´s Dorfblattl Haiming
Anstrengend, schmerzhaft, genial
Pia Harrasser im Einzel und im Team zu Gold
D
ich mir hinten auf einen Stuhl. Die
Kampfrichter erklären geraden
noch, dass man insgesamt 120 Mi-
nuten für jeweils 20 Schuss kniend,
liegend und stehend Zeit hat. Wir
müssen selbst auf Probemodus
und Wettkampf umstellen und uns
die Zeit einteilen.
„Ein lautes Geräusch reißt mich
aus dem Schlaf. Ich strecke mich
und schalte meinen Wecker so
schnell wie möglich aus, dann
schaue ich auf die Zeit. 5:30 Uhr.
Wieso müssen diese Wettkämpfe
immer so verdammt früh sein?
Ein wenig später und trotz aller
Frühe immer noch gestresst, ma-
chen wir uns auf den Weg. In Arzl
bei Innsbruck angekommen, stei-
ge ich die Stufen zur Eingangstür
hoch und öffne sie. Wie immer
steigt mir der vertraute Geruch
von Schwarzpulver in die Nase.
Automatisch suche ich den Raum
nach meinen Freunden ab und
finde Carmen, Lisa und Dominic
in einer Ecke. Ich gehe zu ihnen
und stelle meine Ausrüstung ge-
genüber dem Stand ab, an dem
ich heute schießen werde. Nach
dem ganzen Händeschütteln und
Umarmen mache ich mich lang-
sam daran mich umzuziehen. Halb
acht. Noch eine halbe Stunde bis
zum Wettkampfstart. So langsam
macht sich die Nervosität breit.
Fünfzehn Minuten später stehe
ich an meinem Stand und bereite
alles vor. Dann höre ich das Kom-
mando zum Start. Nach ein paar
Probeschüssen habe ich ein gutes
Gefühl und wechsle in den Wett-
kampf. Ich gehe in den Anschlag,
schaue nach unten, konzentriere
mich auf meine Atmung. Um mich
herum fallen Schüsse. Ich nehme
einen tiefen Luftzug, atme wieder
aus. Dann hebe ich meinen Blick
und beobachte die Zielscheibe.
Ich kann meinen Puls an den Be-
wegungen meines Gewehres er-
kennen. Ich lege meinen Finger
auf den Abzug. Zwischen meinen
Herzschlägen bin ich ruhig genug
und ziehe meinen Finger nach hin-
ten. Puff! Ich spüre den Rückstoß,
warte zwei Sekunden, lade mein
Gewehr wieder und wiederhole
das Ganze noch neununddreißig
Pia traf an diesem Wochenende fast immer in die goldene Mitte.
Mal. Da diese Disziplin noch auf
Papierscheiben ausgeübt wird und
ich zu faul bin, immer mitzuzäh-
len, weiß ich nicht wie viele Ringe
ich im Endeffekt habe, aber ich
denke es war ganz in Ordnung.
Ich beende den Wettkampf nach
guten fünfzig Minuten und gehe
vom Stand. Carmen umarmt mich
sofort und zieht mich zu dem Mo-
nitor mit den Ergebnissen. Erstaunt
gehe ich mit ihr und lese schnell
über die Zeilen. 379 Ringe. Das
Ergebnis der Staatsmeisterin. Ich
schaue nach links zu den Namen
und—das bin ja ich! Und darunter:
Carmen! Wir fallen uns in die Arme
und gratulieren uns gegenseitig.
Die Liste wird aktualisiert und wir
sehen, dass Lisa dritte ist. Wie toll!
Ich stehe zum ersten Mal nur mit
meinen Freundinnen am Podest!
Nach der Siegerehrung ziehe ich
mich erneut um, diesmal für den
60-Meter-Liegend-Wettkampf.
Dieser wird auf die modernen
elektrischen Anlagen geschossen,
deshalb gibt es vor dem Wett-
kampf eine 15-minütige Vorberei-
tungszeit. In dieser richte ich den
Stand erneut ein und baue mein
Gewehr um, da ich eine ande-
re Einstellung brauche wie beim
stehend schießen. Dann lege ich
mich auf die Pritsche. Ich kontrol-
liere meine Armhaltung, meine
Fußstellung und setze dann mein
Gewehr ein. Es zielt genau auf die
Scheibe. Nach der Probe wird auf
Wettkampf um geschalten. Mei-
ne Stellung passt perfekt. Ich höre
meinen Herzschlag, achte auf
meinen Puls und löse den ersten
Schuss. Acht. Was?! Ich habe den
Schuss doch ganz mittig gese-
hen! Ok, besser konzentrieren und
nochmal. Zehn. Gut.
Ich schieße ein paar Schüsse, dann
passiert es schon wieder –neun.
Was zur Hölle? Ich gehe nochmal
neu in die Stellung. Jetzt passt alles
wieder. Aber was war das vorhin?
Ich beende den Wettkampf, unzu-
frieden mit dem Resultat und mir
selbst. Während ich meine Schieß-
bekleidung wieder ausziehe, rede
ich mit meinen Eltern. „Du bist
trotzdem noch dritte.“, sagt mein
Papa. „Naja aber mich ärgert nicht
das Ergebnis, sondern dass ich
nicht weiß was falsch gelaufen ist.“
Nachdem ich wieder etwas ruhiger
geworden bin, mache ich mich
gemeinsam mit meinen Freunden
auf den Weg zur Siegerehrung.
Eigentlich war dieser Tag doch
ganz gut, wir haben zwei Mann-
schafts-Gold gemacht und im Ein-
zel habe ich auch eine Gold- und
eine Bronzemedaille. Jetzt freue
ich mich schon auf den Dreistel-
lungsbewerb morgen!
Die anspruchsvollste Disziplin.
Anstrengend, schmerzhaft, genial.
Der Dreistellungsbewerb beginnt
mit dem Kniend-Schießen. Dafür
lege ich die dafür benötigte Rol-
le, um meinen Fuß später besser
positionieren zu können, schon
auf den Boden. Meine benötigten
Teile und Werkzeuge für den Um-
bau zwischen den Disziplinen lege
Herbst 2019
Mittlerweile ignoriere ich das gan-
ze schon, bei den internationalen
Wettkämpfen reden sie ja auch nie
so lange, wieso denn bei uns?
„Start!“, kommt es aus den Laut-
sprechern. Ich knie mich hin. Kon-
trolliere meine Beinstellung, meine
Kopfposition und die Arme. Passt
alles. Na dann los. Die Probe läuft
super, dann kommt die Wertung.
Ich mache meinen normalen Ab-
lauf: konzentrieren, ein- und wie-
der ausatmen, auf der Scheibe ste-
hen bleiben und den Schuss lösen.
Das hat sich nicht gut angefühlt!
Ich schaue auf den Monitor. Neun.
Konzentriere dich, Pia. Auch wenn
ich immer wieder mal einen Schuss
dabei habe der nicht so gut ist, im
Großen und Ganzen passt es. Mei-
ne Beine sind mittlerweile taub,
weil ich durch den Anschlag kein
Blut mehr hinein bekomme, ge-
nauso wie meine Hand. Ich schalte
auf liegend um und beginne mein
Gewehr umzubauen. Dann gehe
ich wieder in den Anschlag, kon-
zentriere mich auf den Ablauf, löse
den ersten Schuss. Hey, das geht ja
ziemlich gut heute!
Auch wenn meine Stützhand unter
dem schweren Gewehr schmerzt
und kribbelt, es macht solchen
Spaß wenn es so läuft wie jetzt.
Auch beim stehend geht es ziem-
lich gut, ich habe heute mein
zweitbestes Ergebnis geschossen!
Lisa hat noch ein paar Ringe mehr
als ich. Wow!
Nachdem wir uns gratuliert und
umgezogen haben gehen wir zur
Siegerehrung. Zuerst wird Lisa auf-
gerufen, dann ich, kurze Zeit spä-
ter Carmen. Mit der Mannschaft
holen wir die Goldmedaille, ich im
Einzel Silber. Das war ein erfolg-
reiches Wochenende!“
(Text: Pia Harrasser; Foto: Andre-
as Harrasser)
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as Dorfblattl will mit dieser
Form des Textes den Lesern
einen Einblick in die Gefühlswelt
einer Sportlerin ermöglichen
und Pia hat das hervorragend
umgesetzt: