Sonntagsblatt 01-2022 - Page 18

4 . auf dem ganzen Gebiete : 62,1 % auf Ungarn , 35,6 % auf Österreich ;
5 . nur in den sieben Landgemeinden : 34,5 % auf Ungarn , 62,7 % auf Österreich .
Laut der letzten Volkszählung vor dem Weltkriege waren in der Stadt Ödenburg 17.000 Deutsche und 15.000 Madjaren . In den Landgemeinden des Burgenlandes beiläufig 70 % Deutsche , 18 % Kroaten und 12 % Madjaren . Die Bevölkerung der Stadt betrug 34.000 , die der Landgemeinden des ganzen Burgenlandes 311.000 Einwohner . Schon aus diesen trockenen Zahlen erhellt sich , wie sehr Österreich sich selbst schadete , als es den einzig loyalen Weg der Abstimmung zu gehen sich weigerte . Wenn Österreich klug gewesen wäre , hätte es sich auf folgenden Standpunkt gestellt : Aus der Hand meiner Feinde nehme ich kein Geschenk und keinen Gebietszuwachs zum Nachteil meines früheren Bundesgenossen und Kriegskameraden . Außerdem geht es wohl nicht an , das Burgenland gleich einer Schachfigur ohne Befragen seiner Bewohner herumzuschieben . Möge also das Burgenland selbst entscheiden !
Hätte Österreich ohne Klausel und Vorbehalt so gesprochen , dann wäre die Antwort der 345 burgenländischen Gemeinden wohl nicht zweifelhaft gewesen . Denn wenn es Österreich am 14 . Dezember 1921 , beim Tiefstand nicht nur seiner Valuta , sondern auch seiner äußeren und inneren Verhältnisse gelang , in den Landgemeinden 53 % der Stimmen zu erhalten , dann ist es wohl keine Frage , wie sechs Monate oder ein Jahr früher die 345 Gemeinden gestimmt hätten . Wieder einmal ein Beispiel , wie in den wesentlichen Fragen auch der Politik Anständigkeit , Loyalität und Ritterlichkeit nicht ohne Strafe außer Acht gelassen werden dürfen !
Es bedarf wohl keiner näheren Erklärung , dass der durch die Abstimmung geschaffene Zustand niemanden befriedigt . Österreich hat nun das Burgenland , aber ohne sein natürliches Haupt . Ungarn behält wohl das schöne und wertvolle Ödenburg , aber das ist seines Hinterlandes beraubt . Die Burgenländler aber sind die eigentlichen Leidtragenden : Ihre Jahrhunderte alte wirtschaftliche Struktur ist zerrissen und zerfetzt , ihre Zuflüsse und Zugänge sind verstopft . Die Burgenländler an der Strecke Güns-Ödenburg - weit über 100.000 Seelen - müssen dreimal „ fremdes “ Staatsgebiet überschreiten , wenn sie in ihre „ Hauptstadt “ gelangen wollen .
Wahrlich , diese ganze Gestaltung ist ein elendes Machwerk , ein Flickwerk , aber hoffentlich nur ein provisorisches .
II .
Die Volksabstimmung in Ödenburg darf aber auch darum erhöhtes Interesse beanspruchen , weil hier zum ersten Male diese Frage gestellt und beantwortet wurde : Stehen dem Deutschen Volksgefühl oder Staatsgefühl Heimat oder Vaterland näher ?
Bismarck war letzterer Meinung . Bei den anderen , im Sinne der Friedensverträge vorgenommenen Abstimmungen wurden die deutsche Bevölkerung und meist Minoritäten darüber befragt , ob sie bei dem alten Staate , dem sie seit jeher angehörten und der zugleich deutsch war , verbleiben wollen oder nicht . Bei der Ödenburger Abstimmung handelte es sich darum , ob eine kompakte deutsche Majorität dem Königreiche Ungarn , dem sie seit fast tausend Jahren angehörte , die Treue halten oder sich dem deutschen Nachbarstaat Deutschösterreich ( mittelbar Großdeutschland ) anschließen will .
Ich und meine Gesinnungsgenossen waren der Überzeugung , dass wir eben deshalb , weil wir Deutsche sind , dem alten Vaterlande Ungarn die Treue bewahren müssen . Wir waren der Meinung , dass der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung gleich uns denken würde . Als daher am Abend nach dem Skrutinium ( Befragung ; Red .) die sämtlichen Glocken unserer altehrwürdigen Kirchen erklangen , da jauchzten wir auf und dankten Gott , dass Er uns vergönnte , dass wir die Treue bewahrten und bei Ungarn verbleiben . Wir dachten , dass das deutsche Volk Ungarns in überwiegender Mehrheit mit uns sei und dass unser Sieg ein Sieg der deutschen Treue sei . Als wir dann das ziffernmäßige Resultat erfuhren , war es sofort klar : Es ist ein Phyrrussieg ! Ödenburg bleibt wohl bei Ungarn , aber das deutsche Volk des Burgenlandes hat sich gegen Ungarn ausgesprochen . Der Sieg in Ödenburg ist ausschließlich den madjarischen Wählern in der Stadt zu verdanken . Denn auch in der Stadt Ödenburg hat sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung gegen Ungarn ausgesprochen . Und dieses Urteil wurde zu einer Zeit gefällt , als alle Umstände und Imponderabilien für Ungarn günstig waren .
Wie ist dies möglich ? Wie konnte es kommen , dass die Burgenländler , die immer zu den treuesten und loyalsten Bürgern Ungarns zählten , die nie - selbst zu Zeiten Josefs des Zweiten oder in der Bach-Ära - nach Österreich oder Deutschland schielten – jetzt dem Königreiche Ungarn den Rücken kehrten ? Um diese Frage wahrheitsgemäß beantworten zu können , ist es notwendig , einen Blick nach rückwärts zu werfen . Wir müssen uns davon überzeugen , welche Entwicklung die Nationalitätenpolitik im Burgenlande genommen und insbesondere , wie sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Ungarn gestaltet hat . Und da ist es merkwürdig , dass - während über die anderen deutschen Stämme in Ungarn , über Sachsen , Banater Schwaben usw . eine ziemlich reiche Literatur besteht - das Burgenland in dieser Hinsicht gänzlich Neuland ist . Aus diesem Grunde wolle man es begreiflich und verzeihlich finden , dass im nächsten Kapitel der Verfasser nur über eigene Erfahrungen und Eindrücke berichtet . Der Umstand , dass ich der zünftigen Politik vollkommen ferne stehe , wird meine Darstellung zwar nicht interessanter , vielleicht aber verlässlicher machen . Die Stellung meines Vaters und mein Beruf gestatteten mir während dreier Jahrzehnte vom Zentrum des Burgenlandes aus das politische , wirtschaftliche und gesellschaftliche Getriebe aus nächster Nähe zu beobachten .
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