Neue Debatte - Beiheft #007 - 04/2017 Atomisierte Wissenschaft - Page 4

Es stellte sich heraus, dass die Menschheit die am weitesten entwickelte Primatenart ist und quasi vom Affen abstammt. Aus der „Krone der Schöpfung“ wurde eine ganz profane, evolutionär erklärbare Le- bensform auf der Erde. Für Philosophie, Religion und Geschichte als Kerndisziplinen der Geisteswissen- schaften war das ein Schock. Der vergeis- tigten, gottähnlichen Selbstüberhöhung und dem Gottesgnadentum der herr- schenden Klassen wurde endgültig ihr Fundament entzogen. Bauch statt Ratio An der Krone der Schöpfung blieb nur noch ein großer Zacken übrig, der aller- dings Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts abbrach und von der Krone nur einen einfachen Stirnreif ohne König übrig ließ. Nicht nur, dass die Welt sich mit naturwis- senschaftlicher Forschung erklären lässt. Nicht nur, dass sich die edlen, gottähnli- chen, vergeistigten Geschöpfe als Prima- ten entpuppten. Nun entdeckten der österreichische Arzt Sigmund Freud und die Psychoanalytiker zu allem Unglück auch noch, dass es mit der Ratio, der Vernunft und der Logik der Menschen nicht weit her ist. Menschen entscheiden aus dem Bauch heraus. Ein steuerndes Unterbewusstsein und ver- schiedene „Ichs“ bestimmen die Handlun- gen der Menschen. Die große, geistige Freiheit des Menschen reduzierte sich als nachträglich vorgeschoben und in die wirklichen Abläufe hineinrationalisiert. Geisteswissenschaften ohne Geist Von dem höheren Geistwesen, das den 4 Menschen – meist zu Pfingsten in Form von Tauben – den göttlichen Funken und Geist herabschickt, blieb nichts zum „Ver- stehen“ übrig. Das „Verstehen“ der Geisteswissenschaft ist im Kern nichts weiter als das Fest- klammern an überholter Hybris. Das Verstehen, das Einfühlen, das Nach- empfinden von menschlichen und gesell- schaftlichen Regungen in den Geisteswis- senschaften war immer nur ein Versuch, sich die Welt nach den eigenen, gehobe- nen Ansprüchen zurechtzulegen und pas- send zu machen. Jede Zeit und jede Elite verstand ihre Exis- tenz so, dass sie gut abschnitt, während die Naturwissenschaften die Welt immer umfassender und tiefer „erklärten“ und Geisteswissenschaften ohne „Geist“ zu- rückließen. Natürlich gibt es Bereiche und Lebensäu- ßerungen, die man – zumindest im Rah- men der heutigen Grenzen naturwissen- schaftlicher Parameter – nicht erklären kann. Das wird angesichts der sich uns heute etwas mehr offenbarenden Welt des Subatomaren (Quantenmechanik) und des Größten, der Galaxis (Relativitätstheo- rie), auch so bleiben – auch für die noch oft mit bildungsbürgerlichem Dünkel durchsetzte „Geisteswissenschaft“. Eine notwendige Symbiose Naturwissenschaftliches „Erklären“ und geisteswissenschaftliches „Verstehen“ ge- hören untrennbar zusammen. Erklärende Naturwissenschaftler müssen immer verstehen, was sie eigentlich trei- ben und welche Implikationen und gesell- schaftlichen Auswirkungen ihre Arbeit hat. Sie müssen ihre Verantwortung begreifen,