Sonntagsblatt 01-2022 - Page 26

Du hast erwähnt , dass Du eine gewisse Klarheit in Bezug auf Liturgie und Religion im Deutschunterricht vermisst hast . Ich bin mir allerdings nicht sicher , ob sich eine solche sprachliche Kategorie einbürgern würde . Ist es heute eine Lösung , die Sprache der katholischen Liturgie in die Bildungsordnung , in den Deutschunterricht einzubinden ?
Niemand fordert eine Indoktrination von Schulkindern . Es geht vielmehr darum , bestimmte Werte sprachlich in der Sprache weiterzugeben . Es könnte auch durchaus ein Wortschatz zu anderen Religionen , Philosophien oder Kulturen der Welt vermittelt werden . Glaube ist nicht nur eine Frage der Beziehung zwischen Kirche und Staat . Die Religion ist ein sehr wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens . Ich würde kein Problem darin sehen , die Sprache des Glaubens selbst zu lernen . Ein Problem könnte , wie du zu Recht bemerkt hast , in eben dieser Angst liegen . Heute wollen wir ja so tolerant gegenüber anderen sein . Wir sollten uns dennoch nicht scheuen , manchmal auch für uns selbst um Verständnis zu bitten . Wir wollen niemanden zwingen , unsere Religion zu praktizieren , aber die Werte unseres Kulturkreises kennenzulernen ist meiner Meinung nach sehr angebracht .
Wenn eine Gruppe von fünf Personen zusammenkommt und eine Liturgie in deutscher Sprache wünscht , lohnt es sich dann , etwas für eine so kleine Gruppe zu organisieren ?
Ja , natürlich ! Denken wir nur an die Worte : „ Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind , da bin ich mitten unter ihnen “. Fünf Personen sind keine so kleine Gruppe . Wir haben es mittlerweile mit Kirchengemeinden zu tun , in denen bei einer polnischsprachigen Eucharistiefeier keine Gruppen von mehr als fünf Personen zusammenkommen . Dennoch feiert der Priester die Eucharistie für sie , warum sollte er sie also nicht für eine solche Gruppe in deutscher Sprache feiern ? Für Gott ist nicht die Quantität wichtig , sondern die Qualität . Heute , wo wir eine solche Krise der Glaubenspraxis haben , sollte es uns nicht wichtig sein , wie viele Menschen eine deutschsprachige Messe besuchen ; wir sollten uns darauf konzentrieren , dass es eine Gruppe von Menschen gibt , die Kultur und Tradition pflegen wollen .
Gibt es Geld für solche Aktivitäten ? Schließlich ist die Feier der Liturgie auch mit Kosten verbunden .
Es handelt sich um Kosten , die die Gemeinde unabhängig von der Sprache der gefeierten Liturgie trägt . Die monatlichen Opfergaben , die in der Kirche gesammelt werden , sind für die Bedürfnisse der Gemeinde bestimmt . Auch Angehörige nationaler und ethnischer Minderheiten tragen zu diesen Opfergaben bei . Außerdem darf die Feier der Liturgie nicht von der Höhe des Messstipendiums abhängig gemacht werden . Die Menschen sagen oft , dass sie „ für die Messe bezahlen “. Die Liturgie ist keine Dienstleistung und der Priester ist kein Dienstleister . Wenn es um die Heizung geht , bin ich für andere Lösungen . Wenn weniger Menschen zu einem Gottesdienst kommen , dann sollten wir nicht eine riesige Kirche heizen , sondern eine Kapelle . Dies ist eine einfachere und viel wirtschaftlichere Lösung .

EINSICHTEN-ANSICHTEN

Betrachtungen von außen - von der Minderheit zur schleichenden Bedeutungslosigkeit des Ungarndeutschtums

Von Armin Trischler
Als Siebenjähriger bereiste ich mit der Familie zum ersten Mal im Jahr 1970 das Land meiner Großeltern . Mit den Augen des Kindes zu erfahren , wovon Oma und Opa gerne zu erzählen wussten ! Nach nicht endend wollender Fahrt von ca . 14 Stunden hatten wir unseren Urlaubsort erreicht . Jackfall / Kisjakabfalva bei Willand / Villány empfing uns wie Olympiasieger nach einem erfolgreichen Wettkampf .
Umgebung war plötzlich eine andere . Deutsch zu „ reden ” war vor 50 Jahren noch eine Selbstverständlichkeit . Auch im Jahr darauf durften wir wieder Gast sein „ drunten im Süden ”. Ein ganz besonderes Ereignis sollte 1973 stattfinden : die Hochzeit eines Verwandten . Ein prunkvoll und aufwändig zelebriertes Familienfest mit reichlich vielen Gästen war ein Kontrapunkt zu den eher bescheidenen Hochzeiten in Deutschland .
Wir spürten echte Herzlichkeit und Willkommensein . Die Freude war riesengroß und jeden Abend erwarteten uns Verwandte und Bekannte – auch gänzlich Unbekannte – zum Abendschmaus .
Interessant war , dass die Menschen dieselbe Mundart sprachen wie die Großmutter in Deutschland . Es fühlte sich an , als wären wir doch noch zu Hause , nur die
Es vergingen die Jahre und erst im Jahre 1990 sahen ich und meine Frau die Baranya , die Branau , wieder . Mit den Augen eines Erwachsenen sah alles so aus wie in den 70ern . Jedoch reisten wir unbeschwerter ins Land ein , nachdem Visazwang und lange Grenzkontrollen nicht mehr vorhanden waren . Es war die Hoffnung einer neuen geeinten und freien Zukunft zu spüren .
26 SoNNTAGSBLATT