Sonntagsblatt 3/2020 - Page 11

ein Bursche aus Helfgott sich eine nicht-ungarische - meist deutsche Braut - aus den umliegenden Dörfern nahm .
In den 1870er Jahren mit dem Bau der Eisenbahn beginnen sich die Hinweise auf deutsche Familiennamen zu vermehren . Anfangs sind es die Eisenbahnangestellten vom Stationsleiter über den Telegraphenbetreiber bis hin zu den Stationsangestellten .
Die Ansiedlung deutscher Familien
Der größere Zustrom wurde durch die Migration der Ungarn aus der Bukowina in die Gegend der unteren Donau ausgelöst . Die Mehrheit der umsiedelnden Ungarn war land- und besitzlos und versuchte der Hoffnungslosigkeit zu entkommen . Aber es gab auch eine gute Anzahl Ungarn , die Häuser und kleineres oder größeres Land hatte , aber in der Hoffnung auf materiellen Wohlstand und ein besseres Leben abwanderte . Diese Ungarn machten ihre Häuser und ihr Land zu Geld und verkauften alles hauptsächlich an wohlhabendere Bauern in der Gegend , die an Platzmangel litten und mehr Land wollten , aber auch Ersparnisse hatten .
Mehr als tausend , ganz genau 1.160 Menschen , etwa ein Drittel seiner Bevölkerung , verließ auch Helfgott . Ein solcher Bevölkerungsrückgang konnte nicht ohne negative Folgen stattfinden . Obwohl die Überbevölkerung des Dorfes gemildert wurde , war das Gleichgewicht der Arbeitsteilung innerhalb der Dorfgemeinschaft gestört . Die meisten Abgewanderten hatten ihr tägliches Brot in Moldawien verdient , aber auch viele unter ihnen waren vorher Bedienstete örtlicher Bauern . Es gab in der Zahl weniger hungrige Mäuler , aber auch die Zahl der arbeitsfähigen Menschen war zurückgegangen . Fachgerecht ausgedrückt , kam es im Dorf zum Arbeitskräftemangel .
Wie in solchen Fällen üblich begann die Einwanderung aus den umliegenden Dörfern in die leer gewordenen Räume . Es waren überwiegend katholische oder evangelische Deutsche mit einer ähnlichen Kultur sowie landwirtschaftlichen Kenntnissen und Erfahrungen . Einige von den Zuwanderern mieteten oder kauften sich Häuser und Grundstücke , so dass sie Bauern wurden . Es gab auch einige Zuwanderer , die keinen Besitz hatten und somit Knechte ungarischer Bauern wurden . Natürlich gab es unter ihnen auch Handwerker ( Schmiede , Dachdecker oder Tischler ). Aus den Aufzeichnungen der Taufmatrikel von Helfgott geht hervor , dass zwischen 1882 und 1900 mindestens 60 Familien im Dorf lebten , in denen sowohl der Ehemann als auch die Ehefrau Deutsche waren . Sie kamen nicht nur aus nahe gelegenen Dörfern , sondern auch aus abgelegenen Gebieten der Bukowina . Einige kamen sogar aus Galizien .
- Bei jeder Migration gibt es eine große Fluktuation . Das war auch hier der Fall . Von den 60 deutschen Familiennamen blieb bis nach dem Ersten Weltkrieg nicht einmal die Hälfte erhalten . Es gab Deutsche , die vor dem Krieg von Amerika verlockt wurden und andere , die durch den Kriegswind und den anschließenden Herrschaftswechsel verweht wurden . –
Die Mehrheit der aus den umliegenden Dörfern eingewanderten Deutschen hatte eine Familie mit mehreren Kindern und schwangeren Frauen gehabt . Anfangs wurde die vertraute deutsche Hebamme zur Geburt gerufen , auch die Paten waren Deutsche und man heiratete untereinander . Aber das dauerte nicht lange .
SoNNTAGSBLATT
Innerhalb weniger Jahre war auch die ungarische Hebamme gut genug geworden , auch ein Teil der Paten wurde ungarisch und die Mischehen begannen . Immer mehr deutsche Burschen heirateten ungarische Mädchen und ungarische Jungen heirateten deutsche Mädchen . Die Deutschen integrierten sich langsam in die szekler-ungarische Bauerngesellschaft von Istensegíts . Vor dem Ersten Weltkrieg nahm die Zahl der Kinder zu , deren Familienname deutsch und deren Muttersprache jedoch Ungarisch oder deren Familienname ungarisch , aber Deutsch die Muttersprache war .
Die deutsche Sprache wurde in den deutschsprachigen Familien immer mehr in den Hintergrund gedrängt , da man im Dorf auf der Straße oder in der Kneipe ungarisch sprach ; man hatte auch eine ungarische Messe in der Kirche und die Kinder wurden in der Schule auf Ungarisch unterrichtet . In einer abgelegenen Dorfgemeinschaft in der Bukowina wie in Helfgott spielte es keine große Rolle , dass während der österreichischen Verwaltung Deutsch die Amtssprache war . Das Zusammenleben muss andere soziale und wirtschaftliche Auswirkungen auch gehabt haben , zum Beispiel auf den Lebensstil , die Arbeitskultur und den Standard der Landwirtschaft .
Herrschaftswechsel nach dem Ersten Weltkrieg
Nach 1920 änderte sich jedoch vieles : Die Bukowina kam zu Rumänien . Die neue Staatsmacht , die es zuvor noch nicht gegeben hatte , erschien direkt in den Dörfern in der Form von rumänischen Gendarmen und Lehrern . Dies konnte jeder Erwachsene und jedes Kind auf seiner eigenen Haut spüren . Nun erfuhr der gute Cibényi ( hier sind wohl die Ungarn gemeint ) – woran er bislang gar nicht gedacht hat - , dass er rumänisches Brot isst . Und wenn man rumänisches Brot isst , muss man rumänisch sprechen . Die Gendarmerie ertappte die Leute im Wirtshaus , man unterrichtete und lernte rumänisch in der Schule . Dies betraf natürlich in der multiethnischen Bukowina alle , aber – wegen der Änderung der Staatssprache relativ gesehen – die Deutschen am meisten . Aber sie konnten sich natürlich auch besser an die veränderte Situation anpassen .
Noch bevor die Visionen von der Verwirklichung des großrumänischen Nationalstaates bis in die entlegensten Winkeln hätten durchdringen können - Anfang der 1930er Jahre - begannen in Europa neue Winde zu wehen . Auch hier stieß die NS-Propaganda nicht nur auf taube Ohren . In Berlin und Moskau begannen die politischen Führer wieder zu träumen und fleißige Hände zogen neue Grenzen - vorerst nur auf Karten und auf dem Papier , um zu berechnen , wie viele Eisenbahnwaggons benötigt werden , damit die Probleme hinsichtlich bestimmter ethnischer Gruppen gelöst werden könnten .
Die Umsiedlung der Deutschen in das Dritte Reich
Bis 1940 wurde es endgültig offensichtlich , wo die Stifte der Berliner und der Moskauer Kartenzeichner aufeinandertrafen . Davon profitierte auch Rumänien nicht . Im Juni 1940 forderte die Sowjetunion Bessarabien und die Nordbukowina in einem Ultimatum für sich . Unter deutschem und italienischem Druck gab Rumänien nach und so kam es zu einer sowjetischen Besetzung Bessarabiens und der Nordbukowina . Da sich Hitler zu dieser Zeit bereits mit dem Gedanken des Angriffs auf die Sowjetunion befasst hatte , wurde es notwendig , die in sowjetische Hände gefallenen , und sich in der Konfliktzone befindenden Deutschen zurückzuziehen .
Am 5 . September 1940 unterzeichneten die Sowjetunion und Deutschland das Dokument „ Abkommen über die Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung Bessarabiens und der Nordbukowina in das Deutsche Reich “. Dieser Vertrag regelte detailliert – unter anderem – den Kreis der umzusiedelnden Personen . Danach galt jeder als Deutscher , der nachweisen konnte , dass er mindestens einen deutschen Großelternzweig hat , und war dadurch Umsiedler .
Am 15 . September 1940 nahm das Neuansiedlungskomitee für die Nordbukowina seine Arbeit in Tschernowitz auf und der erste
( Fortsetzung auf Seite 12 )
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