Neue Debatte - Beiheft #007 - 04/2017 Atomisierte Wissenschaft - Page 2

Bewusstsein ihrer selbst. Und da sie Krone der Schöpfung waren, musste es auch ei- nen Schöpfer geben, der ihnen diesen krönenden Geist eingehaucht hatte. Ideen und ihren Geist selber schufen (Ma- terialismus)? Das bedeutet, dass zum Menschsein eine Religion mit Schöpfergott gehörte. Der Geist kam aus der Sphäre des Überirdi- schen und hatte nichts mit der uns umge- benden physischen Welt zu tun. Solange Religionen die Welt erklärten (besser: verklärten) und die Theologie die Leitwissenschaft war (Mittelalter), wurde jeder Materialismus automatisch zu Got- tesleugnung und Ketzerei. „Am Anfang war das Wort“, sagt die Bibel. Gemäß diesem Konzept existierte zuerst die göttliche Idee, dann formte sich die Welt gemäß dieser geistigen, ideellen Grundlage. Im Verlauf der Geschichte gab es heftige Einbrüche in die Phalanx des religiösen Idealismus, und die Menschheit musste heftige Kröten schlucken. Die Erschaffung des Lichts. (Foto: Gemeinfrei) Wir haben es hier mit einem alten „Henne und Ei“ Grundproblem der Philosophie zu tun: Was war zuerst? War es der Geist, der alles, die Welt, die Menschen und die Ge- sellschaft nach göttlicher Idee formte (Idealismus)? Oder waren es die physisch, gesellschaft- lich existierenden Menschen, die sich im Laufe der gelebten Geschichte ihr Be- wusstsein, ihre Weltanschauung, ihre 2 Die etwas andere Menschheit „Menschheit“ ist nicht ganz richtig, um das klarzustellen. Es handelte sich immer nur um dünne, die Kultur beherrschende Elite- schichten in den Gesellschaften, die sich selbst meinten, wenn sie von „Mensch- heit“ sprachen. Ein Sklave zählte für sie zum belebten Ar- beitswerkzeug wie das Vieh. Die leibeige- nen Bauern oder die Massen der in der Großindustrie schuftenden Lohnarbeiter zählten nicht zur zivilisierten Menschheit, genauso wenig wie heute die abgeschrie- benen, verhungernden Menschen in Afrika und die verelendenden, arbeitslosen Mas- sen weltweit in der sogenannten Dritten Welt und selbst immer größerer Bevölke- rungsteile in den Metropolländern selbst. Erkenntnis bis zum Scheiterhaufen Der erste Einbruch in die „Krone der Schöpfung“ kam mit der Renaissance (Ko- pernikanische Wende im 16. Jahrhundert). Die Astronomie eines Nikolaus Kopernikus, Johannes Keppler, Tycho Brahe und Gali- leo Galilei zertrümmerten das alte geozen- trische Weltbild, bei dem sich alles nach und um die Erde und die sie beherbergen- de „Krone der Schöpfung“ drehte, die nun