Sonntagsblatt 2/2025 | Page 20

BINDEGLIED GROSSELTERN

Vertriebenenenkelin Susanne Fretsch aus Zwickau gewährt Einblick in die Nachkriegsgeschichte Heimatvertriebener in der DDR
SB: Sie und Ihr Mann sind Nachfahren ungarndeutscher Heimatvertriebener- was wissen Sie über die Herkunft der Familie?
SF: Meine Großeltern Josef und Elisabeth März wurden 1923 und 1926 in Magotsch / Branau geboren. Das Dorf war überwiegend deutsch besiedelt. Sie haben dort ihre Kindheit und Jugend sehr glücklich und behütet verbracht. Beide Urgroßelternpaare waren Bauern, betrieben Landwirtschaft und verfügten über Hof, Weingarten, Vieh und zahlreiche Felder. Mein Großvater sollte als ältester Sohn( er hatte noch drei Geschwister) den Hof der Familie übernehmen. Meine Großmutter war das mittlere von drei Kindern der Familie Stier. Das Zusammenleben mehrerer Generationen war ein fester Bestandteil des Lebens. So haben es mir die Großeltern berichtet und gern und oft vom Leben in ihrer Heimat erzählt: über die verschiedenen Bräuche und Traditionen übers Jahr hinweg, Fasching im Dorf, Osterbräuche, das Bestellen der Felder, die Ernte, gemeinsames Schlachten und feiern im Herbst, Körbe flechten im Winter, was mein Großvater von seiner Großmutter gelernt hat.
Der Zweite Weltkrieg und der Dienst in der deutschen Armee waren ein Einschnitt im behüteten Leben. 1946 wurde die Familie meines Großvaters enteignet und ist bei der Schwester meines Großvaters in der Scheune untergekom- men, die provisorisch als Wohnraum hergerichtet wurde. 1947 heirateten meine Großeltern schon in diesen sehr dürftigen Verhältnissen. Im Mai 1948 wurde die Familie März, mit einem der der letzten Transporte aus ihrer Heimat vertrieben. Die Familie meiner Großmutter, Familie Stier- mittlerweile auch enteignet- stand eigentlich nicht auf der Liste zur Aussiedlung, ist freiwillig gefolgt, um den Familienverbund mit der Tochter nicht aufzugeben.
Man kam über das zentrale Lager in Pirna nach Zwickau in Sachsen, wo mein Großvater Arbeit im Uranbergbau bei der Wismut AG bekam. Die Familie versuchte als Großfamilie zusammenzubleiben, wohnte anfangs auf engstem Raum mit vier Generationen zusammen. Nach und nach fand man sich in der neuen Umgebung zurecht, lebte aber anfänglich immer in der Hoffnung, wieder nach Hause zurückkehren zu können. Da zwei Schwestern meines Großvaters in Magotsch geblieben waren, gab es Kontakt dahin. Später, als das dann möglich war, gab es Besuche in Ungarn. Im Sprachgebrauch meiner Großeltern ist Ungarn immer das „ Drinnen“ und Deutschland das „ Draußen“ geblieben.
SB: Gut 50.000 Deutsche aus Ungarn kamen ab 1947 in die SBZ- was hat die Erlebnisgeneration über diese Zeit berichtet?
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