Sonntagsblatt 01-2022 - Page 30

Auch für unsere Kinder waren Flexibilität und Anpassung in kurzer Zeit gefragt . Die Tochter schrieb zum Beispiel in der DDR in der ersten Klasse gleich mit Füllhalter in einer neu eingeführten Schreibschrift , in Franken jetzt in der zweiten Klassenstufe deutlich andere Buchstabenformen , die sich zum Teil wieder von denen in der Oberpfalz unterschieden und erst recht von denen in Hessen , zumal man hier sogar wieder mit Bleistift schreiben konnte . Und das alles noch immer innerhalb Deutschlands , sehr verwirrend für ein siebenjähriges Kind , in der zusätzlich immer wieder neuen Schul- und Klassenumgebung !
Daneben war die Tochter ein tolles Kindermädchen für den Sohn , brachte ihn in den Kindergarten und holte ihn ab bei Wind und Wetter - kein „ Mamataxi ”, höchstens später mit Papafahrrad frühmorgens . So wurden unsere Kinder nie verwöhnt , hatten von Anfang an ihre festen Pflichten und Aufgaben in Haus und Garten , aber dennoch waren wir jede freie Minute für sie da , was sie schlussendlich – und das konstatieren wir doch mit einem gewissen Stolz – nach einem Hochschulstudium zu selbstständigen , erfolgreichen Erwachsenen ( Zahnärztin und Pädagoge ) werden ließ .
Wenn wir nach der Wiedervereinigung bei Studientreffen Kollegen aus der alten Heimat trafen , merkten wir schnell , welch einen beruflichen und verwaltungstechnischen Vorsprung wir hatten - durch unsere halbjährigen Hospitationen bei bundesdeutschen Kollegen und auch dadurch , dass wir „ ins kalte Wasser ” geworfen wurden und schnellstens in der neuen Berufswelt zurechtkommen mussten – insbesondere mit Banken , Versicherungen , Vertretern , Laboren , Krankenkassen , KZV ( Kassenzahnärztliche Vereinigung ), LZK ( Landeszahnärztekammer ), Gutachterwesen und – nicht zu vergessen – mit vom Konkurrenzdenken behafteten Kollegen . Nur zur Verdeutlichung ein Beispiel : Gleich bei meinem ersten Treffen mit örtlichen Kollegen wurde ich sofort gefragt : „ Woher haben Sie den schönen Titel ?” ( Auf Kreisebene nicht auf Landesebene negiert man bei offiziellen Anschreiben die Bezeichnung nach wie vor .) Da ich hierzu schon aus allen Richtungen die tollsten Interpretationen gehört habe , die notwendige Erklärung , dass dieser Titel ebenso wenig mit dem Militär zu tun hat wie z . B . ein Sanitätshaus ! Im Gegenteil , mit Glück und Geschick wurde ich nie zum Wehrdienst eingezogen . Den Titel „ Sanitätsrat “ gibt es seit den 1920er Jahren - also schon seit hundert Jahren - in Deutschland - in den alten Ländern heute u . a . im Saarland und in Rheinland-Pfalz sowie in der ehemaligen DDR . Während Medizinalrat ( MR ) oder gar Obermedizinalrat ( OMR ) in der DDR den leitenden Funktionsträgern des dortigen Gesundheitswesens vorbehalten und somit meist politisch angehaucht war , wurde Sanitätsrat ( SR ) für gute Leistung bei der ambulanten Versorgung der Bevölkerung vergeben . Meine hiesigen Fußball-Sportfreunde waren da viel lockerer und machten aus Sanitätsrat einen „ Zahn-Rat ” mit lustiger Doppelbedeutung .
So mussten also manche Vorurteile und Hochnäsigkeit gegenüber ostdeutschen Zahnärzten abgebaut werden , auch unter der Bevölkerung . Verständliches Leitmotto : Wer solche Autos baut , was macht denn der für Zahnprothesen !? Die „ armen ” Autobauer der DDR waren genauso wirtschaftssystembedingt gehandicapt wie alle anderen Wirtschaftszweige , was allein schon dadurch bewiesen ist , dass nach der Wende 1989 große Autofabriken wie Opel , VW , BMW , Bosch u . a . mit den dort vorhandenen Fachkräften entstanden , wo alte DDR-Autowerke waren – so u . a . in Eisenach , Zwickau und Dresden . Den gut ausgebildeten , innovativen und motivierten Menschen dort fehlte wie den Ärzten im Gesundheitswesen nur eines : die technischen wie wirtschaftlichen Voraussetzungen und ein freies System , in dem sie sich verwirklichen konnten .
Wer außerdem als Kind Vorurteile und Ausgrenzung ( siehe Teile 3 und 4 ) erlebt hat , weiß , dass Anerkennung und Integration nur über Leistung und Willenskraft geht . Gegen „ Besserwessi ” hilft kein Jammern („ Jammerossi ”); wir haben es so gewollt und da müssen wir jetzt mit Kind und Kegel , mit unserem ganzen Einsatz hindurch .
Wenn wir heute darüber rückblickend sprechen , fragen wir uns oft , wo haben wir bloß diese Kraft und diese Selbstaufopferung hergenommen ?
Vielleicht durch solche Nachrichten , die wir von unseren Freunden aus der alten Heimat erhielten ? So hatte ich über Jahre auf meinem Schreibtisch ein Inserat unseres ehemaligen Kreisarztes , SU-Student , parteipolitisch hochgeschulter SED-Parteifunktionär , der nach der Wende sogar das ehemalige Ost-CDU-Parteibüro als Praxisräume erhielt , indem er frech und ungeniert mit seiner Kooperation mit einer bundesdeutschen Ärzteorganisation warb . Das Inserat war für mich in so manchen müden Stunden ein wunderbares Aufputschmittel . Das mitansehen und ertragen zu müssen , wie so mancher geschickter Wendehals sich zum Funktionsträger der neuen Ärzte- und Zahnärzteorganisationen mauserte , hätte sicher mehr Nerven und Frust gekostet .
Obendrein konnten wir jetzt schalten und walten nach unserem Empfinden , eigenverantwortlich ohne diese staatlichen und wirtschaftlichen Beschränkungen in unserem Beruf uns verwirklichen ; das Klagen unserer Praxisvorgänger wegen Repressalien bundesdeutscher Krankenkassen war für uns Klagen auf hohem Niveau . Fragen von Patienten , wie ich mich in der „ neuen Welt ” fühle , konnte ich stets nur so beantworten : „ Die Freiheit , die ich spüre , ist die Freiheit in meinem Beruf und die Möglichkeit meiner Selbstverwirklichung auf allen Gebieten .”
Erst später kamen die neuen Reisemöglichkeiten , die schönen Dinge des Lebens und Alltags dazu - vor allem frei von politischem Druck und Zwang .
Nach Hauskauf und totalen Haus- und Praxisumbauten in den 90er Jahren konnten wir uns noch so manche Traumreisen in alle Welt ermöglichen , neben den zahlreichen Wanderungen durch die deutschen , österreichischen und schweizerischen sowie Südtiroler Alpen .
Sicherlich wird im Leben selten jemandem ´ was geschenkt und Glück allein ist von seltener Dauer . Wer aber durch politisch aufgezwungene Ereignisse , durch Vertreibung und Flucht jeweils bei null oder gar
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