Sonntagsblatt 3/2025 | Page 25

SB: Welche besonderen Herausforderungen im deutschen Nationalitäten-unterricht / im Fach Deutsche Nationalitätensprache und-literatur bzw. bei der Vermittlung der deutschen Identität siehst du in der Praxis?
EP: Das größte Problem ist, dass die Schüler, die unsere Schule wählen, mit ganz unterschiedlichen Sprachniveaus zu uns kommen. Eine Fünf in Deutsch( die beste Note in Ungarn, Red.) bedeutet in der einen Grundschule etwas anderes als in einer anderen. Im Gegensatz zu den anderen Gymnasien mit zweisprachigem Nationalitätenunterricht haben wir am Schiller-Gymnasium eine sehr heterogene Schülerschaft, was die kognitiven Fähigkeiten, den Fleiß und das Engagement betrifft. Das bedeutet, wir können keine große Auswahl treffen, obwohl wir die Schüler auch bei der Aufnahmeprüfung messen. Die deutsche Sprache verliert leider immer mehr an Beliebtheit. Nicht einmal im Kreise der ungarndeutschen Bevölkerung der Gegend wird es für wichtig gehalten, sie auf hohem Niveau zu erlernen.
Bei der Frage der Vermittlung der Identität sehe ich die Situation nicht so düster. Dank der benachbarten Grundschule am Marktplatz und den ungarndeutschen Vereinen und Tanzgruppen der Stadt bzw. der Gegend haben wir immer wieder begeisterte, Nationalitätenangelegenheiten gegenüber offene Jugendliche. Es ist zwar nur ein kleiner Teil unserer Schüler, jedoch können wir mit ihnen und durch sie auch andere Lernende ins Nationalitätenleben der Schule miteinbeziehen. Die Zugehörigkeit zum Ungarndeutschtum wird auch durch verschiedene staatliche und deutsche Stipendienmöglichkeiten „ belohnt”, die auch unsere Bestrebungen unterstützen.
SB: Welchen Einfluss hat auf all das die Beliebtheit des Englischen?
EP: In der Vorherrschaft des Englischen sehe ich den einen Grund für das mangelnde Interesse an unserer Schule.
SB: Wenn du Schule von heute mit der deiner Schulzeit vergleichst – was hat sich verändert, was ist gleich geblieben?
EP: Die pädagogischen Methoden haben sich – zum Glück – verändert. Man könnte die heutige Jugend mit den alten Methoden gar nicht mehr ansprechen. Als Lehrer ist man gezwungen die Stunden vielfältig, abwechslungsreich zu gestalten, sonst verlieren die Kinder die Motivation. Man muss mit der Entwicklung der Informationstechnik Schritt halten. In jeder Klasse sitzen mehrere Schüler mit irgendwelchen Verhaltens- oder Lernschwierigkeiten und ihre Zahl wächst von Jahr zu Jahr. Sie zu unterrichten ist eine große Herausforderung.
Was aber mir persönlich gefällt, ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Man kann sagen, dass die Lehrer heute die Schüler als Partner ansehen und sie so behandeln. Die Beziehung zwischen uns und unseren Schülern ist lockerer, vertraulicher. Der Lehrer ist nicht mehr eine überlegene, allwissende Person, deren Aufgabe es ist, den Schülern alles Wissen zu vermitteln, sondern ein weiser Ratgeber, der die Kinder auf ihren Wegen mit Rat und Tat begleitet, ihnen bei Problemen zur Verfügung steht und hilft das nötige Wissen zu erwerben.
SB: Du unterrichtest auch deutschen Volkstanz – wie stehen die Jugendlichen heute zu diesem Teil des ungarndeutschen Erbes?
EP: In jedem Jahrgang haben die Klassen eine Tanzstunde pro Woche. Es ist eine sehr schwere Aufgabe. Die Fragen „ Was nützt mir das?” oder „ Wozu werde ich das nutzen können?” bekomme ich fast jeden Tag. Es gibt Klassen, die ich besser begeistern kann, andere wehren sich dagegen stärker oder sind ganz uninteressiert. Da ich aber sehr gerne tanze, lasse ich mich von den „ Gegnern” nicht entmutigen. Und weil ich begeistert und unentwegt meine Stunden halte, geben sie mit der Zeit nach. In jeder Klasse gibt es auch Schüler, die in einer ungarndeutschen Tanzgruppe aktiv mitmachen, sie sind dann meine Partner bei der Überzeugung der anderen. Mit manchen Klassen lässt es sich aber zum Glück ganz gut arbeiten.
SB: Wo siehst du das ungarndeutsche Schulwesen in 20 Jahren?
EP: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Ich kann nur hoffen, dass es weiterleben wird. Das hängt aber in großem Maße von der aktuellen politischen Situation ab.
SB: Eva, vielen Dank für das Gespräch. Das Gespräch führte Richard Guth.
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