Sonntagsblatt 01-2022 - Page 25

Wir sollten uns nicht scheuen , auch für uns um Verständnis zu bitten

In letzter Zeit ist zu beobachten , dass es immer weniger Messen in deutscher Sprache gibt . Die Kirchen , die ursprünglich voll waren , sind jetzt leer . Szymon Folp befragte Marek Dziony , Diakon der Seelsorge für nationale und ethnische Minderheiten , dazu .
Der Beitrag ist erstmalig am 22 . Januar 2022 in der polendeutschen Zeitschrift „ Wochenblatt “ erschienen - Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Chefredakteur Dr . Rudolf Urban .
Wie sieht es heute mit der Teilnahme an deutschsprachigen Messen aus ? Nimmt die Zahl dieser Messen zu oder ab ?
Wir müssen uns darüber im Klaren sein , dass die Zahl der Messen in deutscher Sprache im Moment rückläufig ist . Und das ist nicht etwas , das wir gerade erst beobachtet haben , sondern dieser Trend hält schon seit einigen Jahren an . Es ist jedoch anzumerken , dass es sich hierbei um ein sehr umfassendes Phänomen handelt . Ich meine , dass es sehr viele Faktoren gibt , die dafür ursächlich sind .
Wer trägt dazu bei – unengagierte Gläubige oder Priester , welche die Messe nicht auf Deutsch feiern wollen ?
Oft liegt das Problem auf beiden Seiten . Einige Geistliche wollen keine Messen in deutscher Sprache abhalten . Oftmals gibt es auch kein Engagement seitens der Gläubigen . Es gibt aber sicherlich noch mehr „ Schuldige “. Oft ist die Uhrzeit der Messe ein ernstes Problem . Die Statuten der Synode der Diözese Oppeln , die sich auf die Messen in deutscher Sprache beziehen , weisen eindeutig darauf hin , dass sie zu einem geeigneten Zeitpunkt gefeiert werden sollten . In den meisten Fällen finden sie jedoch bereits um sieben Uhr statt . Ich habe den Eindruck , dass diese Zeit heute für die Messe überhaupt nicht geeignet ist , nicht nur für die Messe in deutscher Sprache . Wir sollten auch nicht vergessen , dass wir einen Generationswechsel haben . Leider scheidet die ältere Generation , die während des Krieges oder generell in der deutschen Zeit geboren wurde , aus dem Leben . Doch wir erleben jetzt eigentlich keinen Generationswechsel . Viele Angehörige der jüngsten Generation haben bestimmte traditionelle und kulturelle Werte einfach nicht weitergegeben bekommen und viele junge Menschen sprechen nicht so gut Deutsch wie ihre Eltern oder Großeltern . Wir sind in völlig anderen Realitäten und Werten aufgewachsen als unsere Großmütter und Großväter . Ich kann auch nicht umhin , hier zu erwähnen , dass ich ein Engagement der Katecheten vermisse . Sie könnten ja z . B . anbieten , im Religionsunterricht Gebete auf Deutsch zu sprechen . Es geht hier aber nicht darum , die eine oder andere Seite zu beschuldigen . Dies alles wird von vielen Phänomenen beeinflusst . So muss ja auch die Pandemie erwähnt werden , die in der Realität der Kirche deutliche Spuren hinterlassen hat .
SoNNTAGSBLATT
Was ist heute das größere Problem : die allgemeine Abkehr von der Kirche oder die mangelnde Sprachkenntnis ?
Die liturgische Sprache unterscheidet sich völlig von der Sprache , die wir im Alltag verwenden und die wir in der Schule lernen . Das Thema Religion und Glaube wird in der Schule eher oberflächlich und nachlässig behandelt . Wenn wir in der deutschen Sprache und in der Katechese diese liturgische Sprache nicht lehren , dürfen wir uns nicht wundern , dass junge Menschen sie nicht kennen . Wir lernen nicht einmal die grundlegenden Gebete auf Deutsch . Heute gibt es Forderungen , diese liturgische Sprache zu ändern , sie zu aktualisieren . Der Heilige Vater Franziskus selbst hat eine solche Änderung des Vaterunsers vorgeschlagen . In der Kirche will man heute diese Sprache an die modernen Nutzer anpassen , damit sie ihnen leichter fällt . Das zeigt , dass diese Sprache der sakralen Sphäre für uns immer weniger verständlich ist . Deutsch ist also als deutsche Sprache kein Problem . Das Problem ist die Sprache an sich .
Was wird heute für die Gläubigen sprachlich attraktiver sein ? Vielleicht sind zweisprachige Gottesdienste die Lösung ?
Die Synode erlaubt , dass beide Liturgien in deutscher Sprache und zweisprachig gefeiert werden . Wenn die Liturgie jedoch als Messe in deutscher Sprache bezeichnet wird , sollte die polnische Sprache während eines solchen Ritus nicht vorherrschen . Die deutschsprachige Messe ist mit etwas Hilfe leichter zu verstehen , hierzu sei an unsere Gebetbücher „ Weg zum Himmel “ / „ Droga do nieba “ erinnert . Dort ist jeweils eine Parallelübersetzung aller liturgischen Texte verfügbar . Bei festlichen Zusammenkünften von DFK- Mitgliedern ist es ratsam , auf Deutsch zu beten oder etwas auf Deutsch zu singen . Wir sollten dabei nicht erwarten , dass jeder sofort alles im Kopf behält . Man kann das Benötigte auch ruhig auf Blättern bereithalten . Das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit hat Prospekte mit Gebeten in polnischer und deutscher Sprache erstellt . Dieses Material ist sowohl inhaltlich als auch grafisch sehr ansprechend .
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