Sonntagsblatt 01-2022 - Page 21

chern aus dieser Zeit neben den allgemein bekannten ungarischen Vornamenformen auch bei deutschen Familiennamen die Vornamenschreibweisen wie Trézsi statt Theresia oder Örzse statt Elisabeth sowie Borbála statt Barbara . Diese Schreibweise sticht allein schon wegen jener veränderten Tendenz ins Auge , dass vor allem im 18 . Jahrhundert ( vereinzelt auch später ) in manchen Einträgen noch die regional gebräuchliche , mundartliche Lautung der gebräuchlichen deutschen Rufnamen aufgezeichnet wurde , so zum Beispiel : Stoffel für Christof oder Palzer für Balthasar .
Quasi parallel dazu verlief auch eine mehr und mehr bewusste Anpassung der Familiennamen in der Schreibweise an die ungarischen Grapheme s , ß zu sz , ä zu e , w zu v , a zu á , e zu é . Behilflich waren bei der Einführung neuer Schreibweisen neben Matrikeleintragungen im Allgemeinen auch die Registrationen , so zum Beispiel bei ( hoch ) schulischen Immatrikulationen oder bei der Rekrutierung ins Militär . Bei so einer Registration ist bei mir auch das „ ä “ in meinem Namen zu „ e “ geworden ( Becker ).
Ab dem Jahr 1852 erscheint in den Matrikeln schließlich eine Rubrik für Bemerkungen , wo neben besonderen Umständen auch die eventuellen Namensänderungen geführt werden konnten . Auch die Presse – besonders wohl nach dem Ausgleich ( 1867 ) – hat getan , was sie nur konnte . So erschienen Namen zum Beispiel in Zeitungen in einer ungarisch entstellten , in ihrer Lautung einer Bedeutung angepassten Form : Wess als Vész , Käß wird als Kész geschrieben , Wigand als Vígan oder Lang als Láng .
Worauf man allerdings gar keinen Wert in der breiten Welle der Magyarisierung gelegt hat , ist der Umstand , dass man es zuließ , dass in der gleichen Familie Brüder sich für unterschiedliche ungarische Namen haben entscheiden dürfen . In der Entfernung von bereits nur zwei Generationen hat man sich nicht nur auseinanderleben können , sondern konnten sich auch noch unwissentliche Verwandtenehen ergeben . In der Familie meiner Gattin sind so aus ursprünglich Kist die Namen Köves , Keresztvölgyi und Regõs hervorgegangen .
Die Annahme ungarisch klingender Namen statt der angestammten Nationalitätennamen hat man mehr und mehr versucht , „ schmackhaft “ zu machen , in Mode zu bringen , alleine schon dadurch , dass die Magyarisierung als eine Aufnahme in „ gehobenere “ Schichten und Kreise erscheinen sollte . Gründe der Namensänderung konnten politische und gesellschaftliche Vorteile sein , so galt sie als Erwartung bereits bei besseren Handwerkern . Beim Militär gab es Auszeichnungen oder Beförderungen , die mit einer verbindlichen Magyarisierung einhergingen , so zum Beispiel die Aufnahme in den Helden-Orden ( vitéz ). Die Magyarisierung galt auch als Bedingung für eine Offizierskarriere .
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In den Nachrichten für das Schuljahr 1925 / 26 des Real- Gymnasiums König Béla ( Adalbert ) III . des Zisterzienser-Ordens in Baaja liest man : „… Wir würden es zum Gesetz erheben , dass jeder diplomierte Mensch – und sei es nur ein Diplom eines Handwerksmeisters – wenigstens einen ungarischen Namen neben seinem fremden Namen aufnimmt …“ Im gleichen Jahrbuch heißt es im Weiteren : „ Wir empfehlen in die Aufmerksamkeit unserer Leser das Jahrbuch 1926 „ Das Magyarentum ”. Es führt auf Seite 66 unter dem Titel „ Die Ungarn in der Weltkultur ” jene Größen unserer Heimat und unserer Nation auf , die die Weltkultur um je einen Schritt weitergebracht haben . Rund 330 Namen werden erwähnt , aber unter den 330 sind 183 ungarische und 147 fremde Namen . Diese Zahlen sprechen für sich und geben leider keinen Grund zu größerem Stolz . Jene der Weltkultur , die über sie Daten festhalten , sind neidisch und schlecht , weil sie die Jädlik ’ s , Lenhossek ’ s , die Hutyrá ’ s , die Petzvals ’, die Semmelweis ’ die Kitaibel ’ s , die Pantocsek ’ s und Hunderte mehr ihrer Genossen niemals als Ungarn verbuchen werden .” 4 – So wird also unverschleiert die Meinung preisgegeben , dass man in den Augen dieses Landes allein nur dann ein wertes Mitglied ist , wenn man wenigstens durch den Namen vor aller Welt als ungarischer „ Volksgenosse “ erkenntlich wird .
Ganz so weit soll man entgegen dieses Gedankenganges vielleicht nicht gehen , wie der ehemalige Oberrabbiner von Budapest , György Landesmann , 1993 in einem Interview „ Heti Magyarország “ gegenüber , wo er die Meinung vertrat : „(...) wenn wir die Werte jener Juden in der ungarischen Kultur aufzählen würden , die , wenn wir sie aus Ungarn zurückziehen würden , dann bliebe nichts weiteres übrig , als der Pfirsichpalinka und die breitgeschnittene Gatjehose “, aber falls wir auch alle Künstler und Wissenschaftler wegdenken würden , die unter unseren deutschen Ahnen in Ungarn mit besten Kräften und größtem Einsatz gedient haben , so wäre unser Land ganz bestimmt ebenfalls durch Etliches ärmer …
Das bereits weiter oben genannte Zisterzienser-Jahrbuch bemüht sich im Weiteren zu betonen und auszuführen : „ Dem nationalen und ungarischen Gedanken wollen wir auch dadurch dienen , dass wir unter unseren Schülern die Namenmagyarisierung beschleunigen wollen . […] Auf unsere Ermunterung hin haben in diesem Jahr 17 Eltern , nicht nur für die Gymnasialkinder , sondern auch für ihre anderen Kinder ein Gesuch eingereicht zwecks Änderung ihres Namens . Leider wird die Wichtigkeit dieses Problems oben in den Ministerien nicht richtig bewertet und die Sachen kleinlich und gewissenhaft geprüft , sodass lange Monate des Wartens vergehen , bis über die Ansuche entschieden wird . Die Namenmagyarisierung wird unser Institut auch im nächsten Jahr forcieren . Wir werden den Schülern mit ungarischem Namen Vorteile einräumen , u . a . auch durch weniger Schulgeld , Belohnung usw . Wir bitten daher die Elterngemeinschaft , uns in dieser Frage zu unterstützen .” 5
Der Gedanke , man könne im Karpatenbecken alleine und nur dann als vollwertiger und ehrlicher Bürger gelten , falls man sich dem Ungartum zuschreibt und - entgegen jener Mahnung des Heiligen ungarischen Königs Stephan , der gesagt hat , es sei jenes Land schwach , wo man einer einzigen Zunge nur ist - sich der Idee der Einsprachigkeit unterwirft , wo eine Namenmagyarisierung evident ist , dringt auch in dem kommenden Zitat durch , das gerade das Sonntags-
4 In : Hengl , Ferdinand : Versend község története 1687-1999 . Pécs , 1999 . S . 162f
5 Ebd .
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