignet wurde.
„ Jáger“ werden sollen. Ein Bekannter habe ihn auf das Nationalitätengesetz hingewiesen, das im Falle von Nationalitätenangehörigen die jeweilige Rechtschreibregeln der Mutternation zulässt: Nach einer erneuten Eingabe wurde dem Antrag zugestimmt, so Jäger. Bei Gabriel Karl dauerte das Prozedere zwei Monate. Zuerst musste, so der Budapester, die Angelegenheit um die Schreibweise „ Koltai / Koltay“ geklärt werden.
Nun im Besitz eines Stücks Familienerbe stellt sich die Frage, wie die beiden die Gegenwart und Zukunft der deutschen Gemeinschaft sehen. Gabriel Karl spricht in diesem Zusammenhang von einer „ Renaissance”, da man sich frei und ohne Retorsionen zu seiner Herkunft bekennen könne. Eine Gefahr für die Herkunft und Abstammungsgeschichte stellten aber die Mischehen dar – hier sieht er schwarz, aber auch bezüglich der Weitergabe der Sprache an die nachfolgenden Generationen. Bei ihm hätten sich die deutschen Sprachkenntnisse abgebaut, obwohl er mehrfach in Deutschland arbeitete und eine Übersiedlung in die „ alte Heimat”- wie er sagt- plante. Die Kinder sollen am neuen Wohnort Kimling / Kimle ab diesem Schuljahr eine deutsche Nationalitätenschule besuchen. Thomas Jäger, der die Sprache auch beherrscht, meint, dass die Sprache nicht das alleinige Erkennungsmerkmal und Garant für den Fortbestand der Familie sei: Genauso wichtig seien Glaube, Fleiß sowie „ die ganz eigene Verarbeitung von Freude und Trauer. Dinge, die man uns nicht nehmen kann.”
Aufnahmeprüfung zu machen.
Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung wirst Du zum Dienst an der Waffe gerufen, wo wiedermals deine Muttersprache in Vordergrund steht.
Großmütter, Mutter, Vater reden mit dir nur deutsch und in ihrer Mundart, nur der Bruder redet zu dir nur hochdeutsch, der weit in der Stadt leben muss, weil er blind das Leben erblickte, durch die Gewalt der Schergen deines Geburtslandes.
Schwer hast du die Amtssprache deines Geburtslandes erlernt. Gingst in die Schule. Zu deinem Glück hattest du eine Lehrerin, die kein Diplom erwerben durfte wegen ihrer Abstammung und auf einmal wendete sich das Schicksal der beiden.
In der 7., 8. Klasse erwarbst du nacheinander den Landeswettbewerb in deutscher Sprache. Du kamst danach in die deutsche Mittelschule und deine Lehrerin durfte nach 20 Jahren ihr Studium als Deutschlehrerin anfangen. In der Zwischenzeit verlorst du deine Großeltern und Vater, die den Nachfolgewirkungen der Misshandlungen der Schergen der Machthaber erlagen.
Gedankengut und Gesellschaftsauffassung entsprachen nicht der der Elite, denn du konntest durch deine Tanten einen großen Teil deiner Schulferien in einer deutschsprachigen Demokratie verbringen, aber ohne Mutter, versteht sich. Ihre Kinder waren meine Ersatzgeschwister.
Weiter verfolgt dich deine Muttersprache, als nach dem Abi erlaubt man dir an der Uni in Deutsch die mündliche
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An der Uni wirst du aber vom Deutschunterricht befreit, weil dich eine Professorin auf dem Kicker hat, aber kannst dich fachlich weiterbilden. Nach dem Examen in der Arbeitwelt wirst du gebraucht, aber nur bis zu einer vorbestimmten Höhe der Karriereleiter.
Man hat das Gefühl, wegen seiner Abstammung.
Bald kommt die Wende und wie das Leben so ist, von den Verfolgern sind über Nacht die Verfolgten geworden.
Das gleiche Spiel ging wieder los. Was nach 35 Jahren nicht anders ist.
Stehst allein im Leben und weißt nicht, wohin du hingehörst.
In die Urheimat oder wohin??
In dein Geburtsland sicher nicht, denn du bist ein Fremdkörper, wenn du deine Identität behältst.
Für die Politik bist und bleibst nur eine Schaufenster-Dekoration.
Und je älter du wirst, fühlst du dich wie der letzte Mohikaner, der nur verarscht wurde.