Sonntagsblatt 3/2020 - Page 27

Veränderungen , denn um den Mindestabstand einzuhalten , halten sich nur sieben Frauen gleichzeitig im Sammlungsraum auf . Die Interessenten erhielten zuerst einen befristeten Fünf-Jahresvertrag , finanziert vom Jobcenter , denn „ sie müssen zuerst ans Arbeiten herangeführt werden ”, so Macher . Einen festen Vertrag würden die Mütter nach dieser Kennenlernphase bekommen , mit einem monatlichen Bruttoverdienst von 1800 Euro ( 630.000 Forint ). „ Es gibt aber auch schon die ersten , die von uns in die Rente gegangen sind ”, erzählt Maria Macher und berichtet von sehr positiven Erfahrungen . Sie könne dabei den Weg und Werdegang der Stadtteilmütter verfolgen – positiv dabei sei es , dass die Kinder der qualifizierten Frauen fast ausnahmslos studiert hätten . Dieser Job würde für sie oft auch einen Emanzipationsprozess bedeuten , den sie durchmachen . Unter denen hingegen , die aufgehört haben ( 400 von 500 Qualifizierten ) gebe es viele , die nur in prekären Beschäftigungsverhältnissen untergekommen seien .
Im Laufe der Zeit seien immer neue Familien mit Betreuungsbedarf hinzugekommen – extrem sei es 2015 inmitten der Flüchtlingskrise gewesen : „ Es galt dabei existentielle Nöte aufzufangen : Kita-Besuch , Wohnen , Essen .” Jetzt , fünf Jahre danach , würde man sich mit Themen wie Feinmotorik bei Kindern oder gesunde Ernährung beschäftigen . Aber nicht nur als Hilfeempfänger tauchten Menschen aus der Zuwanderergruppe der Flüchtlingskrise auf , sondern auch als Helfer : Es gebe einige Stadtteilmütter , die aus solchen Familien kommen . Hilfe sei jederzeit nötig , denn viele würden sich im System nicht auskennen .
Dabei gebe es viele Lösungswege und „ was in Neukölln gut klappt , ist die Vernetzung ”, erzählt die Integrationshelferin . Staatsanwaltschaft , Polizei , Kitas , Schulen , Sozialarbeiter und Quartiersmanagement würden Hand in Hand arbeiten . Dieses Modell wurde als Neuköllner Modell in der ganzen Republik bekannt . Dabei gälten die Stadtteilmütter als „ Expertinnen ”, die geladen und gehört würden .
Der Ungarndeutschen ist durchaus bewusst , dass „ wir keine Lösung für alle Probleme sind ”, zumal die Angebote auf Freiwilligkeit beruhen . „ Deswegen kommen wir oft nicht an Familien heran , die kriminell sind oder ihre Kinder vernachlässigen oder gar misshandeln .” Nichtsdestotrotz würde man dank der Heterogenität der Gruppe der Stadtteilmütter unterschiedliche Gruppen erreichen , meist im Umfeld der Stadtteilmütter selbst . Vor einigen Jahren wäre der Wegzug von Bildungsorientierten charakteristisch gewesen , heute habe man eine Trendwende vollzogen : Heute seien die Schulen wieder gemischter , ethnisch wie sozial . 98 % der Kinder würden gerne eine Kita besuchen , was aber oft ein Wunsch bliebe : Denn es fehle an Plätzen aufgrund von Personalmangel . Auch der Kiez hätte sein Gesicht verändert : Wo früher Türken dominierten , lebten heute Menschen aus arabischen Ländern , Polen , Rumänien oder Bulgarien .
Die Fünfzigjährige , die mit einem Türken verheiratet ist und zwei dreisprachige Kinder hat („ Gegensätze ziehen sich an ”), fand nach eigenen Angaben schnell Anschluss in Neukölln , was sie darauf zurückführt , dass „ ich von meiner Familie geprägt wurde , die sehr offen war .” Ihre erste Wohnung in Kreuzberg fand sie nach eigenen Angaben sehr spannend . Sie fühlte sich von Anfang an den Türken sehr nahe , nicht zuletzt wegen der Sprache , die ähnlich wie Ungarisch klinge . Und auch in Saar hätten die Frauen Kopftuch getragen , schmunzelt sie .
Maria Macher ist deutsche Staatsbürgerin , was nach eigenem Bekunden eine bewusste Entscheidung gewesen sei : „ Ich bin Deutsche , aber auch Ungarin und Ungarndeutsche , das eine schließt das andere für mich nicht aus .” Auch aus der Ferne verfolgt sie die Entwicklung in Ungarn und das Schicksal der Ungarndeutschen . Nach ihrem Eindruck hätten im Moment alle Minderheiten einen schweren Stand in Ungarn , aber es freue sich , dass viele Jugendliche eine Nähe zu ihren Wurzeln gefunden hätten .
SoNNTAGSBLATT
Feuilleton
HEIMATLOS - eine Filmkritik Von Armin Stein
In dieser Ausgabe der Rubrik widme ich mich der Aufgabe über den Dokumentfilm von Udo Pörschke zu schreiben . Der Film befasst sich mit dem Thema Vertreibung aus der Perspektive von Zeitzeugen . Zu Wort kommen Experten , die dem Thema einen historischen Kontext geben . Auftraggeber und Sender der Erstausstrahlung ist der Hessische Rundfunk .
Eine Publikumsfrage ?
Als Erstes und Wichtigstes , was man über den Film wissen muss , ist sein „ Ziel-Publikum “. Wie auch der Stab und der Sender mehrmals über Social-Media Kanäle mitteilten , entstand diese Produktion für ein deutsches Publikum , welches sich nicht unbedingt im Klaren über die Ereignisse direkt nach ‘ 45 ist und eher am Schicksal der Ausgesiedelten interessiert ist . Dieser Fakt beeinflusst selbstverständlich den Schwerpunkt der Erzählung und der Inhalte . Es soll jedoch eine weitere Dokumentation oder eine weitere Fassung dieser Doku geben , deren Ziel-Publikum die ungarndeutsche Gemeinschaft sein soll .
Tausende Geschichten , gleicher Schmerz … oder ?
Wie schon der Titel aufzeigt , sind Hauptmotive der Dokumentation die Heimat , das Heimatgefühl und der Verlust dieser Heimat . Bei der Themenwahl „ Vertreibung “ ist dieses Motiv eine logische Entscheidung . Die Erzählungen der Überlebenden dieser schrecklichen Zeit sind wunderbar-authentische Mosaike , die aufgrund ihrer Fülle an individuellen Ereignissen allesamt einzigartig sind .
Eine wichtige Frage lässt mich in Bezug auf den Film jedoch nicht ruhen , die Frage der Narrative . In der ungarndeutschen Gemeinschaft herrscht ein Konsens darüber , dass die Vertreibung der Schicksalsschlag unserer Volksgruppe war . Die meisten Geschichten setzten ihren Schwerpunkt auf den Verlust von Hab und Gut , eventuell auf die Schwierigkeiten des Zusammenhaltens der Familie , die Herausforderungen auf dem Weg nach und im zerbombten Deutschland und das Leben in der Illegalität in Ungarn . Ohne die Validität dieser Aussagen schmälern zu wollen , bin ich der Meinung , dass bei diesem überstarken Fokus auf die direkten Konsequenzen welterschütternde Prozesse nicht wahrgenommen wurden .
Entscheidende Folgen wie der Statusverlust innerhalb der Gesellschaft , Konflikte mit den Neuankömmlingen in ungarndeutschen Dörfern und Siedlungen oder der totale Verlust des gewohnten Lebensstils sind Themen , die mehr Aufmerksamkeit verdienten . Eine weitere , interessante Frage wird aufgeworfen , wenn man den Erzähler betrachtet , aus dessen Blickwinkel die Ereignisse dargestellt werden : Verfügen wir Ungarndeutschen denn noch über die Kapazität unsere eigenen Erzählungen , unser kollektives Gedächtnis an die nächste Generation selbstständig weiterzugeben ?
Fünf vor Zwölf
Es geht um Zeitzeugen und um Zeit , die vergeht - das Zeitfens-

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( Fortsetzung auf Seite 28 )
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