Sonntagsblatt 3/2025 | Page 23

verloren hat: 2011 war sie die kleinste Elementareinrichtung des Landes mit nur sieben Schülerinnen und Schülern: „ Die Schule ließ sich nicht mehr rentabel betreiben, die Gemeinde musste jedes Jahr zuschießen”, erzählt die bereits erwähnte junge Frau. Der Kindergarten- ein putziger Neubau- halte sich noch, aber die Frage sei, wie lange? Man beschäftige sich in der Kita auch mit Russinisch, aber ähnlich wie anderswo reiche das ja nicht aus, um die Sprache zu tradieren, bestätigen alle Gesprächspartner. Der Sprachverlust ist auch äußerlich sichtbar: Ich fand im Ort keine einzige russinische Aufschrift.
Ein anderes Bild erwartet mich gut 15 Kilometer weiter inmitten des Tokajer Weinbaugebiets. In Trautsondorf / Hercegkút, das mit Siedlern aus dem Schwarzwald in der gleichen Zeit wie Komlóška besiedelt wurde, wimmelt es nur so von deutschen Inschriften – selbst manch Gewerbetreibender bedient sich in Teilen des deutschen Ortsnamens. „ Wie » schwäbisch « ist noch Trautsondorf?”, will ich von Passanten wissen: „ Sehr”, so unisono! Man würde Sprache und Kultur pflegen, ergänzen meine nicht ortsansässigen Gesprächspartner. Wie ich augenzwinkernd erfahre, stelle sich die Frage in der Region so: Wie hoch ist im jeweiligen Ort der Anteil der Roma-Bevölkerung? In Komlóška und Trautsondorf wohnen kaum Roma, erzählt man mir. „ Wenn es hochkommt, dann ist nur noch etwa die Hälfte der Bevölkerung schwäbisch oder schwäbischstämmig Die Sprache spricht keiner mehr”, darüber berichtet mir nüchtern eine ortsansässige Frau Anfang 70, die gerade ihren schönen Hintergarten pflegt. „ Selbst unsere Eltern durften in der Schule nicht mehr Mundart reden. Wenn sie es taten, mussten sie als Strafe » magyar kenyeret eszünk, magyarul beszélünk «( wir essen ungarisches Brot, wir reden ungarisch) hundertmal aufsagen”, berichtet sie von den Demütigungen der älteren Generationen. Auch die „ kleine Arbeit“, die 136 Dorfbewohner erlitten hätten, sei ein harter Einschnitt gewesen. Dennoch pflege man noch kulturelle Traditionen, so über die berühmte Tanzgruppe oder gemeinsame Aktionen wie Heumähen.
Trautsondorf liegt an der in die Slowakei führenden Nationalstraße und gehört zu den beliebtesten Tourismusregionen des Landes. Draußen an den Weinkellern reihen sich Autos mit ausländischen Kennzeichen aneinander, deren Besitzer sich mit Tokajer Wein eindecken. Soweit das Auge reicht, beherrschen die liebliche Landschaft Weingüter. Auch der Ort macht einen sehr aufgeräumten und wohlhabenden Eindruck. An der Wand eines Gebäudes in der Ortsmitte prangt die Aufschrift „ Genossenschaft”: „ Die Genossenschaft gibt es lange nicht mehr, heute bewirtschaftet man die Weingüter als Familienbetriebe”, erzählt eine Frau Mitte 60, die ich beim Rasenmähen unterbreche. Auch Beherbergungsbetriebe sorgten für Beschäftigung, so die Frau weiter. Aber auch sie bestätigt den Sprachverlust. Bis auf die Alten spreche man die Sprache im Alltag nicht mehr, auch nicht in der Kirche. Die Zuwanderung habe die Dorfgemeinschaft zwar verändert, aber die Meinungen gehen auseinander, wie massiv dieser Zuzug ist.
Wie auch immer, die Gegend scheint attraktiv zu sein: Das erfahre ich, als ich auf dem modernen Kinderspielplatz ein Ehepaar mit zwei Enkelkindern treffe. Die Eheleute wohnen nach eigenen Angaben im nahe gelegenen Sárospatak und kämen regelmäßig hierher, weil es hier so ruhig und ordentlich sei. Eben ein schwäbisches Dorf, wie man es kennt, könnte man denken.
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