Sonntagsblatt 01-2022 - Page 10

Sprachlich-kulturelles Erbe bewusster weitergeben

Haraster DNG-Schülerin Kira Sztaskó über Identität , ihre Liebe zur Kunst und den Stellenwert der deutschen Sprache
Von Richard Guth
Alles fing mit einem Plakat im sozialen Netzwerk Facebook an , das zum Faschingsball einladen sollte . Einsprachig ungarisch ( mittlerweile gibt es eine deutsche Version )! Das lud mich geradezu ein , eine Reaktion loszulassen . Ohne die Künstlerin dahinter oder gar den künstlerischen Wert des Plakats richtig in Augenschein zu nehmen ! Darauf folgten Reaktionen von anderen und das Angebot einander näher kennen zu lernen . Erste Etappe : Ein deutschsprachiges Gespräch mit der achtzehnjährigen Kira Sztaskó aus Harast / Dunaharaszti , die das einladende Plakat entworfen hat .
Kira ( eigentlich Kíra , aber sie schreibt das I in ihrem Namen „ kurz ”) besucht das zweisprachige Deutsche Nationalitätengymnasium Budapest ( DNG ) und bereitet sich gerade auf ihr Abitur vor . Die Schule selbst habe viel zu ihrer deutschen Identität beigetragen , denn man würde sich nicht nur Wissen aneignen , sondern auch Traditionen wie Schwabenbälle und Martinstag leben , was das Gemeinschaftsgefühl stärke . Auch das Tragen der Tracht empfindet sie als eine Bereicherung . „ Sehr viele entdecken ihre Wurzeln erst hier , denn sie entscheiden sich oft wegen der Sprache für das DNG ”, so die Schülerin . Auch bei ihr hätten die Eltern wenig Bezug zum Deutschtum gehabt , obwohl sie mütterlicherseits Ungarndeutsche ist - Mädchenname der Mutter : Szing . Nach eigenen Erinnerungen hörte sie den Begriff „ Schwabe ” zum ersten Mal von der Oma , dann immer öfters in der Grundschule . Kein Wunder , dass sie bereits in der Grundschule dem Verein Junger Haraster Schwaben beitrat : „ Die Mitgliedschaft im Verein hat meine ungarndeutsche Identität gestärkt ”, sagt die Schülerin , die nach bestandenem Abitur und erfolgreicher Sprachdiplomprüfung ( DSD II ) ein Studium im Studienfach „ Visuelle Kommunikation ” in Deutschland - genauer gesagt an der Kunsthochschule Kassel - aufnehmen möchte , die sie als eine internationale Schule mit fächerübergreifender Lehre wahrnimmt . noch die Traditionen und hat mich geprägt , wobei mich als Kind dieses deutsche Erbe noch nicht sonderlich interessierte . Noch vor der DNG-Zeit bin ich aber von Mitgliedern des Vereins Junger Haraster Schwaben zum Tanzlager eingeladen worden und erkannte , was für eine tolle Gemeinschaft sie bilden . In der Tanzgruppe hat jeder die Chance sich zu entfalten – nicht nur beim Tanz , sondern auch bei seiner Persönlichkeit , seinen sozialen Fähigkeiten und seiner ungarndeutschen Identität , dabei war das Zusammengehörigkeitsgefühl von Anfang an sehr wichtig .” Die Vereinsarbeit bedeutet für die Harasterin „ andere Erfahrungen als in der Schule ”. Der Verein Junger Haraster Schwaben zählt mit Unterstützern 50-60 Personen , nach Kiras Angaben alle bekennende Ungarndeutsche mit oder ohne Deutschkenntnisse - je nach Schulbildung , denn das Elternhaus würde nur noch in den seltensten Fällen die Sprache tradieren . Darüber hinaus würden auch andere , „ neugierige ” Jugendliche ihre Veranstaltungen besuchen , um daran teilzuhaben . Mit dem Verein werde das Ungarndeutschtum auch im Ausland vertreten ; sie nennt als Beispiel ein Tanzlager in Österreich , das jüngst stattgefunden hat : Hier habe die Haraster Tanzgruppe das ungarländische deutsche Tanzund Kulturgut vorgestellt und viele Ähnlichkeiten mit österreichischen Tänzen erkannt : „ Das Tanzlager war ein wichtiger kultureller Austausch , ich konnte meine ungarndeutsche Seite im Ausland zeigen .”
Kira Sztaskó ist bei aller Begeisterung für die Brauchtumspflege eine kritische Zeitgenossin geblieben : „ Der Sprachverlust ist ein großes Problem . In meiner Familie beispielsweise wird die Mundart nicht mehr gesprochen , selbst meine Oma versteht sie auch nur . Daher stellt sich die Frage , ob man diesen Prozess noch stoppen kann . Dennoch gibt es heute Möglichkeiten des Spracherwerbs und der Wissensvermittlung bezüglich der Tradition , wie mein Beispiel auch zeigt .” Sie sieht
Für ihr besonderes Engagement erhielt sie für das letzte und das laufende Schuljahr das Nationalitätenstipendium des Schulministeriums : „ Bei der Auswahl hat man auf Wettbewerbsteilnahmen , soziales Engagement und die schulischen Ergebnisse geachtet – auf Letzteres lege ich großen Wert .” Kira spart die 30.000 Forint im Monat ( 85 Euro ) nach eigenen Angaben für das spätere Studium und empfindet das Stipendium als „ motivierend , um meine Tätigkeit fortzuführen ”. Dazu gehört nach Kiras Selbstverständnis auch Plakate zu entwerfen - der Ausgangspunkt des Gesprächs .
Ihre Vereinstätigkeit und „ Volkstumsarbeit ” begann bereits in der Kindheit und hier spielte die Großmutter nach Kiras Angaben eine zentrale Rolle : „ Oma kennt
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