's Dorfblattl Haiming - Digitalausgabe Dorfblattl Haiming Herbst 2019 04/19 | Page 31

´s Dorfblattl Haiming Anstrengend, schmerzhaft, genial Pia Harrasser im Einzel und im Team zu Gold D ich mir hinten auf einen Stuhl. Die Kampfrichter erklären geraden noch, dass man insgesamt 120 Mi- nuten für jeweils 20 Schuss kniend, liegend und stehend Zeit hat. Wir müssen selbst auf Probemodus und Wettkampf umstellen und uns die Zeit einteilen. „Ein lautes Geräusch reißt mich aus dem Schlaf. Ich strecke mich und schalte meinen Wecker so schnell wie möglich aus, dann schaue ich auf die Zeit. 5:30 Uhr. Wieso müssen diese Wettkämpfe immer so verdammt früh sein? Ein wenig später und trotz aller Frühe immer noch gestresst, ma- chen wir uns auf den Weg. In Arzl bei Innsbruck angekommen, stei- ge ich die Stufen zur Eingangstür hoch und öffne sie. Wie immer steigt mir der vertraute Geruch von Schwarzpulver in die Nase. Automatisch suche ich den Raum nach meinen Freunden ab und finde Carmen, Lisa und Dominic in einer Ecke. Ich gehe zu ihnen und stelle meine Ausrüstung ge- genüber dem Stand ab, an dem ich heute schießen werde. Nach dem ganzen Händeschütteln und Umarmen mache ich mich lang- sam daran mich umzuziehen. Halb acht. Noch eine halbe Stunde bis zum Wettkampfstart. So langsam macht sich die Nervosität breit. Fünfzehn Minuten später stehe ich an meinem Stand und bereite alles vor. Dann höre ich das Kom- mando zum Start. Nach ein paar Probeschüssen habe ich ein gutes Gefühl und wechsle in den Wett- kampf. Ich gehe in den Anschlag, schaue nach unten, konzentriere mich auf meine Atmung. Um mich herum fallen Schüsse. Ich nehme einen tiefen Luftzug, atme wieder aus. Dann hebe ich meinen Blick und beobachte die Zielscheibe. Ich kann meinen Puls an den Be- wegungen meines Gewehres er- kennen. Ich lege meinen Finger auf den Abzug. Zwischen meinen Herzschlägen bin ich ruhig genug und ziehe meinen Finger nach hin- ten. Puff! Ich spüre den Rückstoß, warte zwei Sekunden, lade mein Gewehr wieder und wiederhole das Ganze noch neununddreißig Pia traf an diesem Wochenende fast immer in die goldene Mitte. Mal. Da diese Disziplin noch auf Papierscheiben ausgeübt wird und ich zu faul bin, immer mitzuzäh- len, weiß ich nicht wie viele Ringe ich im Endeffekt habe, aber ich denke es war ganz in Ordnung. Ich beende den Wettkampf nach guten fünfzig Minuten und gehe vom Stand. Carmen umarmt mich sofort und zieht mich zu dem Mo- nitor mit den Ergebnissen. Erstaunt gehe ich mit ihr und lese schnell über die Zeilen. 379 Ringe. Das Ergebnis der Staatsmeisterin. Ich schaue nach links zu den Namen und—das bin ja ich! Und darunter: Carmen! Wir fallen uns in die Arme und gratulieren uns gegenseitig. Die Liste wird aktualisiert und wir sehen, dass Lisa dritte ist. Wie toll! Ich stehe zum ersten Mal nur mit meinen Freundinnen am Podest! Nach der Siegerehrung ziehe ich mich erneut um, diesmal für den 60-Meter-Liegend-Wettkampf. Dieser wird auf die modernen elektrischen Anlagen geschossen, deshalb gibt es vor dem Wett- kampf eine 15-minütige Vorberei- tungszeit. In dieser richte ich den Stand erneut ein und baue mein Gewehr um, da ich eine ande- re Einstellung brauche wie beim stehend schießen. Dann lege ich mich auf die Pritsche. Ich kontrol- liere meine Armhaltung, meine Fußstellung und setze dann mein Gewehr ein. Es zielt genau auf die Scheibe. Nach der Probe wird auf Wettkampf um geschalten. Mei- ne Stellung passt perfekt. Ich höre meinen Herzschlag, achte auf meinen Puls und löse den ersten Schuss. Acht. Was?! Ich habe den Schuss doch ganz mittig gese- hen! Ok, besser konzentrieren und nochmal. Zehn. Gut. Ich schieße ein paar Schüsse, dann passiert es schon wieder –neun. Was zur Hölle? Ich gehe nochmal neu in die Stellung. Jetzt passt alles wieder. Aber was war das vorhin? Ich beende den Wettkampf, unzu- frieden mit dem Resultat und mir selbst. Während ich meine Schieß- bekleidung wieder ausziehe, rede ich mit meinen Eltern. „Du bist trotzdem noch dritte.“, sagt mein Papa. „Naja aber mich ärgert nicht das Ergebnis, sondern dass ich nicht weiß was falsch gelaufen ist.“ Nachdem ich wieder etwas ruhiger geworden bin, mache ich mich gemeinsam mit meinen Freunden auf den Weg zur Siegerehrung. Eigentlich war dieser Tag doch ganz gut, wir haben zwei Mann- schafts-Gold gemacht und im Ein- zel habe ich auch eine Gold- und eine Bronzemedaille. Jetzt freue ich mich schon auf den Dreistel- lungsbewerb morgen! Die anspruchsvollste Disziplin. Anstrengend, schmerzhaft, genial. Der Dreistellungsbewerb beginnt mit dem Kniend-Schießen. Dafür lege ich die dafür benötigte Rol- le, um meinen Fuß später besser positionieren zu können, schon auf den Boden. Meine benötigten Teile und Werkzeuge für den Um- bau zwischen den Disziplinen lege Herbst 2019 Mittlerweile ignoriere ich das gan- ze schon, bei den internationalen Wettkämpfen reden sie ja auch nie so lange, wieso denn bei uns? „Start!“, kommt es aus den Laut- sprechern. Ich knie mich hin. Kon- trolliere meine Beinstellung, meine Kopfposition und die Arme. Passt alles. Na dann los. Die Probe läuft super, dann kommt die Wertung. Ich mache meinen normalen Ab- lauf: konzentrieren, ein- und wie- der ausatmen, auf der Scheibe ste- hen bleiben und den Schuss lösen. Das hat sich nicht gut angefühlt! Ich schaue auf den Monitor. Neun. Konzentriere dich, Pia. Auch wenn ich immer wieder mal einen Schuss dabei habe der nicht so gut ist, im Großen und Ganzen passt es. Mei- ne Beine sind mittlerweile taub, weil ich durch den Anschlag kein Blut mehr hinein bekomme, ge- nauso wie meine Hand. Ich schalte auf liegend um und beginne mein Gewehr umzubauen. Dann gehe ich wieder in den Anschlag, kon- zentriere mich auf den Ablauf, löse den ersten Schuss. Hey, das geht ja ziemlich gut heute! Auch wenn meine Stützhand unter dem schweren Gewehr schmerzt und kribbelt, es macht solchen Spaß wenn es so läuft wie jetzt. Auch beim stehend geht es ziem- lich gut, ich habe heute mein zweitbestes Ergebnis geschossen! Lisa hat noch ein paar Ringe mehr als ich. Wow! Nachdem wir uns gratuliert und umgezogen haben gehen wir zur Siegerehrung. Zuerst wird Lisa auf- gerufen, dann ich, kurze Zeit spä- ter Carmen. Mit der Mannschaft holen wir die Goldmedaille, ich im Einzel Silber. Das war ein erfolg- reiches Wochenende!“ (Text: Pia Harrasser; Foto: Andre- as Harrasser) Seite 31 as Dorfblattl will mit dieser Form des Textes den Lesern einen Einblick in die Gefühlswelt einer Sportlerin ermöglichen und Pia hat das hervorragend umgesetzt: