Sonntagsblatt 01-2022 - Page 14

Sprache haben ( auch wenn die Konkurrenz slowakischer Schulen mancherorts groß ist ), nicht mit der Situation der Ungarndeutschen vergleichen - auch wenn ich über die Grenze in die Slowakei fahre , dann fällt es mir nicht schwer auf Ungarisch zu kommunizieren , selbst mit alteingesessenen Slowaken . Stellen wir uns vor , ich kehre in einer deutschbewohnten Kleinstadt in der Nähe von Budapest in einer Gaststätte ein und will auf Deutsch bestellen ( ich sage es deswegen so vollmundig , weil es mir schon mal passiert ist ) - große Augen und Ratlosigkeit sind das Ergebnis ! Daher ist die Lage in der Tat nicht vergleichbar .
Auch deshalb nicht vergleichbar , denn dort kennt man ungarische Parteien , aber wiederum keine parallelen ( Nationalitäten- ) Selbstverwaltungsstrukturen , denn wo die Madjaren in der Mehrheit sind , dort stellen sie in der Regel auch die Mehrheit in den Gemeinderäten , ob über ihre politischen Parteien oder parteilos ( oder eben unter der Ägide slowakischer Parteien ). Wenn ich mich recht erinnere , hatten wir um die Jahrtausendwende eine ähnlich Konstellation , als sich Gemeinderäte zu lokalen Nationalitätengemeinderäten erklären konnten : Gemeinderäte mit voller Verantwortung für alle Bereiche des lokalen Daseins und nicht lediglich als Kulturverantwortliche oder - wo es Bildungs- und Erziehungsinstitutionen in der Trägerschaft örtlicher Nationalitätenselbstverwaltungen gibt - als Bildungsmitverantwortliche . Letzteres ist aber immerhin ein begrüßenswerter Teil-Ausdruck der Idee von kultureller Autonomie , die die Slowakeimadjaren jedenfalls in Bezug auf Schulen und Kitas in dieser Form nicht genießen .
Also ein recht komplexes Bild , das sich für uns eröffnet ! Auch Gemeinsamkeiten weisen die beiden Minderheitengemeinschaften auf , so zum Beispiel der immer höhere Anteil von Mischehen – während es mancherorts im Süden Ungarns erst in den 1960ern zu ersten Mischehen kam , kenne ich heute kaum einen Jugendlichen , bei dem beide Eltern Deutsche sind . Studienergebnisse , so auch aus der Slowakei , zeigen , dass Mischehen den Assimilierungsdruck deutlich erhöhen – natürlich macht es einen Unterschied , ob die madjarisch-slowakische Familie in einem madjarischen Dorf nahe Niedermarkt / Dunajská Streda wohnt oder im slowakisch geprägten Neutra . Dies gilt nicht weniger für uns Deutsche in Ungarn , zumal nun die dritte Generation heranwächst , für die die deutsche Sprache keine Muttersprache mehr darstellt ( bei allem Respekt für die Ausnahmen ).
Daher ist ein Vergleich mit dem Blockmadjarentum schwer möglich , da mag der Kommentator Recht behalten . Wohl aber ist ein Vergleich mit den Madjaren in den Streusiedlungsgebieten der Südslowakei angemessen . Die Bürgermeister der zitierten Orte erteilten dabei eine klare Absage an eine traditionspflegebasierte Identität , denn diese kann man ja - siehe das Beispiel der Iren - auch ohne Sprache hegen und pflegen . Jetzt höre ich schon die Stimmen der Kritiker , ich sei nicht gewillt die Bemühungen von Kulturschaffenden zu würdigen . Falsch ! Genauso schätzen die madjarischen Bürgermeister dieses kulturelle Erbe , aber sagen völlig richtig , dass man mit Volkstanz , Volksmusik und Traditionspflege , also der „ bõgatyás ” Seite des Minderheitendaseins , nicht überlebe . Man habe darüber hinaus laut Bürgermeister in der Vergangenheit die Unterstützung der Diaspora im Alltag sträflich vernachlässigt .
Was könnte das in unserer Relation bedeuten ? Wohl , dass dieses Minderheitendasein mit Inhalt gefüllt werden soll , allen voran in sprachlicher Hinsicht ! Aber wenn man das beklemmende Gefühl hat , dass die fünf Deutschstunden plus Volkskundestunde nicht ausreichen , um die verlorene Großmuttersprache wiederzubeleben ? Wenn man den Eindruck hat , dass man – trotz verbriefter Rechte – seine offiziellen Angelegenheit in der Kreisverwaltung oder auf dem örtlichen Amt nur ungarisch erledigen kann ? Oder wenn man sonntags der deutschen Messe beiwohnen möchte und feststellen muss , dass der Herr Pfarrer , der eigentlich Deutsch studiert hat , die Predigt auf Ungarisch hält ?
Jetzt würden einige entgegenhalten , dass man das ja nicht forcieren sollte , denn die Leute verstünden deutsche Predigten nicht mehr . Und da ist ja der halbe Hund begraben : Ja , WIR müssen das wollen und alles dafür tun . Lösungsorientiert , wie einer der slowakeimadjarischen Bürgermeister fordert ! Dass es geht , zeigen Beispiele von Jüngeren und Älteren , denn ihnen liegt sehr viel daran , die Minderheiten- / Nationalitätenidentität nicht nur auf der Bühne – dort selbstverständlich auch ! - auszuleben .
Die Bürgermeister der madjarischen Streusiedlungen bei Neutra sehen die Lösung teilweise bei mehr Geldmitteln , aber teilweise auch beim „ entschlossenen Auftreten der Führungsriege ”. Eine treffende Analyse , denn Mehrsprachigkeit zu praktizieren kostet mehr Zeit , was auch automatisch mehr Geld bedeutet ! Aber hat der wahre Geldsegen der letzten Jahre uns stärker gemacht ? Es wäre sicher ungerecht , diese Frage mit einem kategorischen Nein zu beantworten . Aber entscheidend bleibt das ENT- SCHLOSSENE WOLLEN und nicht nur von der Führungsriege ( von welcher auch immer ) - und ja , wie einst Fritzi Batschi laut geäußert hat , es müssten Dinge auch von oben angestoßen und angeordnet werden bzw . die Rahmenbedingungen geschaffen werden wie der Gebrauch der deutschen Sprache in der Verwaltung , den Schulen und in der Seelsorge , da ist ja die andere Hälfte des Hundes begraben - , sondern von uns selbst .
Selbstverblendung mag das Leben schöner machen und von Integrationsleistung zeugen , aber irgendwann wacht jeder aus dem Traum auf . Tun wir gemeinsam dafür , dass dieses Erwachen nicht zum Alptraum wird und wir eine authentische Zukunft haben !
14 SoNNTAGSBLATT