Kulturführer Mitteleuropa 2022 - Page 8

KÖRPERLICH
© Gert-Jan Stam
Installation im Dokumentationszentrum Berliner Mauer ( 2019 )
Iván , wie steht es um Kunst und Kultur in Ungarn angesichts des Aufstiegs von Nationalismus und Populismus ? IG : Die Frage ist schwierig . Der aufkommende Nationalismus des 18 . Jahrhunderts beeinflusste lange kulturelle Entwicklungen in Europa . Die Literatur , bildende Kunst und Musik zeugen davon . Der Zusammenbruch der österreichischungarischen Monarchie brachte enorme Veränderungen . Und die Härte des 20 . Jahrhunderts machte die nationale Idee obsolet . Die europäische Herausforderung des 21 . Jahrhunderts besteht darin , die Idee des Nationalstaates zu begraben und zu jener Vielfalt zurückzukehren , die über Jahrhunderte hinweg üblich und natürlich war . Heute benutzen PopulistInnen nationale Gefühle , um sich den Veränderungen zu entziehen , die neue Technologien , soziale Probleme , Folgen der Globalisierung oder Ökologie einfordern . Ich wünschte , wir könnten mit Handshape durch Mittel- und Osteuropa reisen und versuchen , Menschen mit Migrationshintergrund und Einheimische zusammenzubringen . Ich bin überzeugt , dass Handshape ein Format ist , das das Eis zwischen Menschen brechen kann .
Einige MinisterInnen haben die EU-Kommission kürzlich dazu aufgefordert , Mittel für Grenzmauern oder Zäune bereitzustellen , um Flüchtende an der Einreise aus Belarus zu hindern . Wie können wir Offenheit und Dialog fördern , anstatt Symbole der Teilung wieder aufleben zu lassen ? IG : In dieser Frage bin ich ein Idealist und Optimist . Ich werde nie aufhören , daran zu glauben , dass sich Mentalitäten ändern können . Wandel brauchen wir auf allen Ebenen . Veränderung beginnt mit Aufgeben und Loslassen . Deshalb ist das einzige Merkmal von Veränderung , dass sie wehtut . Kein Schmerz , keine Veränderung . Die Verbindung zwischen Menschen schafft den notwendigen Durchbruch . Die Beweggründe des anderen zu sehen und zu verstehen , lässt uns über uns selbst nachdenken .
Woran arbeiten Sie aktuell ? MZ : Ich war Anfang Februar in der Nähe von Narva in Estland , an der russischen Grenze , und habe dort Workshops für junge soziale AktivistInnen und FriedensstifterInnen gegeben – RussInnen und EstInnen . Die Beziehung der NachbarInnen ist auch nach 30 Jahren Unabhängigkeit komplex . Sie kämpfen mit verschiedenen Problemen . Beide Kulturen sind zu stolz und starrköpfig , um Empathie zu zeigen , nachzudenken und Kontakte zu knüpfen . Obwohl sie sich danach sehnen , gemeinsam an einer besse-
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