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Von Freunden und
vermeintlichen Feinden
Flüchtlinge bis zu 1.500 Euro im Monat zur freien
Verfügung hätten. Ebenso behauptete er, es gäbe
bereits einen Gesetzesentwurf, der in naher Zukunft einen ausschließlich muslimischen Badetag
in den Schwimmbädern vorsehe. Die knappe Bademode sei dafür verantwortlich, dass sich zahlreiche Flüchtlinge bereits über die „Sittenwidrigkeit der Deutschen“ beschwert hätten, erklärte
Michael mit hörbarem, sarkastischem Unterton.
Nahezu jedes seiner mehr oder weniger wahren
Argumente beendete er mit einer Floskel wie „was
haltet ihr davon Freunde?!“ oder „Freunde, lassen
wir uns das gefallen?“. Die Zuhörer hingen ihm
geradezu an den Lippen und beantworteten seine
Fragen oftmals mit lauten „Nein“- oder „Pfui“-Rufen sowie heftigem Beifall.
Nach einer halben Stunde etwa verlangsamte sich
die Menschenmasse und kam schließlich ganz zum
Stillstand. Wir standen nun vor dem Stefansplatz
in der Karlsruher Innenstadt, der rundum abgesperrt und von Polizisten bewacht war. In diesem
abgesperrten Bereich versammelten sich nun die
fahnenschwingenden „Widerstand Karlsruhe“-Anhänger vor einer Bühne inmitten des Stefanplatzes. Um uns auch die andere Sei te anhören zu
können, war klar, dass sich Motion an den Polizisten vorbei, zum Zentrum des Platzes begeben
musste. Als wir einer Polizistin unsere Situation
erklärten, bestand diese darauf, uns persönlich an
den Anhängern vorbei und direkt zur Initiatorin
zu führen. Vor der Bühne wurde uns Esther Seitz
vorgestellt. Sie ist die Gründerin der Bewegung
„Widerstand Karlsruhe“ und organisiert alle zwei
Wochen Protestmärsche in Karlsruhe. Neu für uns
war an dieser Stelle, dass ganz offen über die Ablehnung von Flüchtlingsströmen gesprochen wurde. Kannte man dies, wenn überhaupt, bisher nur
hinter vorgehaltener Hand. „Deutschland rast auf
ein Asylchaos zu“ – „hier muss die Politik endlich
stärkere Grenzkontrollen anordnen“, um nur einige Statements von Seitz zu nennen. Nach einer
Weile wurde unser Gespräch allerdings durch die
Ankündigung der ersten Rede unterbrochen.
In seiner 20-minütigen Ansprache, ja fast schon
Predigt, griff der Redner Michael allerhand Themen auf. Beispielsweise behauptete er, dass
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Journalistinnen zu Gast, die gerade an einem Artikel über uns, unsere Bewegung und unsere Ziele
arbeiten. Hoffentlich ist ihnen bewusst, was der
Islam von emanzipierten Frauen wie ihnen hält!“
Schlagartig richteten sich die Augen der etwa 50
Zuhörer auf uns. Und auch hier fiel uns erneut der
junge Mann ganz vorne auf. Er schaute uns besonders eingängig an, als wolle er uns warnen seine
geliebte Bewegung, „Widerstand Karlsruhe“, in einem schlechten Licht darzustellen. Es muss wohl
nicht extra erwähnt werden, wie unwohl wir uns
in dieser Situation fühlten.
Als wir gegen Ende der Veranstaltung noch einige Stimmen der Anhänger einholten, fiel uns der
junge Mann mit dem bohrenden Blick erneut auf.
Er schlich geradezu um uns herum, während wir
versuchten, uns auf unsere Interviewpartner zu
konzentrieren. Mit Schrecken stellten wir dann
fest, dass die Polizei sich bereits zu großen Teilen
zurückgezogen hatte. Da standen wir also: Umringt von Pegida-Befürwortern und einem Mann,
der eindeutig ein Problem mit uns und unserer Arbeit zu haben schien. Nachdem wir einige O-Töne
eingeholt hatten, beschlossen wir daher, uns zügig
zu verabschieden und in die nächstbeste Bahn in
Richtung Heimat einzusteigen. Am Bahnhof angekommen, waren wir zwar etwas entspannter, über
die Ereignisse reden konnten wir jedoch erst, als
wir im Zug nach Stuttgart saßen. Weit weg von
„Widerstand Karlsruhe“, Antifas und dem Mann
mit dem durchbohrenden Blick.
Hasta la Vista, Antifascista
Hierbei fiel uns ein Zuhörer besonders ins Auge.
Ein junger Mann, vielleicht Ende 20, stand ganz
vorne und hielt ein Schild mit der Aufschrift: „Hasta la Vista, Antifascista!“ in den Händen. Mit offenem Mund verfolgte er die Rede und schrie stets
am lautesten, wenn Michael wieder einmal eine
seiner „Freunde“-Phrasen verwendete, um das
Publikum weiter anzustacheln. Als Michael in seiner Rede zu einem Teil kam, in dem er das, seiner
Meinung nach, verheerende Frauenbild des Islams
beschrieb, sprach er uns, die wir direkt vor der
Bühne mit unserem Mikrofon standen, an. „Das
sollte gerade auch Sie interessieren!“, sagte er
und zeigte auf uns. „Wir haben heute zwei junge
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Und hier gibt’s mehr:
Wie hören sich die Menschen an, die rechte Parolen von sich
geben? Reinhören:
bit.ly/demo-karlsruhe
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