Sonntagsblatt 3/2020 - Page 19

standener tschechoslowakischer Staat , zugesprochene Fähigkeit des slowakischen Volkes als staatstragendes Element des Landes zu fungieren , freiwillige oder erzwungene Akzeptanz der neuen Zustände seitens der Stadtbevölkerung etc .
Wer 2020 in ethnographischem , oder sonst welchem Sinne ein Deutscher in Ungarn oder Ungarndeutscher ist , kann man klar definieren . Salopp formuliert kann man sagen , dass wer in Ungarn in seinem familiären Umfeld deutsch spricht , die deutsche Kultur ( evtl . seit Generationen ) lebt und sich für einen Deutschen hält , ein Ungarndeutscher ist . Angesichts der Zukunftsperspektiven dieser Gemeinschaft ergibt sich vielmehr die Frage , warum man diesen wissenschaftlich klar definierbaren , allerdings in Ungarn – aus uns allen bekannten Gründen – nur in verschwindend kleiner Zahl präsenten Lebensstil , führen soll . Denn es gibt jede Menge Alternativen , allen voran die madjarische Mehrheitsbevölkerung , für deren Angehörige im Gegenteil zu den Ungarndeutschen nicht nur eine Handvoll Online-Zeitungen zur Verfügung steht und für die es - wie allerdings für jedes anständiges Volk mit einer eigenständigen Literatur und ab ca . 2 Millionen Lesern - das Begleitphänomen nicht gibt , die eigene ethnischen Identität täglich aufs Neue hinterfragen zu müssen . Beweggründe für die Führung unseres Lebensstils sind weitestgehend persönlicher Natur . Meines Erachtens ist die Frage der ethnischen Zugehörigkeit und der damit verbundenen Alltagskultur eine Frage der Sympathie . Ist mir eine Kultur , oder eine Gemeinschaft sympathischer , so bin ich bereit , meine Zeit in deren Narrativ zu verbringen .
Auch der astreine deutsche Stammbaum und die entsprechende Muttersprache bringt nichts , wenn die Alltagskultur einen nicht anspricht und ihre Akteure nicht anziehend sind .
Kompetenzen im Wettbewerb
Es gibt so viele Gründe , warum sich junge Abkömmlinge ungarischer Bürger deutscher Ethnie , die in ihrer familiären Erziehung kaum oder gar nicht mit der Sprache ihrer Vorfahren in Verbindung gekommen sind , zu dieser doch bekennen und das Selbstbild mit dem damit verbundenen Narrativ eines Deutschtums in Ungarn sich zu eigen machen . Einige Gründe dieser Entscheidung gegenüber der ( hierzulande offiziell nicht mehr zwingenden ) Alternative der Zugehörigkeit zur Mehrheitsethnie können die emotionale Verbundenheit mit der ungarndeutschen Kultur , Mitleid wegen der von den Vorfahren im 20 . Jahrhundert erlittenen Repressalien seitens des Staates , von Haus aus vorhandene , durch die Sozialisierung allmählich empfundene Mentalitätsdifferenzen zwischen der Mehrheitsbevölkerung und dem Einzelnen , Ermangelung eines Lebensgefühls , direkte Sympathie für die Lebensweise der Bewohner der Abstammungsländer und vieles mehr sein .
In diesem Sinne ist für mich die Schlüsselfrage , mit welchen Persönlichkeiten und welchen aktuellen Inhalten wir unsere ungarndeutsche Kultur füllen wollen , denn jeder junger Mitbürger deutscher Abstammung trifft die Entscheidung , welcher Kultur er seine Energie widmet . Eine madjarische Kultur deutscher folkloristischer Prägung steht , wie wir es sehen , ausgesprochen zur Option . Inwiefern soll unsere Kultur aus unserer Sicht attraktiver sein als die der Mehrheitsbevölkerung ? Was für eine Kultur wollen wir hochhalten ? Wo fühlt es sich besser an ? Sind es die pessimistischen Kommentare im Sonntagsblatt-Forum oder verbringt man seine Zeit lieber in einer Tanzgruppe , wo zwar keiner Deutsch spricht , aber stets gute Stimmung herrscht ? Stört uns wirklich am meisten , dass viele nur noch einen Teil des Lebensstils ihrer Ahnen weiterführen oder sollten wir dies zur Kenntnis nehmen und uns auf unsere exklusiven Kompetenzen besinnen ? Wären wir und unsere Kultur nicht erfolgreicher , wenn wir in den Fokus unserer eigenen , internen Öffentlichkeit nicht das bemängelnde Mitleid für die - zwar nur mit teilweisem Anspruch , aber mit uns doch zumindest verbunden gebliebenen - Landsleute , sondern Besinnen und Bekundung der und Freude über die eigenen Werte , Feste und Rituale stellen würden , die für uns alle erreichbar sind und von uns in vollen Zügen genossen werden können ?
SoNNTAGSBLATT
Oder gehört die berühmt-berüchtigte donauschwäbische Jammerkunst doch dazu ?
Ich appelliere an den Realitätssinn und die Geduld von allen , die offenbar genug Zeit und Anspruch haben , den Fragen unserer gemeinsamen Identität nachzugehen , auch die Fragen zu wagen , mit welcher Haltung , welchen Versprechen und welchem Beispiel wir vorhaben , die nächste Generation junger Deutscher in Ungarn – die in unserem Lande auch als Madjaren genauso glücklich , wenn nicht in einigen Bereichen noch glücklicher wären – in unsere Kultur im 21 . Jahrhundert einzuführen . Junge Leute , die zu unserer Kultur finden , haben ihr Differenzierungsvermögen nämlich bereits bekundet .
Lassen wir uns nicht von der Fülle , der Freude und dem Genuss unserer eigenen Kultur abbringen .
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Matthäus Rauschenberger ist Mitglied der Studentenverbindung „ Verein Deutscher Hochschüler Budapest “ und interessiert sich für Ausprägungen und Zukunft verschiedener ungarndeutscher Selbstbilder , sowie für die Meinungen der Angehörigen dieser Volksgruppe im 21 . Jahrhundert .
mein ( ungarn- ) deutschtum ( 32 )
Csenger Ujváry ( 24 ) über seinen langen Weg zu der ungarndeutschen Identität
Ich bin 24 Jahre alt und studiere Maschinenbau . Ich habe vier Jahre lang die TU Budapest , 5 Jahre lang das Gymnasium und 8 Jahre lang die Grundschule besucht . Ich habe lange gebraucht , um die Bedeutung von Kultur und Gemeinschaft zu erkennen . Ich habe mir zum Ziel gesetzt , die ungarndeutsche Kultur zu fördern und eine junge ungarndeutsche Gemeinschaft aufzubauen . Lange Zeit hatte ich das Gefühl , dass es keinen Sinn macht , sich auf so etwas einzulassen .
Als ich zwei Jahre alt war , zogen wir auf die Russkuppe / Dobogókő . Mit vier Jahren kam ich in den Kindergarten in Mlynky / Pilisszentkereszt . Im Dorf habe ich aufgrund der vorherrschenden slowakischen Minderheit die slowakische Kultur bereits im Kindergarten kennen gelernt . Die Gruppe bestand überwiegend aus Kindern aus Familien , die seit langer Zeit dort gelebt haben und mit der slowakischen Nationalität verbunden waren . Zu der Zeit hatte ich keine Ahnung , dass ich ungarndeutsche Vorfahren habe . Ich wusste jedoch , dass ich keine slowakischen Vorfahren hatte . Deshalb fühlten sich die slowakischen Gedichte und Tänze , die wir im Kindergarten lernten , fremd an . Wahrscheinlich konnte ich mich deshalb nicht in die Gruppe integrieren .
Aus diesem Grund habe ich die Bedeutung der Nationalitäten-Kultur nicht verstanden . Ich dachte , es sei etwas , das für ein erfülltes Leben unnötig ist . Aus diesem Grund habe ich mich außerhalb des obligatorischen Rahmens nicht wirklich mit dem Nationalitätenthema befasst . Am Ende der Grundschule beschloss ich nach dem Vorbild meines Vaters auch Maschinenbauingenieur zu werden . Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen , meinen schulischen Werdegang am Friedrich-Schiller-Gymnasium Werischwar fortzusetzen .
Ich habe mich hauptsächlich für das Schiller-Gymnasium entschieden , um Deutsch zu lernen . Es war jedoch auch eine Nationalitäten-Schule , nur diesmal nicht slowakisch , sondern deutsch . In den ersten zwei Jahren erlebte ich den Volkskundeunterricht als das gleiche Leiden wie früher . Dies wäre bis zum Ende des Gymnasiums so geblieben , wenn es sich nicht herausgestellt
( Fortsetzung auf Seite 20 )
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